Tod eines Pädophilen?

 

Aschenbach ist schon tot, bevor die Handlung überhaupt einsetzt. Vor einem Hintergrund, der die optischen Anleihen bei einer Trauerhalle nicht verleugnet, versammeln sich Teile des Personals. An einer Seite riesige violette Blumen, die fatal an Rotkohlköpfe erinnern, zu einem Berg getürmt, der später auch als Handlungsebene für die jugendlichen Akteure herangezogen wird. Aus dieser Szenerie lösen sich Figuren der Handlung heraus. Mal als widerliches Pack, das Aschenbach bei der Überfahrt nach Venedig unangenehm nahe tritt, mal ist es der verdächtige Gondoliere, der an den sagenhaften Charon gemahnen soll, der die Toten mit dem Boot zu Hades begleitet. Todesboten allerlei Gestalt. Der alternde Schriftsteller, der seine Inspiration verloren hat, will in der Lagunenstadt zu neuer Schaffenskraft gelangen. Stattdessen findet er den Tod. Das ästhetische Ideal, das er in sich trägt, scheitert an der Wirklichkeit, die ihm in Gestalt des Knaben Tadzio entgegentritt, der – wie es in der Novelle von Thomas Mann heißt – „vollkommen schön“ war. Eine Lebenswirklichkeit, auf die der Künstler nicht vorbereitet ist. Er stirbt also nur scheinbar an der Cholera. Obwohl er sich dem Knaben gegenüber zunächst die vornehme Zurückhaltung des Schauenden bewahrt, ihn eher wie ein Gemälde oder eine antike Statue bewundert, gerät er mehr und mehr in den Rausch seiner unkontrollierbaren Gefühle. Dionysos siegt über Apollo. Aus dem gefeierten Dichter, dessen Namen sogar mit einem Adelstitel versehen ist, wird ein würdeloser Greis. „Wer die Schönheit angeschaut mit Augen, ist dem Tode schon anheim gegeben.“ Der wie in Marmor gemeißelte Beginn des Gedichtes von August von Platen ist im Programmheft zu dieser Neuinszenierung von Benjamin Brittens Death in Venice (Tod in Venedig) an der Deutschen Oper Berlin abgedruckt. Premiere war am 19. März 2017.

Brittens „Death in Venice“ an der Deutschen Oper Berlin/ Szene/ Foto Marcus Lieberenz

Es ist Brittens letzte Oper. Die Uraufführung am 16. Juni 1973 beim Aldeburgh Festival in England konnte er selbst nicht besuchen, weil gesundheitlich schwer angeschlagen. Es wurde etwas später eine private Vorstellung für ihn arrangiert, ist dem Programmheft zu entnehmen. Den Gustav von Aschenbach sang Brittens Lebensgefährte Peter Pears. Zwei Jahre vor der Oper war die filmische Version der Mann’schen Novelle von Luchino Visconti in die Kinos gekommen. Bei Visconti war Aschenbach ein Komponist mit Anleihen bei Gustav Mahler. Das Adagietto aus dessen 5. Sinfonie wurde zur Filmmusik und löste einen regelrechten Boom aus. Diesen Film, der den handelnden Personen der Novelle Gesichter gab, dürften auch viele Besucher der Oper immer noch vor Augen haben. Mit einem Foto von Dirk Bogarde als Aschenbach bei einem Spaziergang durch Venedig frischt das Programmheft diese Erinnerungen zusätzlich auf.

Obwohl ein Vergleich mit dem Bühnengeschehen daneben geht, findet er doch statt. Zumindest ist es mir so ergangen. Derartige Vergleiche sind ungerecht, weil das Theater nicht leisten kann und will, was ein aufwändig an Originalschauplätzen gedrehter Breitwandspielfilm zu bieten in der Lage ist. Ungeachtet dessen lastet der Film wie eine Hypothek auf der Oper, die derzeit an vielen Häusern gegeben wird, sich also großer Beliebtheit erfreut. Auf mich wirkt sie wie ein stundenlanger Monolog Aschenbachs. Der Ausgang der Geschichte ist von Anfang an bekannt. Deshalb kommt kaum Spannung auf. Nun sind auch die Opern von Verdi oder Wagner dem Publikum weitestgehend bekannt. Spannung ergibt sich dort aber aus der Erwartungshaltung, wie wohl diese und jene Arie gesungen oder eine Handlung szenisch umgesetzt werden würde.

Brittens Musik hat über weite Strecken begleitenden Charakter, was durch den Einsatz eines Flügels auf der Bühne, dem große Aufgaben zugeordnet sind, noch verstärkt wird. Wer sollte da auf etwas ganz Bestimmtes warten und gespannt sein? Das Orchester ist relativ klein besetzt. Musikalisch zutiefst ergreifend ist der unmittelbare Schluss, eine Art Adagio, dem der letzte Ruf Aschenbachs nach Tadzio, eine stumme Rolle, untergelegt ist. Darauf arbeitet auch Generalmusikdirektor Donald Runnicles hin, der die Inszenierung von Graham Vick sehr feinsinnig leitet. Für ihn und sein Orchester war der starke Beifall verdient. Für Vick und seinen Ausstatter Stuart Nunn ebenfalls. Ihnen gelingen starke Bilder. Verstreute Buhs, die sich eher wie ein Murren anhörten, wirkten angesichts der ansprechenden Szene fehl am Platz. Die Entscheidung der Regie, Aschenbach am Ende (noch) lebend von der Bühne gehen zu lassen, kam offenbar nicht so gut an.

Aschenbach tritt in einem heutigen Straßenanzug auf, den er bis zum Schluss anbehält. Grau und schon etwas verschlissen. Dadurch wirkt er sehr konkret und realistisch. Gleiches gilt für die anderen Personen – und natürlich für Tadzio, meist in Badeshorts mit T-Shirt, wie sie heutzutage getragen werden in seinem Alter. Die Frisur, wenn sie denn nicht unter einem Basecap verschwindet, nach der neuesten Mode frech nach oben gestellt. Ein ganz normaler hübscher Bengel von nebenan, von Rauand Taleb unbekümmert, selbstbewusst und artistisch dargestellt. Umgeben von einer ganzen Meute Gleichaltriger, auch in knielangen Shorts, auch mit T-Shirts. Auf einem ist eine Mickey Mouse zu sehen. Durch die alltägliche Verortung wird aus Aschenbach zu vordergründig ein bemitleidenswerter Pädophile. Daran ändert auch der mythologische Zierrat nichts. Paul Nilon fügt sich dem Konzept, das in der Oper selbst begründet liegt, ohne Wenn und Aber. Das ist bewundernswert. Stimmlich ist er in der Nähe von Pears, also lyrisch, müde und in sich gekehrt. Damit kommt er der wortreichen Rolle sehr entgegen. Er ist eine sehr gute Wahl. Den wirkungsvolleren Part hat der Bariton, der im Werk gleich in mehreren Rollen in Erscheinung tritt – als Reisender, als alter Geck, alter Gondoliere, Hotelmanager, Coiffeur, Anführer der Straßensänger und als Stimme des Dionysos. Dafür ist Seth Carico stimmlich genau so gestählt wie mit seiner athletischen körperlichen Erscheinung. Auch er wird vom Publikum mit Bravos belohnt. Für die Stimme des Apollo wurde der Countertenor Tai Oney eingesetzt (Foto oben: Brittens „Death in Venice“ an der Deutschen Oper Berlin/ Szene/ Foto Marcus Lieberenz). Rüdiger Winter