Verdi im Boxring

 

Verdis 1855 uraufgeführte Vêpres siciliennes waren eine schwierige Geburt. Der Komponist, der sich nach Jérusalem (1847) große Hoffnung auf seine zweite Oper für Paris gemacht hatte, war mit dem Libretto unzufrieden, fühlte sich von Eugène Scribe (bzw. seinen nègres) schlecht behandelt und schimpfte nicht wenig über die Arbeitsbedingungen, zumal er schnell schreiben musste. Dann fand er auch noch heraus, dass Scribe lediglich einen älteren Text für Donizetti zusammengeflickt hatte. Die Premiere war indes ein Erfolg, und die Oper über den Aufstand der Sizilianer gegen die Franzosen im Jahr 1282 wurde zehn Jahre lang nachgespielt. Noch im Uraufführungsjahr wurde sie ins Italienische übersetzt und von Verdi überarbeitet. Nach und nach verlor sie jedoch gegenüber den zeitgenössischen Werken aus der Feder Verdis wie der Traviata oder dem Trovatore an Anziehungskraft und verschwand von den Spielplänen. Man würde gerne behaupten, dass dadurch ein capolavoro verdiano zu Unrecht in Vergessenheit geriet. Abgesehen von eingefleischten Verdi-Fans käme zuerst wohl niemand auf den Gedanken.

Die Partitur hat durchaus ihre Meriten, die Instrumentierung ist fein und effektvoll , allerdings fehlt es dem Libretto an Stringenz, weil die Verschmelzung von historischer Erzählung und persönlicher Tragödie (zwei Liebhaber in unterschiedlichen Lagern; ein Sohn, der seinen Vater nicht anerkennen möchte) nicht gelang; es gibt zwar ein paar melodische Einfälle, aber sie gehen in der nervenden Länge unter (in der besprochenen Aufführung trotz Kürzungen immerhin noch satte 160 Minuten); schließlich glückte die Charakterisierung der Protagonistin, der rachesüchtigen Adligen Hélène, weder Scribe noch Verdi. Sie ist eine Mischung aus Lady Macbeth und Senta, die eine außerordentlich begabte Sängerdarstellerin erfordert, ohne die die Oper nicht bestehen kann. Claudia Sorokina, die in Würzburg die Rolle übernahm, ist eine professionelle Künstlerin, die sich in den letzten Jahren um Raritäten verdient gemacht hat, etwa als Sélika in Meyerbeers Vasco da Gama oder vor kurzem in Erfurt in Spontinis Agnes von Hohenstaufen. Mit der Hélène kam sie besser zurecht als mit der Agnes und hatte bisweilen schöne Momente (so im Kerkerduett mit Henri). Das Timbre ist jedoch nichtssagend und recht scharf, die Diktion verwaschen und unverständlich , und obendrein ist sie eine schlechte Schauspielerin. Von dem jungen amerikanischen Regisseur Matthew Ferraro wurde sie allerdings ziemlich alleine gelassen, und das gilt für das gesamte Ensemble. Ferraro gab sich nicht selten mit schlichtem Rampentheater zufrieden. Er verlegte die Handlung in die Zeit um 1900, „als das alte System des imperialen Zeitalters, um einen Begriff des Historikers Eric J. Hobsbawm zu zitieren, und die neue industrielle Welt kollidieren und sich alles verändern wird“ (Zitat aus dem Saalprogramm). Es ist unbekannt, was der marxistische Historiker seligen Gedenkens dazu gemeint hätte, mit der Geschichte der Vêpres hat das jedenfalls nichts zu tun. Der historisch versierte Zuschauer wird sich eher darüber gewundert haben, was Franzosen auf Sizilien zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu suchen haben.

