Und wieder mal die Schwulen

 

Franz Schrekers 1918 in Frankfurt/M. uraufgeführte Oper in drei Akten Die Gezeichneten ist ein Psychodrama menschlicher Abgründe, ein seelischer Horrortrip, der die Protagonisten am Ende ins Verderben stürzt. Es ist verdienstvoll, dass die Komische Oper das Stück nun als ein weiteres Schlüsselwerk des 20. Jahrhunderts in ihr Repertoire aufgenommen hat. Ob die Verpflichtung des katalanischen Regisseurs Calixto Bieito dafür die richtige Wahl war, ist allerdings zu bezweifeln. Mit Mozarts Entführung 2005 am Haus hatte er für überregionales Aufsehen gesorgt (Ormin uriniert in den Mund der Blonde und vieles Verwirrende mehr), seine nachfolgenden Inszenierungen erreichten jedoch nicht diese radikale Sicht und provokante Konsequenz. Auch die neue Arbeit enttäuscht in ihrer abstrakten Verortung, der fehlenden Atmosphäre und dem klinisch-sterilen Klima. An eine derart spannungsarme und unsinnliche Aufführung von Bieito kann ich mich nicht erinnern, was auch Bühnenbildnerin Rebecca Ringst und Kostümdesigner Ingo Krügler anzulasten ist, deren uninspirierter Ausstattung jeder optische Reiz fehlt. Das gesamte Proszenium ist weiß ausgekleidet und von Franck Evin in grelles Licht getaucht. Auf dieser Vorderbühne lässt der Regisseur den langen ersten Teil der Inszenierung spielen und zeigt den genuesischen Edelmann Alviano Salvago inmitten von Kindern, denen seine geheime und verbotene  Sehnsucht gehört. Mit ihren Luftballons und Faschingshütchen wirken sie trügerisch heiter, während die Videos von Sarah Derendinger hinter die Fassade schauen lassen: Es sind Gesichter von Kindern mit vor Schreck geweiteten Augen und aufgerissenen Mündern, die von körperlichen und seelischen Qualen künden. Alviano, der im Libretto des Komponisten körperlich missgestaltet ist, hat in seiner Sehnsucht nach Schönheit die Insel Elysium geschaffen, die von den Edelleuten der Stadt unter Anführung des Grafen Vitelozzo Tamare allerdings missbraucht wird, um die jungfräulichen Schönen Genuas zu verführen. Bei Bieito trägt Alviano keinerlei Zeichen äußerlicher Missbildung, sein Leiden ist psychischer Natur, denn er fühlt sich sexuell zu Kindern hingezogen. Zunächst sind es Mädchen, die ihm in Geschenkkartons überreicht werden, später sieht man ihn vorwiegend mit einem Knaben, was ihn zum Päderasten macht (und so dem Libretto nicht zu entnehmen ist).

„Die Gezeichneten“ an der Komischen Oper Berlin/ Foto Iko Frese / drama_berlin.de

Der zweite Teil der Handlung spielt im Elysium, einem mehrstöckigen Gerüst mit Neonstäben und Metallgitter, vor dem der Name des Etablissements als leuchtender Schriftzug hängt. Plüschteddybären und allerlei Fantasy-Tiere sowie eine Eisenbahn mit Dampflokomotive illustrieren eine Spielzeugwelt, in der freilich Grauenvolles geschieht. Mit konkreten körperlichen Aktionen hält sich Bieito zurück, wohl aus Rücksicht auf die jugendlichen Statisten, aber die toten Kinder in den Waggons des Zuges und Alviano mit dem leblosen Körper des Knaben im Arm sind als Anblick erschütternd genug.

Eine tragende Rolle im Stück ist der schönen Tochter des Podestà, der Malerin Carlotta Nardi, zugeordnet, der Alviano Modell steht, was beider Gefühle füreinander erwachen lässt. Doch mit der Vollendung des künstlerischen Werkes erlischt ihr Interesse an ihm und lässt sie in Liebe zu Tamare entbrennen. Im Libretto ersticht Alviano seinen Nebenbuhler – in der Inszenierung ist es Carlotta selbst, die Tamare mit eigenen Händen erwürgt und danach zu Boden sinkt, während Alviano im Wahnsinn endet.

Mit dem Orchester der Komischen Oper entfaltet Stefan Soltesz den Reichtum der Komposition in faszinierender Dichte und Eindringlichkeit. Schillernde, flirrende und sphärische Klänge stehen im Kontrast zu gewaltig aufgetürmten Blöcken und aufgepeitschten Wogen. Der Dirigent hält aber fast durchgehend die Balance zwischen Graben und Bühne. Die Sänger in heutiger Alltagskleidung ohne jedes Lokalkolorit sind leider nicht genügend textverständlich. Einzig Michael Nagy als Tamare artikuliert zufrieden stellend und überzeugt darüber hinaus mit seinem markanten, virilen Bariton und attraktiver Körperlichkeit. Der strapaziösen Partie des Alviano mit ihrer exponierten Tessitura muss der Charaktertenor Peter Hoare spätestens im 3. Akt Tribut zollen, wo ihm die Extremnoten in der Höhe nicht mehr zur Verfügung stehen. Immerhin lässt er vorher in der großen Szene mit Carlotta im Atelier auch trunkene Töne von rauschhafter Sinnlichkeit hören. Ausrine Stundyte ist mit ihrem lodernden Sopran und dem expressiven Vortrag eine Idealbesetzung für die weibliche Hauptrolle. Nur ihre androgyne Aura und die unattraktive Kostümierung im Minirock und Stiefeln sowie später einem schwarzen, mit Farbe beklecksten Overall entsprechen nicht dem Bild der Figur als legendäre Schönheit der Stadt.

In den Nebenrollen hört man Jens Larsen als Podestà mit reifem Bass, Christiane Oertel als Haushälterin Martuccia mit ramponiertem Mezzo und Katarzyna Wlodarczyk als Ginevra mit warmem, fülligem Sopran. Das Premierenpublikum am 21. 1. 2018 schien nach dem ermüdenden ersten Teil sichtlich erschöpft und hatte nach der Pause das Interesse für das Geschehen schon verloren – entsprechend kurzer Beifall am Ende mit gemischten Reaktionen für das Produktionsteam (Foto oben: „Die Gezeichneten“ an der Komischen Oper Berlin/ Foto Iko Frese / drama_berlin.de). Bernd Hoppe