Triumph des Hasses?

 

Nach der Münchner Produktion von  Halévys  Oper La Juive im letzten Sommer (2016) hatte man einmal mehr Gelegenheit, die Missverständnisse zu debattieren, denen zwangsläufig jede heutige szenische Wiedergabe der Juive von Halévy unterliegt, vor allem auch wegen der Idealisierungen, die der Librettist und der Komponist selber zu verantworten haben. Sie lebten in einer Zeit und in einer Gesellschaft, in der die künstlerische Unschärfe die historischen Gegebenheiten, die schließlich passierten und extrem blutig waren, bis ins Imaginäre, ins beispiellos Romantische verfremdeten. Wie die Bartholomäusnacht in den Huguénots. Und vor allem jene vom Anfang bis zum Ende in La Juive. Die Oper endet in einem Feuerbad, aber obendrein rufen die Charakterzeichnung  und die Art, wie die Personen sich ausdrücken, eindeutig Intoleranz hervor und schüren, dies sogar wörtlich, Hass. Die Inszenierung von Calixto Bieito in München hütete sich davor, die Ideen und Worte all zu leidenschaftlich darzustellen: Es reichte schon, dass man zwei der Protagonisten lebend verbrennt. Es wurde kein weiteres Öl ins Feuer gegossen.

„La Juive“ an der Opéra du Rhin/ Szene“ Foto Klara Beck

Das Mindeste, was man von der Produktion (aus Mannheim und nun an der Opéra du Rhin Strasbourg) von Peter Konwitschny, der damit in Mannheim einen Bombenerfolg hatte, sagen kann , ist, dass sie bis zum Maximum, in Wahrheit bis zum Unerträglichen die rassischen und vor allem religiösen Gegensätze betont: dass sie jeden aus allen Lagern mit extremem Hass sprechen lässt, den Hass offen zeigt, und dass sie sich außerdem  auf zu tiefst opportunistisch-billige Weise lustig macht, indem sie outrierend karikiert. Sicherlich ist er ein szenisches Talent in vielen Details: Konwitschny ist eine Größe. Aber dies hier ist eine schlechte Aktion. Er wird uns doch nicht weismachen, dass den Hass zu zeigen, man den Hass und das Teuflische heilt. Das war bei den Griechen vielleicht der Fall. Heutzutage verstärkt es ihn nur. Unerträglich!

Ich will mich also darauf beschränken, die sehr gute Leistung der Symphoniker von Mulhouse unter  Jacques Lacombe zu betonen, Rachel Harnisch zu loben, die als Rachel eine beeindruckende szenische und stimmliche Wahrheit erreicht, und die Leistung von Roy Cornelius Smith. Er hat einen wirklich starken Tenor, der in der Rolle des Eliazar ins Letzte geht, mit einbegriffen die Stretta „Dieu m’éclaire“, er rettete die Aufführung in letzter Sekunde, indem er den ausgefallenen Roberto Saccà ersetzte; zu loben ist auch das gute Niveau des Léopold von Robert McPherson und der Prinzessin Eudoxie, Ana-Camelia Stefanescu. Es gilt natürlich ebenfalls zu erwähnen, dass diese so lange verrufenen und verachtete Oper in musikalischer Hinsicht seit fast einem Jahrhundert eine bemerkenswerte Qualität zeigt, wesentlich variantenreicher ist als die Werke von Donizetti, und dass Halévys Instrumentierung, vor allem bei den Holzbläsern, mit unglaublichen Farbeffekten oft geradezu magisch ist (Opéra National du Rhin, Strasbourg, 3. Februar 2017). André Tubeuf (Redaktion Geerd Heinsen/ Übersetzung Ingrid Englitsch; Foto oben: „La Juive“ an der Opéra du Rhin“ Szene“ Foto Klara Beck; den Artikel übernahmen wir wie stets mit großem Dank an den Autor André Tubeuf – der operalounge.de-Lesern wegen seiner vielen kritischen Berichte auch bei uns ein Begriff ist, aus dessen interessanten Blog L´oeille et l´oreille.)