„Les vêpres siciliennes“ am Main-Franken-Theater Würzburg/ Szene/ Foto wie auch oben Nik Schoelzel

Das sind eben die Tücken der gewollten, aber nicht durchdachten Anachronismen, wenn diese rein dekorativ wie hier eingesetzt werden. Dekorieren kann Ferraro durchaus. Carola Volles, welche die schönen Kostüme entwarf, und vor allem Roger Vanoni, der das Geschehen in ein einschmeichelndes meditarrenes Licht tauchte, unterstützten ihn dabei. Höhepunkt der Inszenierung war ein lustiger Boxkampf zischen einem Sizilianer und einem Besatzungsoffizier, der hübsch anzuschauen war und keine weitere Bedeutung hatte. Wie so oft in solchen Fällen, hatte die schwache Regie den Vorteil, dass die Sänger sich auf den Gesang konzentrieren konnten. Zwei unter ihnen nutzten das auf bemerkenswerte Weise. Uwe Stickert überzeugte abermals durch eine gestochen scharfe Diktion, bezaubernde Pianissimi und eine glänzende Höhe. Nicht jeder wird sein kaltes, stellenweise etwas körperloses Timbre gemocht haben, doch für das Grand-Opéra-Repertoire ist es wie geschaffen. Die ihm eigene Deutung der Musik aus dem Text heraus ist große Kunst. Die sensibel vorgetragene Cavatine im vierten Akt war einer der Höhepunkte der Vorstellung. Ihm stand Federico Longhi als Monfort kaum nach. Longhi setzte sein voluminöses Organ gekonnt ein, beherrschte die dunkel timbrierte Stimme im Piano wie im Forte und achtete dabei auf Textverständlichkeit. Die Arie im dritten Akt und das Duett mit Henri bleiben in Erinnerung. Weniger überzeugend wirkte Igor Tsarkov als Jean Procida, weil sein Bass zwar mächtig, aber wenig fokussiert klang. Ihm gelang das bekannteste Stück der Oper am besten, die Arie „O tu Palermo“, die er – warum auch immer – auf Italienisch vorzutragen hatte. Die anderen Künstler (Barbara Schöller als Ninetta, Björn Beyer als Thibault, Yong Bae Shin als Danieli, Mathew Habib als Mainfroid) sangen rollengerecht. Das Philharmonische Orchester Würzburg hat in letzter Zeit große Fortschritte gemacht. Obwohl es sich um eine Nachmittagsvorstellung handelte, spielten die Musiker aufmerksam und genau. Dem Chor (Einstudierung: Anton Tremmel) mangelte es hingegen an Präsizion. Generalmusikdirektor Calesso bot eine ausgefeilte Deutung. Es gab zwar wuchtige Momente, insgesamt aber nahm er sich vor allem der leisen Stellen an. Verdis Musik ertönte bewusst lyrisch, stellenweise elegisch. Man hörte eindeutig, was Verdi Meyerbeer (insbesondere den Huguénots) verdankte, etwa in der Behandlung der tiefen Streicher und der Bläser. Gleichzeitig kamen auch jene Passagen voll zur Geltung, die sowohl an zeitgenössische Werke gemahnen (Traviata) als auch spätere Opern ankündigen (etwa Don Carlos). Der Dirigent war ein hilfsbereiter, aber nicht lascher Begleiter. Vor allem Longhi und Stickert ließen sich darauf ein und schufen intime Momente, in denen die menschliche Tragödie der Protagonisten berührte. So gelang Calesso ein starkes Plädoyer für dieses Stück, das er doch in die Nähe der von Verdi in jenen Jahren geschaffenen Meisterwerke rückte (24. Juni 2018). Michele C. Ferrari

  1. Sven Gettkant

    Vielen Dank für diese Besprechung. Ich möchte allerdings widersprechen, daß Frau Sorokina eine schlechte Schauspielerin sei. Sie hat in dieser Produktion sehr überzeugend gespielt, ließ sich voll und ganz auf die Regie ein und hat diese schwere Partie auch stimmlich mühelos gemeistert – wie man es von ihr ja in Randrepertoire, das sonst niemand singen will oder kann, gewohnt ist. Den Bolero im 5. Akt muss man erstmal so singen! Auch sonst ein wirklich toller Opernabend, die Regie arbeitet die Figuren, ihre Schicksale und viele berührende, intime Momente im Kontrast zu schillernden, lebendigen Massenszenen klar heraus und Enrico Calesso dirigiert umwerfend. Erneut ein Plädoyer für die kleineren Bühnen, die Großes stemmen.

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