Tenorparade an der Adria

 

Seit Jahren versucht auch das ROF in Rossinis Geburtsort an der italienischen Adria, sich dem zeitgenössischen Regietheater zu nähern. Es gab umstrittene Versuche von Damiano Michieletto mit der Gazza ladra 2007 oder dem Sigismondo 2010 – nun war die katalanische Künstlergruppe La Fura dels Baus nach Pesaro eingeladen worden, um die Eröffnungsproduktion dieses Sommers, Le Siège de Corinthe in der französischen Originalfassung von 1826, zu inszenieren. Vor der Aufführung am 19.8. in der Adriatic Arena wurde der Opfer des Attentats von Barcelona gedacht.

Regisseur und Bühnenbildner Carlus Padrissa lässt schon zur Ouvertüre mehrere Figuren mit riesigen Wasserkanistern aus Plastik auftreten, und auch die Szene ist mit solchen bestückt – eine abstrakte Gebirgslandschaft aus bläulich schimmernden Magnumflaschen auf einem angeschrägt schmalen, rissigen Boden. Der Konflikt zwischen Türken und Griechen in Korinth um 1470, den Rossini bereits in seiner 1820, also sechs Jahre zuvor, uraufgeführten Oper Maometto Secondo thematisiert hatte, wird in Padrissas Deutung zum Überlebenskampf um das lebensnotwendige Nass. Die Airs de danse im 2. Akt, dankenswerterweise in der Aufführung nicht gestrichen (wie meist), nutzt das Team für eine peinlich anmutende Pantomime, in welcher zwei Statisten bis zum tödlichen Ende um den kläglichen Rest in einem Wasserbehälter streiten. Auch das hängende Blumenstück im 3. Akt mit vertrockneten Blüten und Blättern symbolisiert abgestorbene Natur.

„Le Siège de Corinthe“/ Szene/ Rossini Opera Festival Pesaro 2017/ Studio Amati Bacciardi

Großen Anteil an der Optik der Aufführung hat Lita Cabellut mit ihren nahezu pausenlos eingespielten Videos, welche mit Lava, Flammen, Gischt, Schlamm, Wassertümpeln auf ein weiteres aktuelles Problem – die Umweltverschmutzung – verweisen. Sehr eigenwillig sind die Kostüme der katalanischen Malerin – bemalte, unkleidsame Ganzkörpertrikots aus Velours. Nur Luca Pisaroni als Mahomet II, der die Türken anführt, trägt historisch nachempfundene Gewänder. Der Bassbariton von imposanter Statur und Erscheinung hinterlässt bei seinem Pesaro-Debüt einen zwiespältigen Eindruck, denn die in der Mittellage klangvolle und flexible Stimme verliert in der Höhe und bei dramatischen Ausbrüchen an Qualität. Auch Nino Machaidze als Pamyra, Tochter des korinthischen Kommandaten Cléomène, die sich am Ende aus dem Zwiespalt zwischen der Liebe zu Mahomet und ihrem Vaterland, verkörpert in dem griechischen Offizier Néoclès, in den Freitod flüchtet, kann nicht durchgängig überzeugen. Der herbe Sopran klingt oft scharf und strapaziert. Mit flammender Attacke gelingt ihr „Jour déplorable“ im 1. Finale, das sie zudem mit einem durchschlagenden Spitzenton krönt. Aber für ihre Prière „Juste ciel“ am Ende wünschte man sich doch mehr Pathos und grandeur. Gewaltig fällt der Chor in dieses Finale ein und die Berge von aufgetürmten Flaschen brechen auseinander als apokalyptisches Bild. Der Coro del Teatro Ventidio Basso (Einstudierung: Giovanni Farina) singt machtvoll und ist in dieser Produktion auch szenisch überaus gefordert, denn er wird fast choreografisch geführt. Erstmals spielt beim ROF das Orchestra Sinfonica Nazionale della RAI mit Roberto Abbado am Pult, dem ein kontrastreiches Musizieren aus auftrumpfender Verve, elegischer Kantabilität und federnden Rhythmen gelingt.

Zum Ereignis wird die Aufführung durch eine dreiköpfige Tenorphalanx, angeführt von Sergey Romanovsky in der hybriden Nourrit-Partie des Néoclès. Mit seiner heroischen, in der Extremlage metallisch durchschlagenden Stimme besteht er diese Herausforderung bei seinem ROF-Debüt glänzend, erweist sich versiert im Gebrauch des Falsetts und imponiert im Terzett des 3. Aktes, „Céleste providence“, auch mit reich timbrierter, baritonal-sinnlicher Mittellage. Der Sänger mag kein puristischer Rossini-Stilist à la Blake oder Merritt sein, könnte sich mit seinem sensationellen Material aber als Konkurrent von Spyres und Hymel etablieren. Im reifen, dunkleren Klang setzt sich John Irivin in der Vaterrolle des Cléomène gebührend von ihm ab. Das Trio komplettiert der Spanier Xabier Anduaga als dessen Vertrauter Adraste mit jugendlichem Flair,

Die Besetzung ergänzen Carlo Cigni als Oberpriester Hiéros, der am Ende mit etwas verquollenem Bass seine hymnische Prophétie anstimmt, und Cecilia Molinari als Pamyras Vertraute Ismène, die delikat und leicht getippt ihre Ballade im Divertissement des 2. Aktes, „La jeune Pamyra“, vorträgt.

