Verführung in der Turnhalle

 

„Ach, Schönheit, Liebreiz, Gutherzigkeit! Wär ich euch doch niemals begegnet!“, bekennt John Claggart, „Ich bin dazu verdammt, euch zu zerstören“. Wie ein Fetisch holt er dabei das rote Halstuch aus seiner Tasche, das er zuvor „Beauty“, wie er den Neuankömmling Billy Budd bezeichnet, abgenommen hat. Billys Untergang ist damit besiegelt. Den aus Angst vor neuen Schlägen zu jedem Verrat bereiten Novizen bringt Claggart dazu, Billy auszuhorchen und zur Meuterei anzustacheln. Sanft streichelt er dem Jungen dabei über die Wange, reicht ihm eine Zigarette. Der Schiffsprofos ist der einzige, der auf dem Kriegsschiff “Indomitable“ seinen Dienst in Zivil versieht. Alle drei Knöpfe seines karierten Jacketts geschlossen, etwas stocksteif, mit Krawatte und kurzem Bart könnte er ein Hochschullehr aus Benjamin Brittens Zeit sein. Edward Morgen Forster gibt sich in seinem Libretto, welches er mit Eric John Crozier für Benjamin Britten aus der erst nach Hermann Melvilles Tod aufgefundenen, während des englisch-französischen Kriegs spielenden Erzählung „Billy Budd Fortetopman“ für dessen 1951 an Covent Garden uraufgeführte Oper Billy Budd einrichtete, zugeknöpft. Der Autor von Reise nach Indien, Zimmer mit Aussicht und Howard’s End, aber auch des Maurice, spart sich homosexuell gefärbte Ausdeutungen. Nur in Nuancen bleibt spürbar, dass Billy eine Herausforderung darstellt. Auch für Capitaine Edward Fairfax Vere, der sich beim abendlichen Kontrollgang einen kurzen Blick auf die nackten Männerkörper im Wasserdampf unter der Dusche gönnt.

Brittens „Billy Budd“ an der Oper Frankfurt/ Szene/ Foto wie oben Barbara Aumüller

In seiner nach wie vor gültigen Inszenierung einer „der schönsten Geschichten der Welt“, wie das berühmte Urteil Thomas Manns lautet, greift Richard Jones diese Nuancen behutsam auf und schafft ein zeitloses Sittenbild, das diesen Billy Budd, den die Frankfurter Oper jetzt wiederaufnahm, zu einer spannenden Studie über Verführung und Missbrauch macht (2. Juni). Viel ist bei Melville von Hölle und Engeln die Rede. Jones lässt die zahlreichen biblischen Aspekte ungenutzt, bietet kein christliches Erbauungsstück, zeigt stattdessen in seinem peniblen Detailrealismus den Alltag auf dem Schiff, die Rituale, das System. Zugleich kann der Saal, in dem die Matrosen in einer geradezu durchchoreographierten Kür zu sportlicher Ertüchtigung getrieben werden, Läufe absolvieren, an der Sprossenwand turnen und mit Medizinbällen trainieren müssen, eine Turnhalle in jenem Gymnasium oder Internat sein, wo strenge Hierarchien und ein Regelwerk aus Bestrafungen und Unterdrückung herrscht. Zucht, das geschlossene System des Machterhalts, das brillant beobachtete Räderwerk eines zwecklosen kriegerischen Aktionismus. All das beobachtet Jones mit penibler Genauigkeit. Im Längsschnitt setzte Antony McDonald die Mannschaftsräume, die Duschen, die große Halle und das zu Capitaine Veres Bibliotheks-Kombüse führende Treppenhaus nebeneinander, mit jedem Szenenwechsel des Zweiakters gewähren sie dem Zuschauer wie in einem Puppenhaus neue Einsichten in das Schiff. Umgeben sind die Räume oben von einem durchgehenden System aus umlaufenden Gängen wie in einem Gefängnis.

Thomas Faulker ist der Jago in der Erscheinung des Hochschulprofessors, ein Teufel, der sich sein Begehren nicht eingesteht und deshalb Unschuld und Schönheit mordet. Mit sicher ruhender und fester Linie und gutsitzend reich fokussiertem Bass gibt Faulkner eine blendende Figur ab. Für den sich mit Plutarch beschäftigenden Schöngeist und Humanisten Vere hat Michael McCown, neben der entsprechend täppelnden Erscheinung im Trenchcoat für die Rahmenhandlung, die greisenhaft dünne Stimme und leuchtende Gewissheit, doch bleibt die Figur etwas zu distanziert und fern. Die Lichtfigur auf dem Schiff ist Billy, den alle lieben, dessen Unschuld den Capitaine rührt, erfährt er doch durch ihn, was Liebe sein kann. Da ist es zu spät. Das gesteht er erst Jahre später, in dem Epilog, mit dem Britten, ebenso wie dem Prolog, das Stück umrahmt. Claggart beschuldigt Billy des Aufruhrs. Vere weiß von Billys Unschuld, doch der Stotterer kann sich nicht verteidigen, schlägt stattdessen zu und tötet Claggart. Im Konflikt zwischen Gesetz und Gewissen ordnet Vere die Hinrichtung des schuldig gesprochenen Billy an, der ihm angesichts des Todes verzeiht. Nach der Uraufführung von Arnulf Herrmanns Der Mieter, wo er in der Titelrolle mit einer exzeptionellen singdarstellerischen Leistung glänzte, ist Björn Bürger als Billy abermals von körperlicher, sängerischer Intensität. Glücklich und frei wie ein Vogel schlingert er mit schlaksiger Jugendlichkeit als „King of the birds“ um die Eisensäulen und schwingt sich auf die Turnbockkästen, singt mit gefestigt farbenreichem Bariton von den Vögeln, dabei mit fast überraschend dunklem Kern und männlicher Farbe. Die liedhaft ernsten Momente, in der er eingeengt in seinem Spint, sein Schicksal annimmt, sind von der Dichte einer Schubert-Reihe. Es folgen die schwebend geheimnisvollen Akkorde, wenn Vere seinem Schützling die Todesbotschaft überbringt. Unter Erik Nielsens Leitung entwickelt sich jeder Ton der Musik, für die Britten die größte Orchesterbesetzung aller seiner Opern aufbot, an diesem Abend aus dem Text. Aus der Orchesterfärbung und der sprechenden Kombination aus Blechbläsern, Schlagzeug und Holzbläsern – dem Altsaxophon für Billy – entsteht eine motivische Spannung, die sich in jedem Takt auf die faszinierten Zuschauer überträgt. Aus dem vortrefflichen Frankfurter Ensemble ragen Michael Porter als Novize, Alfred Reiter als alter Däne, Simon Bailey und Magnus Baldvinsson als die Offiziere Redburn und Flint und Theo Lebow als Squeak heraus, wobei auch Herren-Chor, Extrachor und Kinderchor und unbedingt die sportive Statisterie genannt werden müssen.     R. F.