Tolle Lady, müder König

 

In der genialen, unvergesslichen Peter-Mussbach-Inszenierung von Verdis Macbeth aus dem Jahre 2000 hatte Plácido Domingo 2015 im Schiller Theater bereits die Titelrolle gesungen und sich danach kritisch über diese Produktion geäußert. Nun ließ die Staatsoper im Hause Unter den Linden das Werk von Regie-Altmeister Harry Kupfer für die Sängerlegende neu inszenieren. Die Premiere am 17. 6.  2018, live im Rahmen von Oper für alle! auf den Bebel-Platz übertragen, endete dann auch im Triumph für den Titelhelden, der sich an diesem Abend in deutlich besserer stimmlicher Verfassung präsentierte als drei Jahre zuvor. Die Stimme klang stark aufgeraut und spröde vibrierend, ließ auch einige gebellte Töne hören, aber keine Ermüdungserscheinungen erkennen. Die letzte Arie („Pietà, rispetto, amore“) geriet sogar sehr überzeugend – sowohl in der Führung der Stimme ganz auf Linie als auch in der Vermittlung der tragischen Situation der Figur. Ein alter, gebrochener Mann steht hier vor den Trümmern seines Lebens, und Domingo gelang es, beim Zuschauer Mitgefühl für dieses Scheitern zu erwecken.

Gesanglich war es der Abend von Anna Netrebko, die in der Lady ihre wohl derzeit beste Partie gefunden hat. Nach ihrem Rollendebüt in New York hat sie die Partie stimmlich weiter vertieft und um viele Facetten des Ausdrucks bereichert. Auffällig waren die neuen Farben und Schattierungen, vor allem in der Mittellage und Tiefe, die man in dieser Vielfalt und Faszination bislang von ihr nicht vernommen hatte. Die Stimme strömte in verschwenderischer Fülle, verfügte über schier unerschöpfliche Ressourcen und dominierte die Ensembles mit imposanter Durchschlagskraft. Der erste Auftritt mit der Briefszene zeigt sie im schwarzen Hosenanzug (Kostüme: Yan Tax) als Salonschlange mit  glamouröser Aura, die sich lasziv auf einem weißen Sofa (Bühne: Hans Schavernoch) räkelt. Kupfer zitiert damit fast die Salzburger Traviata Willy Deckers von 2005, in der sich die Netrebko ähnlich aufreizend zeigte. Schon hier setzte die Sängerin ein Glanzlicht mit auftrumpfender Attacke und der doppelt gesungenen Cabaletta. Theatralisch kniet sie vor der Bahre des ermordeten Duncan, in eine meterlange schwarze Schleppe gehüllt. Deren blutrotes Futter ist einer der wenigen Farbtupfer in der insgesamt steingrauen, düsteren Ausstattung. Ein weiterer ist die attraktive Abendrobe der Lady in Türkis bei der Bankettszene. Im Trinklied überraschte Netrebko mit geradezu giftigem Ausdruck, der die ganze Verachtung der machtgierigen Frau für den schwachen Gatten widerspiegelte. Ähnlich überwältigend in der Wirkung war zuvor ihre Arie „La luce langue“, in der sie eine bedrohliche Stimmung evozierte und mit fahlen, geflüsterten und ausgehöhlten Tönen aufwartete. Diese bedeuteten nicht etwa stimmliche Defizite, sondern waren bewusst eingesetzte Gestaltungsmittel. Die Nachtwandelszene mit anfangs leicht intonationsgetrübten Momenten, aber reicher Farbskala, sicher attackiertem Des und ersterbender Stimme vorgetragen, markierte freilich nicht den Höhepunkt ihrer Darstellung. Die letzte Ergriffenheit und Anteilnahme am Schicksal dieser Frau blieb aus. Kupfer hatte diese Szene bereits im Preludio beim Erklingen des wehmütigen Themas im Orchester in einer kurzen Andeutung vorweggenommen, wenn die Lady im weißen Nachthemd und aufgelöstem Haar, mit Schwert und einer Kinderpuppe im Arm, über ein wüstes, von Kriegstoten übersätes Schlachtfeld irrt. Leider nimmt Kupfer dieses starke Bild am Ende nicht auf und lässt die Gran Scena del sonnambulismo in der steinernen Halle ablaufen  – mit weitaus geringerer Wirkung.

