Träume aus der Wunderkiste

 

Seit Barrie Koskys Amtsantritt als Intendant der Komischen Oper Berlin 2012 ist die Pflege des seltenen Operettenrepertoires ein Markenzeichen des Hauses. Viele Perlen wurden da schon zutage gefördert, ob von Nico Dostal, Oscar Straus, Emmerich Kálmán oder Paul Abraham. Nun nahm sich der Chefregisseur eines gänzlich vergessenen Werkes des tschechischen Komponisten Jaromír Weinberger an, welches 1933 im Berliner Admiralspalast uraufgeführt wurde. Der Erfolg dieser Operette mit dem Titel Frühlingsstürme war zunächst sensationell, auch dank der prominenten Besetzung mit Richard Tauber und Jarmila Novotná in den tragenden Rollen. Bald aber wurde das Stück vom Spielplan abgesetzt und geriet in Vergessenheit. Heute ist die Partitur des Werkes verschollen; Norbert Biermann rekonstruierte und arrangierte sie für die Neuproduktion an der Komischen Oper anhand des Klavierauszuges sowie von Notizen des Komponisten und existierenden Schallplattenaufnahmen. In dem Dirigenten Jordan de Souza hatte er einen kompetenten Partner, der mit dem Orchester der Komischen Oper die Musik in ihrer stilistischen Vielfalt zwischen klassischer Operette, Jazz, böhmischer Folklore und fernöstlicher Exotik glänzend zu transportieren wusste.

Der musikalische Auftakt des Stückes ist schmissig, weicht dann einem eher volkstümlichen Melos, wie auch später immer wieder Wienerisches Flair, slawische Melancholie und dramatisches Pathos wechseln. Aber nach dem kurzen Vorspiel beginnt die Problematik mit einer ausgedehnten Sprechszene im Hauptquartier der russischen Armee in der nordchinesischen Mandschurei – der Abend ist zu textlastig. Die Handlung ist vor dem Hintergrund des japanisch-russischen Krieges von 1905 und den nachfolgenden Friedensverhandlungen angesiedelt. General Katschalow, Oberbefehlshaber der russischen Armee, ist in die junge Witwe Lydia Pawlowska verliebt, die für den Abend zum Ball geladen hat. Vor dem Krieg hatte sie Verbindung zu dem japanischen Offizier Ito, der nun als chinesischer Diener verkleidet im russischen Hauptquartier spioniert. Das zweite Paar der Geschichte sind Kotschalows Tochter Tatjana und der deutsche Kriegsberichterstatter Roderich. Zum Schluss gibt es dennoch nicht das traditionelle Operetten-Happy-End, denn Ito ist bereits mit einer Japanerin verheiratet, so dass sich Lydia in die Ehe mir dem alternden General fügt.

Ungewöhnlich für eine Operettenaufführung ist auch der erste optische Eindruck, denn Klaus Grünberg hat auf die Drehbühne einen riesigen Container mit mehreren Türen gewuchtet, eine Art überdimensionalen Kleiderkoffer, der in seiner rustikalen Nüchternheit zunächst befremdet, dann aber überraschende Interieurs frei gibt, wenn er gedreht, auseinander gefaltet und geöffnet wird – das russische Hauptquartier, einen chinesischen Pavillon mit roten Lampions, das Foyer zum Ballsaal, eine Revue-Treppe und die Lobby eines Hotels im Art-déco-Stil in San Remo. Auch die Kostüme von Dinah Ehm haben ihren Schauwert – vor allem für die zwölf Tänzerinnen, die als Girlreihe mit Federballschlägern hohe Beine zeigen, als Chinesinnen mit phantasievollem Kopfputz aus einer Kiste steigen und als mondäne Schönheiten eine glamouröse Nummer mit weißen Schwanenfederfächern haben, die an die legendären Revue-Filme der UFA erinnert. Allerdings ist die Choreografie des sonst so brillanten Otto Pichler nicht durchgängig at his best. Mancher Tanz-Einlage fehlt auch der dramaturgische Sinn, mehrfach illustriert sie lediglich einen Gesangstitel und ist zudem noch schlecht beleuchtet (Grünberg).

