Tücher von der Leinwand

 

Der Titel von Schrekers zweiter Erfolgsoper Die Gezeichneten, die nächstes Jahr 100 wird, ist so vielschichtig wie ihre Personen und ihre schillernde Musik. Sie kennt – zumindest in ihren Protagonist/-innen – kein Schwarzweiß der Charaktere, nicht beim hässlichen Alviano, der mit seiner Insel Elysium ein erotisches Schlaraffenland für seine Genueser Adelskollegen schafft, Entführungen und Vergewaltigungen darauf duldet, doch sich selber fernhält und zu Beginn der Oper zum Entsetzen seiner Nutznießer das Eiland der Stadt schenken will, noch bei seiner angebeteten Carlotta, der herzkranken Tochter des Bürgermeisters, deren Gefühle für Alviano nur so lange anhalten, bis sie ihn gemalt hat, noch selbst bei seinem rücksichtslosen Rivalen Tamare, der – wie einst der Duca di Mantova – von den eigenen tiefergehenden Gefühlen überrascht und überfordert wird. Antony McDonald wird iim Theater von St. Gallen dem Stück mit einer gradlinigen, sauberen Personenregie, die diese Ambiguitäten plastisch hervortreten lässt, ausgezeichnet gerecht. Zu erwähnen ist etwa der Einfall, in Carlottas Atelier in dem Moment, wo sie ohnmächtig wird, die Tücher von der Leinwand mit dem Bild der schmerzvollen roten Hände gleiten zu lassen – ein eindrücklicher Moment, der zugleich das Verständnis dafür erleichtert, dass die Händemalerin, von der sie Alviano zuvor erzählt hat, sie selber ist.

„Die Gezeichneten“/ copyright Iko Freese, mit freundlicher Genehmigung Theater St.Gallen

Die Ausstattung (ebenfalls von Antony McDonald) erlaubt (zumindest mir) keine eindeutige zeitliche Einordnung – die Adligen als schlagende Verbindungs-Studenten in einem stofftapezierten Raum mit Billardtisch und Bett sehen nach Entstehungszeit der Oper aus (die durchaus Affinitäten zur Renaissance des Librettos aufweist), die Riesenbuchstaben à la Hollywood des Elysiums (die mit ihren vergitterten Rückseiten umgedreht als Käfige für Frauen und zugleich als Grotte des letzten Bildes dienen) sprechen eher für Gegenwart. Das Bühnenbild fürs Elysium war für mich nach dem eleganten Billardraum und Carlottas atmospärischem Atelier mit Bildern menschlicher „Hässlichkeit“ eine große Enttäuschung – eine Kulisse, die eine Hügellandschaft aus riesigen rosa Rosen bildet, auf denen die erwähnten Buchstaben ELYISUM stehen, und davor eine leere Bühne mit sichtbaren Seitengassen entsprechen in nichts dem beschriebenen Zaubergarten, auch nicht als Abstraktion. Die leere Bühne benötigen wohl die je vier Faune und Nymphen, Mitglieder der Tanzkompanie des Theaters in Kostümen wie aus dem Fundus einer Steinerschule, die gewiss ihre Sache gut machten, aber (zumal sie noch von vier braven bürgerlichen Päärchen des Chores bestaunt wurden) gegen die Szenerie auch machtlos waren. Die zynisch miefige Schäbigkeit der Grotte, in der die Vergewaltigungen und anderes Über-die-Stränge-Schlagen der Adelsgesellschaft stattfindet, versöhnte mich dann aber schnell wieder; sehr schön auch das realistische, ernüchterte Spiel der beiden Kontrahenten Alviano und Tamare zu Beginn dieses letzten Bildes, das sich erst allmählich, auf den dramatischen Schluss hin wieder in die großen Gesten hineinsteigerte.

