Unterm Fliegenpilz

 

„Feierabend“, ruft die Abendspielleiterin fröhlich. Für die Zuschauer im Düsseldorfer Opernhaus beginnt aber erst der Abend, an dessen Ende mehr als die Hälfte der zwölf sich verbeugenden Solisten auf unterschiedliche Weise zu Tode kamen, auf die Kerstin Maria Pöhler (unvergessen ihre Friedenstag-Inszenierung in Kaiserslautern) das Personal der alt-englischen Tragödie Schade, dass sie eine Hure war (´Tis a pity she’s a whore, mit dem bemerkenswerten Unterschied der anderen Zeitangabe) des Shakespeare-Zeitgenossen John Ford eindampfte.

Mit einem derartigen Gemetzel hatte Arno Schreier bereits in seiner Hamlet-Oper 2016 am Theater an der Wien Erfahrung gesammelt. In Düsseldorf, wo er neben Verdi, Wagner und Mozart von der Rheinoper als eines der Aushängeschilder der neuen Saison beworben wird, hatte sich Schreier 2012 in der kleinen Spielstätte mit einer 70minütigen Edgar Allan-Poe Kammeroper vorgestellt. Jetzt also im Gro0en Haus, mit einer abendfüllenden Oper, die auch in der zweiten Aufführung (23. Februar) das Publikum fast so gut wie ein Repertoireschlager unterhält. Auf der Bühne ist fahles Arbeitslicht. Wie immer, wenn der Regisseur, diesmal ist es David Hermann, nicht weiter weiß, wird mit den Mitteln des Theaters gespielt und kokettiert nach dem Motto: Wir spielen Theater, ein Blick hinter die Kulissen, Theater auf dem Theater. Also sehen wir alle von Jo Schramm gezimmerten oder aus dem Lager geholten Kulissen von ihrer Sperrholzrückseite samt Metallgestellen, die italienischen Renaissance-Versatzstücke, die Piazza-Elemente, Portale, Brunnen und Balkone, manchmal werden sie etwas zusammengemischt, sind einzelne von vorn zu sehen. Ein theatralisches Vexierspiel, das gut zu Anno Schreiers sich behände durch Stile und Genres wuselnder Musik passt. Das ist, auch wenn man zwischendurch verstohlen auf die Uhr schaut, fünf Akte und  rund 2 ¼ Stunden (reine Musikzeit) lang unterhaltsam. Es gibt viel höflichen Beifall, sogar ein paar Bravos.

„Schade, dass sie ein Hure war“ ist immer noch ein unerhörtes Stück. Annabellas und Giovannis Liebe ist ein Skandal. Die Morallosigkeit, die Veralberung der Kirche, der Adeligen und der Ehe stellen auch 400 Jahre nach der ersten Aufführung einen starken Angriff auf die Gesellschaft dar. Doch vor allem die inzestuöse Liebe der Zwillinge Annabella und Giovanni rührt am Tabu der Geschwisterliebe. John Fords Drama von 1633 wurde in London bald abgesetzt, geriet nie völlig in Vergessenheit und wurde in jedem Jahrhundert wiederentdeckt; ohne Alain Delon und Romy Schneider, die in den 1960er Jahren in Paris unter Viscontis Aufsicht ihre amour fou in diesem Stück auf der Theaterbühne fortsetzten, wäre es aber möglicherweise nur noch ein verblichener Titel aus dem Kanon englischer Stücke aus dem frühen 17. Jahrhundert (wenngleich man es gelegentlich auf Londoner oder anderen englischen Bühnen in all seiner Blutrünstigkeit erleben konnte, sogar Maggie Smith nahm sich seiner an/ G. H.) ...

Nachdem die Geschwister nicht die Finger voneinander lassen können und ihrem „höllischen Begehren“ nachgeben, wird  Annabella schwanger („Du hättest aufpassen müssen, Idiot“ höhnt Annabellas Amme Putana). Vater Florio gibt sie Soranzo, einem ihrer vielen Bewerber, zur Frau. Soranzo entdeckt die Schmach, lässt seinen Security Vasquez (Sami Luttinen) nach dem Vater fanden, worauf die von Vasquez gefolterte Putana Giovanni verrät. Giovanni tötet die Schwester, reißt ihr das Herz heraus und präsentiert es den Feiernden. Das krasse und brutale Stück schreit nach einer ebensolchen Musik. Die Abonnenten brauchen sich nicht zu fürchten. Denn alles scheint irgendwie bekannt