Die Inszenierung ist von konventionellem Zuschnitt und könnte in einem südamerikanischern Diktator-Regime à las Pinochet angesiedelt sein. Die grauen, schmucklosen Granitwände geben dem Einheitsraum die Anmutung eines Mausoleums. Schwarze, mit Orden geschmückte Uniformen in post-faschistoider Art lassen wehmütig an die einzigartig surrealistischen Kreationen von Andrea Schmidt-Futterer in der Mussbach-Inszenierung denken. Wenige modische Zutaten wie ein riesiger Schaufelbagger auf einem Baugelände sowie die gelben Westen und Schutzhelme der Mörder verweisen ins Heute. Irritierend ist die szenische Lösung von Macbeth’ nochmaliger Befragung der Hexen, die er auf einem Bett liegend mit der Flasche in der Hand wohl nur halluziniert und von Krankenschwestern (!) in weißen Kitteln und Hauben betreut wird. Ist im Gesang der Hexen vom sanften Flügelschlag der Luftgeister die Rede, findet das hier seine eher banale Entsprechung mit dem Kühlung zufächelnden Personal.

Der triste, von Olaf Freese oft gespenstisch beleuchtete Einheitsraum wird häufig mit im Hintergrund eingespielten Video-Projektionen (Thomas Reimer) bebildert, die naturalistische Ansichten (ein verfallenes Kirchengemäuer, eine illuminierte nächtliche Großstadtsilhouette), grafisch bearbeitete Fotos (eine kahle Baumlandschaft, ein eisiges Felsenplateau) oder Natur-Impressionen (Flammen, Blitze, Lavaströme) zeigen.

„Macbeth“ an der Berliner Staatsoper/ Szene/ Foto wie oben Bernd Uhlig

Ungeschickt gelöst, aber wohl der physischen Konstitution des Sängers geschuldet ist die tödliche Attacke auf Macbeth, nach der er schwer verletzt in den großen weißen Sessel geschleppt wird und dort stockend das„Mal per me“ singt. Die darauf folgende Siegeshymne mit Macduff und Malcolm ist gestrichen – die beiden Feldherren zerren gewaltsam an der königlichen Schärpe und signalisieren damit die Fortsetzung des Kampfes um die Macht. Höchst unterschiedlich sind diese beiden Rollen besetzt mit Fabio Sartori, der Macduffs Arie „Ah, la paterna mano“ stimmgewaltig und mit heroischem Aplomb singt, während Florian Hoffmann als Malcolm im nachfolgenden patriotischen Duett mit dünnem Tenor von buffoneskem Charakter und limitierter Höhe den einzigen Ausfall in der Besetzung markiert. Diese komplettierten Kwangchul Youn als Banquo, dessen Bass etwas spröder klang  als erinnert, der in der Arie „Come dal ciel“ aber mit sonorer Fülle und strömendem Fluss aufwartete, sowie sehr solide Evelin Novack als Kammerfrau und Dominic Barberi als Arzt.

Der Staatsopernchor (Martin Wright) absolvierte seine vielfältigen Aufgaben mit engagiertem Einsatz und differenziertem Ausdruck – seien es die giftigen, lautmalerischen Gesänge der Hexen, das große Ensemble mit der tragischen Betroffenheit über Duncans Ermordung oder der schmerzliche Sehnsuchtschor der schottischen Flüchtlinge. Die Staatskapelle Berlin musizierte unter Daniel Barenboim, der bereits Domingos Auftritt 2015 begleitet hatte, mit federndem Puls und rhythmischer Attacke, aber auch wehmütigen Lyrismen. Gelegentlich ließen überdehnte Generalpausen den musikalischen Fluss ins Stocken geraten.  Aber insgesamt sorgten der Dirigent und das Orchester für einen glanzvollen Abend, der im Jubel des Publikums für alle Mitwirkenden endete, ohne Mussbachs genialen Wurf übertreffen zu können. Bernd Hoppe