Ungewöhnlicher Doppelabend

 

Ein in mehrfacher Hinsicht ungewöhnlicher Doppelabend hatte am 1.3. 2019  im Teatro di Pisa Premiere: Mit Leoncavallos Edipo Re und Poulencs La voix humaine standen sich ein eher unbekanntes und ein sehr selten gespieltes Werk zweier selten kombinierter Komponisten gegenüber, zudem eines halbszenisch, eines regulär inszeniert. Den Anfang machte Leoncavallo, dessen Todestag sich heuer zum 100. Mal jährt, mit jenem Werk, das er unvollendet hinterließ, seiner Version des sophokleïschen Oedipus Rex auf ein Libretto von Giovacchino Forzano. Der Stoff scheint in der Luft gelegen zu sein, 1922 vollendet Enescu nach rund 10 Jahren Arbeit seinen Œdipe (der über Sophokles hinaus Oedipus‘ ganze Biographie behandelt), von 1925 bis 1927 sitzt Stravinskij an seinem Oedipus Rex nach Sophokles-Cocteau.

In Pisa hat man noch einen weiteren Grund, den Todestag just mit diesem Stück zu ehren – die Titelpartie wurde für den Starbariton Titta Ruffo geschrieben, der aus Pisa stammte. Er sang denn auch die Uraufführung 1920 in Chicago; eine Photographie Ruffos in der Rolle wurde für die halbszenische Aufführung auf die Rückwand projiziert, und vorne rechts auf der Bühne war sein Originalkostüm auf einer Schneiderpuppe zu betrachten. Für die Uraufführung hatte Giovanni Pennacchio den Torso vervollständigt, ein Komponist aus Neapel, der offenbar Leoncavallos Vertrauen genoss, hatte er ihm doch schon die Orchestration von Gli Zingari übergeben. Cesare Orselli zitiert im instruktiven Pisaner Programmheft u.a. auch aus Pennacchios Briefen: „Der Maestro starb im August 1919, und ich traf mich mit Forzano, um den ganzen Edipo Re in Ordnung zu bringen. Das Material, das wir vorfanden, reichte nicht aus, und so haben wir uns bei vielen älteren Melodien bedient und sie für die neue Aufgabe wiederbelebt. So wurde viel Musik dem ‚Roland von Berlin‘ entlehnt, den der Maestro nach dem Eintritt Deutschlands in den Krieg 1915 aufgegeben hatte (rinnegò).“ Gegenüber der Witwe musste Pennacchio sich vertraglich verpflichten, seine künstlerische Beteiligung am Edipo geheimzuhalten, und bis heute erscheint Leoncavallo überall als alleiniger Komponist, obgleich die älteste Partitur von Pennacchio handschriftlich auf den 9.1. 1920 datiert ist. Orselli stellt die Vermutung an, dass die Unklarheit über das Ausmaß von Pennacchios Beitrag zu dem Werk seiner Verbreitung im Weg gestanden sein könnte, den durchgehend positiven Würdigungen der Musik bei allen Aufführungen der letzten 99 Jahre zum Trotz.

Den positiven Urteilen schließe ich mich gern an. Es ist ein packendes Werk großer Kontraste, geeint durch größere harmonische Kühnheit als alles, was ich sonst von Leoncavallo kenne. Mit einer Spielzeit von nicht einmal einer Stunde folgt Leoncavallo wie Stravinskij der straffen Dramaturgie des sophokleïschen Gerichtsdramas (wie wir heute sagen würden). Auf den flehentlichen Eingangschor folgt unverzüglich Edipos Suche nach der Ursache der Pestepidemie; Giocasta tritt auch hier auf dem Höhepunkt des Streits zwischen Edipo, Creonte und Tiresia auf den Plan. Nun wird das Volk auf die Suche nach dem Hirten geschickt, der Licht ins Dunkel bringen soll, und auch Creonte und Tiresia werden freigelassen und entfernen sich. Nun sind Edipo und Giocasta also allein; ihrem Versuch, ihn zu beruhigen, folgt, was in der Situation an Liebesduett möglich ist – eine lyrische Szene, die in starkem musikalischem Kontrast zu den zerklüfteten, Schlag auf Schlag sich erhitzenden Teilen davor und danach steht. Mit den Auftritten des korinthischen Boten und des Hirten steigt die Spannung rasch wieder an und mündet in einen Ausbruch Edipos und ein orchestrales Sturm-Intermezzo samt beschwörendem Ausruf des Tiresia. Das Finale ist ein langer Monolog des geblendeten Edipo, überraschend getragen, in der Ansprache an die Töchter gar sehr leise und intim. Diese bewegende Soloszene erinnert trotz verblüffenden und auffällig häufigen Modulationen am ehesten an die Pagliacci, zu dessen Prologo sie quasi ein tragisches Gegenstück bildet – allerdings ein weitaus längeres. Was für eine Kondition diese Rolle braucht! Und Giuseppe Altomare hat sie ohne jeden Zweifel. Der prächtige metallische Kern bleibt bis ins pp des Schlusses wirksam, und er kommt weder in Stimmumfang noch -volumen je in Bedrängnis. Dass er dennoch an wenigen Stellen vom Orchester zugedeckt wird (wenigstens im hinteren Parkett), kann m.E. nicht an ihm liegen. Mit sparsamen Mitteln überzeugt er zudem als zunächst selbstsicher-väterlicher Edipo, der nach und nach hinter die Fassade blicken lässt und ergreifend endet. Ausgezeichnete Diktion und ein wie selbstverständliches Legato machen seinen Edipo zu einem Erlebnis. Ein hochwillkommenes Wiedersehen und -hören gab es für mich als in Zürich Ansässigen nach zehn Jahren Pause mit der am dortigen Opernhaus in den Nullerjahren vielbeschäftigten Paoletta Marrocu als Giocasta. Die charakteristische Schärfe im Timbre und das schnelle Vibrato (die immer Geschmackssache waren, mir persönlich zusagen) sind unverändert (also auch nicht stärker geworden), die Stimme scheint mir aber insgesamt größer und runder – und vor allem ausgeruhter als manchmal bei ihren Zürcher Dauereinsätzen. In ihrer darstellerischen und vokalen Fulminanz gestaltet sie das lyrische Duett eindringlich und ist in den sicher und sauber geführten Attacken davor gewiss noch mehr im Element; nach dem Duett hat Giocasta nichts mehr zu singen – Marrocu spielt den ganzen allmählichen Horror, der sie schließlich in den Palast zum Selbstmord treibt, bezwingend und auf die halbszenische Situation abgestimmt.