Peter Tantsits überzeugt von Anfang an als angespannter, abwechslungsweise von sich und den andern angeekelter Alviano, der erstmals nach Carlottas Liebeserklärung zu einer entspannteren Körpersprache findet, zu Beginn des Elysiumbildes sogar lächelt, dann aber natürlich (wieder mit sparsamen, präzisen Mitteln) zurück ins Unglück und in den Wahnsinn sinkt. Sein kompakter und heller Tenor klingt in der zweiten Hälfte gelegentlich allerdings enger, das Gaumige, vor der Pause als Timbrefabre wahrgenommen, verstärkt sich, manche Höhen entgleiten ihm. Ob da doch das konsequent im Dienste der Figur verkrampfte Spiel einen Einfluss hatte? Der noch junge Sänger ist zweifellos sehr geeignet fürs, wenn man so sagen will, dramatische Charakterfach, vielleicht kommt der Alviano aber doch noch etwas früh. Gestaltung, musikalischer Impetus und die sehr anständige Diktion runden aber eine zweifellos gute Leistung ab. Jordan Shanahan, obgleich nach der Pause als indisponiert angesagt (31.10. 2017), ist mit auch in den Ausbrüchen kultiviertem und höhensicherem Heldenbariton und bester Verständlichkeit ein kraftstrotzender, charismatischer Tamare, lebendig im Spiel von süffisant bis besessen.

Auch Claude Eichenberger musste an diesem Abend angesagt werden, passend zu Halloween litt sie unter einem Hexenschuss, was ich aber auch ihr überhaupt nicht anmerkte – durch und durch überzeugend als komplexe Carlotta, packend z.B., wie sie Alviano klarmacht, dass sie als Malerin „Hässlichkeit“ anders sieht, ebenso intensiv danach in den Gewissensnöten im Elysium, weil eben mit Vollendung seines Portraits auch ihre Faszination für Alviano nachgelassen hat. Die Sopranpartie singt sie, als sei sie für einen hohen Mezzo geschrieben, leuchtend, deutlich und differenziert im Ausdruck. Nicht sonderlich vorteilhaft schienen mir ihre Kostüme, vor allem das erste, das sie unnötig älter wirken ließ. Wenn man halt alles alleine macht…

„Die Gezeichneten“/ copyright Iko Freese, mit freundlicher Genehmigung Theater St.Gallen

Die drei Hauptfiguren, alle drei klar Gezeichnete in ihren persönlichen Nöten, wurden vorzüglich flankiert vom restlichen Ensemble. Tomislav Lucic gab einen elegant-autoritär klingenden und agierenden Herzog, der sich nicht in die Karten schauen lässt, und einen unerschütterlichen Capitaneo mit geschmeidigem Bass; Martin Summer klang noch etwas sonorer als würdiger Podestà. Die Adligen – Nik Kevin Koch (Guidobaldo), Riccardo Botta (Menaldo), David Maze (Michelotto), Andrzej Hutnik (Gonsalvo), Matthias Bein (Paolo) und Bastian Thomas Kohl (Julian) – sind schön skizzierte, individuelle Typen von anständiger bis guter Diktion, ebenfalls tadellos Sheida Damghani als misshandelte Ginevra, Robert Virabyan als Diener und Fiqerete Ymeraj als Dienerin und der von Michael Vogel geleitete Chor.

Die traurigen Gründe für den Rezeptionsbruch von Schrekers Werken in den 30erjahren sind hinreichend bekannt. Ihre allmähliche Wiederentdeckung hat freilich noch nicht wieder zu den selben Aufführungszahlen wie vor 100 Jahren geführt – vielleicht auch, weil Schrekers eigenständige, neben z.B. Strauss und Korngold sofort identifizierbare Orchestration als sehr anspruchsvoll gilt. Also nur etwas für die ganz großen Häuser? Zweifellos nicht, wie das Sinfonieorchester St.Gallen unter Beweis stellt, vielleicht der heimliche Star des Abends, das sich in vergangenen Spielzeiten schon mit der Toten Stadt und Mona Lisa als im spätromantischen Idiom ganz im Element gezeigt hat. Unter Michael Balke entfaltet das Orchester keinen pauschalen Klangrausch, sondern ein farbenreiches, gut durchhörbares, sinnliches Geflecht, sodass man z.B. mühelos erkennt, dass in den flirrenden Elysiumsklängen auch schroffe kleine Sekunden mitschwingen. Gewiss, an der Balance kann noch gearbeitet werden, die Sängerinnen und Sänger werden doch öfters zugedeckt – aber das ist bei diesem Stück auch eine besonders große Aufgabe. Kurzum, ein überzeugendes Plaidoyer für Schreker allgemein und Schreker auch in mittleren Häusern insbesondere (Foto oben: „Die Gezeichneten“/ copyright Iko Freese, mit freundlicher Genehmigung Theater St.Gallen). Samuel C. Zinsli