Uraufführung von Arnos Schreiers Oper „Schade dass die eine Hure war“ an der Deutschen Oper am Rhein Düsseldorf/ Szene/ Foto wie oben Jörg Michel

Die verbotenen Küsse der Geschwister und Liebesschwüre, im weiß gepunkteten roten Pyjama und Kleidchen, erinnern an die schwül-laszive Atmosphäre, in die Strauss seine judäische Prinzessin hüllt, die den Kopf des von ihr begehrten Jochanaan fordert. Mehrfach denkt man in den arios-deklamatorischen Szenen an Strauss, dem Schreier nach eigenem Bekunden als einer der Künstlerpersönlichkeiten folgt, die Vorgefundenes in etwas Eigenes verwandeln, auch an den späten, textsteif geschwätzigen Strauss. Schreier sammelt und klaubt auf, was in die Situation zu passen scheint und das für den Hörer zu einem Rätselraten wird, Verdis Carlos-Celli, Rossinis Amoroso-Serenaden, Donizettis Buffo-Duette, er springt aber so rasch von Nummer zu Nummer, ohne Zeit zum Nachdenken zu geben. Von den Schlagern der komischen Figuren – den Cabaret Songs der Amme Putana und den geschmeidigen neapolitanischen Canzonen und Ziergirlanden des Bergetto, die die immer noch beweglich singende Susan MacLean und der schlichtweg hinreißende Spieltenor Florian Simson als  selbstironisch narzisstische Bergetto ins Zentrum der Aufführung rücken  – zur lärmenden Filmmusikpotenz des Soldaten Grimaldi (Sergej Khomov), der wütend furiosen Mezzokoloraturen der betrügenden, betrogenen und auf dem Scheiterhaufen endenden Hippolita (Sarah Ferede) und vielen tänzelnden Kurzduetten der Nebenfiguren. Nichts ist ausformuliert und zugespitzt. Immer geht es schnell weiter, denn die fünf Akte werden in gut zwei Stunden reiner Musikzeit bewältigt. Vom Jazz bis zum Schubert-Lied, von Renaissance-Signalen über barocke Tänzchen und der Banda-Schrägheit aus Klarinette, Trompete, Posaune und Tuba auf der Bühne bis zur Operettenseligkeit der Hochzeitsfeier, neoklassizistischen Choreinwürfen und minimalistischen Spielereien hat Schreier, der zudem glänzend instrumentiert und in Hippolitas Tanz wiederum mit Strauss in Konkurrenz zu treten scheint, alles im Angebot. Weder im ernsten wie heiteren Momenten, am ehesten noch in letzteren, kann Schreiers Oper Schauer oder Schrecken vermitteln.

Nach der Pause, im vierten Akt, formen sich die szenischen Versatzstücke kurz zu einer niedlichen Piazza, nicht Parma im frühen 17. Jahrhundert, eher Goldonis Venedig im nostalgischen Rückblick Wolf-Ferraris. Zusammengeklaubt wie die Musik und die  Kulissen sind die Kostüme Michaela Barths, die vom Musketier-Soldaten über die Rokoko-Schäferinnen bis zum heutigen Business Suit einen sehenswerten Stilmischmasch aufbietet, was zu witzigen Situationen führt, wenn das Duell zwischen Soranzo und Grimaldi mit Pistole und Degen ausgeführt wird. Manchmal wirkt das mit den Cowboys und der pferdelos gelenkten Kutsche des von seiner Gattin Hippolita angeblich ermordeten Richardetto (David Jerusalem) wie ein Opernmärchen aus besseren Zeiten. Dazwischen ein riesiger Fliegenpilz, unter dessen giftigem Schirm die Geschwister ihrer Lust frönen. Ein kleiner Fliegenpilz ist es auch, den Giovanni aus einem blutigen Tuch wickelt und den Feiernden anstelle von Annabellas Herz bringt. Ein tumber Coup. Bevor das Licht ausgeht, spricht der Diener Vasquez die Worte „Schade, dass sie eine Hure war“.

Alle Beteiligten waren mit überzeugender Professionalität am Werk. Mit dem Düsseldorfer Symphonikern gab Lukas Beikircher der Musik ihre potpourrihafte Lebendigkeit, Lavinia Dames sang die Annabella mit bemerkenswerter Klarheit und der Innigkeit einer Pamina, während Jussi Myllys als Giovanni kaum durchdrang; auffallend der schöne, fein lyrische Koloratursopran von Paula Iancic als Philotis, der mächtige Bass von Bogdan Talos als Mönch (23. 02. 2019). Rolf Fath