Leoncavallos „Edipo Re“ am Teatro di Pisa/ Szene; oben: „La Voix humaine“/ Szene/ ebenfalls Teatro di Pisa/ Fotos Rocco-Casalucci

Dem blinden Seher Tiresia leiht Francesco Facini einen nicht mehr jungen, aber sehr gut zur Figur passenden großen Bass, der nur im Sturmverdikt, das er aus der Mittelloge singt, etwas aus dem Fokus rutscht. Er verkörpert ihn ebenso engagiert wie Max Jota den hier nicht so eindeutig oedipusfeindlichen Creonte, den er mit hellem, strahlendem Tenor und scharfer Diktion profilieren kann. Dieselben Tugenden auch beim anderen Tenor, dem Hirten von Antonio Pannunzio. Kompetent auch Tommaso Barea als korinthischer Bote, auch wenn er sicher die kleinste und engste Stimme der Besetzung hat – aber wohl auch der Jüngste ist (dass er Edipo als Säugling in Empfang genommen haben soll, ist optisch etwas seltsam). Der Coro Ars Lyrica unter Marco Bargagna erfreut mit differenzierter Klangkultur, die gelegentlichen Wackler sind gut zu verschmerzen. Prachtvoll das Orchestra Arché unter Daniele Agiman, denen das Werk hörbar ein Anliegen ist. Wucht und Einfallsreichtum in Harmonik und Orchesterfarben (wessen auch immer) kommen bestens zur Geltung, und die damit kontrastierenden lyrischen Passagen verlieren nie die darunter verborgene Anspannung.

 

Womit kombiniert man nun diesen Einakter? Vielleicht doch mit den Pagliacci? Mit dem Tabarro? Oder, um bei einem antiken Stoff und stilistisch in der Nähe zu bleiben, mit Gnecchis Cassandra? La voix humaine scheint mir nicht ideal. Das beißt sich nicht, aber die beiden Teile bleiben relativ isoliert. Gewiss, in beiden Stücken erfährt die Hauptfigur einen Erkenntnisprozess, aber bei Edipo sind es Zusammenhänge, auf die er keinen Einfluss hatte, bei Poulencs Elle Selbsterkenntnisse. Vielleicht liegt die Antwort darin, dass La voix humaine die Übernahme einer Produktion aus Bologna ist – wie hat die Tante Jolesch auf die Frage hin, warum sie denn ihren reizlosen Mann geheiratet habe, geantwortet? „Er war da.“ Womit ich den zweiten Teil des Abends auf keinen Fall reizlos nennen will. Nur schon deshalb nicht, weil Anna Caterina Antonacci ihn bestreitet, die als Elle 40 Minuten lang gleichzeitig Diseuse, Opernsängerin und Schauspielerin sein muss. Und das einfach kann, keine Frage. So vollendet, dass man es zwischendurch immer wieder für selbstverständlich hinnimmt, dabei… Und sie könnte das gewiss in jedem Rahmen. So gesehen stören die eingebildeten – „sie“, „er“, „die andere“ – und die realen – Arzt und 2 Krankenschwestern – stummen Personen gar nicht, die Emma Dante ihr beigegeben hat (Bühne: Carmine Maringola; Kostüme: Vanessa Sannino). Ich bin nicht sicher, wie gut die Verlegung in eine Nervenheilanstalt dem Stück tut. Grundsätzlich lässt sich die lange Auseinandersetzung einer Frau mit ihrem Liebhaber, an deren Ende die traurige Trennung steht, sicher als obsessives Wiederdurchleben der traumatisierten Verlassenen verstehen. Aber wenn alle Stimmungsschwankungen aus ihr selbst kommen, keine echten Reaktionen auf das sind, was er unhörbar sagt, keine Versuche, das Gegenüber zu verstehen und zu deuten, kommt mir die Figur weniger interessant vor. Auch muss Antonacci schon sehr früh das Kabel aus dem Telephon reißen, wo ein Neudurchdenken für ein Publikum, das erst gegen Schluss erfährt, dass der Anruf nicht real ist, m.E. spannender gewesen wäre. Könnte, hätte, dürfte… je nun. Ein Triumph für die Singschauspielerin Anna Caterina Antonacci ist es sowieso. Und das Orchester unter Daniele Agiman trifft den poulencschen zwischen Leichtigkeit und unterschwelliger Tragik schillernden Tonfall so sicher wie zuvor den von Leoncavallo, bravissimi! Samuel Zinsli