Weinbergers „Frühlingsstürme“ an der Komischen Oper Berlin/ Szene/ Foto wie auch oben Foto Iko Frese _ drama berlin/ berlin.de/presseservice

Leider hat auch Kosky dem Stück nicht vertraut, sondern geglaubt, es mit zusätzlichen Dialogen, Slapstick-Einlagen und Nonsens-Nummern aufpfropfen zu müssen. Herausgekommen ist eine überlange, schrill-überdrehte Inszenierung mit enervierenden Gags, die ermüden und verstimmen. Daran ändert auch nicht, dass in dem Schweizer Schauspieler Stefan Kurt ein virtuoser Interpret für die Sprechrolle des Generals zur Verfügung stand. Der urkomische, aber keineswegs unsympathische Kauz hat im 2. Teil ein ausgedehntes Solo, in dem er sogar Lenskis Arie „Kuda, kuda“ aus Eugen Onegin im originalen Russisch intoniert und dann für das bevorstehende Rendezvous mit Lydia übt. Seine Gesten und die Mimik sind denen legendärer Stummfilmstars vergleichbar – ein Jammer, dass ihn die Regie danach zum Pinkeln hinter eine Mauer schickt und das Geräusch auch noch akustisch eingespielt wird. Ein Glück, dass er dann Lydias Arie „Sitzt man nachts mit einer Frau beim Tee“ schnurrend, gurrend, pfeifend, schnalzend begleitet und auf ihrem ausgestreckten nackten Bein bravourös musiziert wie auf der Tastatur. Vera-Lotte Böcker bringt für die Partie eine elegante Erscheinung und geheimnisvolle Aura mit und singt sie mit melancholisch umflortem, in der Höhe leuchtendem Sopran. Im ersten Duett mit Ito, „Frühling in der Mandschurei“, schwelgen beide in Erinnerungen an die „Frühlingsstürme“ der Jugend. Später vereinen sie ihre Stimmen harmonisch noch in den Zwiegesängen „Blau, blau, himmelblau“ und „Zeig mir, was ich dir bedeute“.  Schrill-überdeht ist das zweite Paar mit Alma Sadé, die als Tatjana ordinär kreischen muss, und Dominik Köninger, der als effeminierter Roderich in vielerlei Gestalt – Journalist, Koch, Zauberer – erscheint und wie stets verlässlich und markant singt.

Eine lautstarke Feuerwerks-Orgie soll wohl Assoziationen an den Ausbruch des Russisch-Japanischen Krieges wecken. Szenischer Tiefpunkt aber ist eine endlose Hotelboy-Polonaise mit reichlich Reisegepäck durch die Drehtür der Lobby – ärgerlich in ihrem Nonsens und überzogen im Timing. Hier hat Ito den Hit des Stückes zu singen: „Du wärst die Frau für mich gewesen“, einst eine Glanznummer von Richard Tauber und Marcel Wittrich. Der unbequemen Tessitura musste Tansel Akzeybek Tribut zollen und bei den heiklen Spitzentönen ins Falsett flüchten. Schon im ersten Teil ließ er bei „Traumversunken, liebestrunken“ neben angenehmen Tenortönen auch kratzige hören. Das Finale markiert ein für die Produktion nachkomponiertes Sextett, welches das Thema „Frühling in der Mandschurei“ noch einmal aufnimmt. Auch nach dieser 3. Aufführung am 8. 2. 2020 spendete das Publikum enthusiastischen Beifall.

Die Produktion zählt zum Programm eines Weinberger-Festivals der Komischen Oper vom 27. bis 29. 3., in welchem noch seine bekannte Volksoper Schwanda, der Dudelsackpfeifer gezeigt wird und auch Konzerte zu hören sein werden. Bernd Hoppe