 

„La Pietra del Paragone“/ Szene/ Rossini Opera Festival Pesaro 2017/ Studio Amati Bacciardi

Zwei Wiederaufnahmen gab es im diesjährigen Programm. Aus dem Jahre 2002 stammt Pier Luigi Pizzis Regie und Ausstattung des 1812 in Mailand uraufgeführten Melodramma giocoso La Pietra del Paragone, die ebenfalls in der Adriatric Arena gezeigt wurde. Das Geschehen um den heiratswilligen Conte Asdrubale, der die drei Anwärterinnen für die Ehe in seinem Schloss auf eine Probe stellt, siedelt Pizzi in einem hocheleganten, zweistöckigen Bungalow im Bauhaus-Stil mit Swimming-Pool und Fitness-Studio an. Der attraktive Gianluca Margheri ist in dieser Rolle mit seinem unglaublichen Modellkörper, den er in Badehose ausgiebig zur Schau stellen kann, vor allem ein optisches Ereignis. Sein Bassbariton klingt aufgeraut und zuweilen dumpf, aber insgesamt wurde sein ROF-Debüt vom Publikum wohlwollend aufgenommen. Der Tenor des Abends ist hier Maxim Mironov als Cavalier Giocondo, Dichter und Freund des Conte. Schon in der Auftrittsszene brilliert der russische Tenor (Rossini-erfahren in Pesaro und Bad Wildbad) mit stupenden Spitzentönen. Seine Arie im 2. Akt, „Quell’alme pupille“, serviert er mit inbrünstig-schwärmerischem Ausdruck und entfacht mit den virtuos absolvierten Koloraturen in deren Schlussteil stürmischen Publikumsjubel, der ihn für den Conte di Almaviva im neuen Barbiere 2018 prädestinieren dürfte. Marchesa Clarice, die am Ende das Rennen um die Gunst des reichen Conte macht, ist Aya Wakizono in extravaganten Roben mit hellem Mezzo, die die Rosina-Koloraturen leichtfüßig absolviert und in den melancholischen Kantilenen ihrer Partie gefällt. Witzig inszeniert ist ihr Duett „Conte mio“ mit Asdrubale als Telefon-Dialog. Ihre Finalarie „Se per voi“ singt sie delikat, mit reizvoll dunklem Timbre und sicher platzierten Spitzentönen. Das Nachsehen haben die Baronessa Aspasia (Aurora Faggioli mit keifendem, in der Höhe knappem Mezzo) und Donna Fulvia (Marina Monzó mit spitzem  Sopran). Alle Sänger sind in dieser turbulenten Inszenierung mit außerordentlicher Spielfreude am Werk, aber besonders stechen Davide Luciano als Journalist Macrobio und Paolo Bordogna als Dichter Pacuvio heraus. Ersterer begeistert mit seinem virilen Bassbariton und dem agilen Spiel in dieser Figaro-nahen Partie; der Pesaro-Liebling Bordogna mit robust-dröhnender Stimme gefällt wie stets mit seinem Witz und dem Hang zur Schrillheit. Daniele Rustioni entfacht mit dem Orchestra Sinfonica Nazionale della RAI einen Rossini-Wirbel vom Feinsten, ziseliert den Beginn der Sinfonia delikat, hält die plappernden Ensembles sicher zusammen und sorgt im 1. Finale für ein schier aberwitziges Tempo.

 

„Torvaldo e Dorliska“/ Szene/ Rossini Opera Festival Pesaro 2017/ Studio Amati Bacciardi

Ins Teatro Rossini kehrte Mario Martones Inszenierung des Dramma semiserio Torvaldo e Dorliska von 2006 zurück. Die Handlung um das Titel gebende Paar und den rivalisierenden, perfiden Herzog d’Ordow siedelt Sergio Tramonti in einem verwilderten Garten an und bezieht auch den Zuschauerraum in das Spiel ein. Der gedeckte und mit einem Lüster geschmückte Tisch im 2. Akt erinnert an Tosca, auch weil die Situation der in Puccinis Oper ähnelt. Denn Dorliska soll sich als Preis für die Freilassung ihres Gatten dem Herzog hingeben, was sie auch angesichts des eigenen Todes ablehnt. Ursula Patzak erdachte die historisch orientierten Kostüme.

Tenor vom Dienst ist hier der Russe Dmitry Korchak in der männlichen Titelrolle. Seit 2006 in Pesaro präsent, überzeugt er auch bei diesem Auftritt mit kraftvoller, zum Heldischen tendierender Stimme, verfügt aber ebenso über feine piani und eine schwärmerische Kantilene. Die Spitzentöne im forte klingen gelegentlich etwas strapaziert, aber das Potential in dieser Region ist beachtlich. Mit zärtlicher Emphase stimmt er seine Arie zu Beginn des 2. Aktes, „Dille, che solo a lei“, an und berührt im Duett mit Dorliska, „Quest’ultimo addio“ durch den schmerzlichen Ausdruck. Kontrastierend dazu beider Jubel im Finale („Grazie al destin pietoso“) über den glücklichen Ausgang nach der Verhaftung des Herzogs. Nach ihrer Elena in der Donna del lago des Vorjahres reüssiert die georgische Sopranistin Salome Jicia als Dorliska erneut mit ihrem aparten Timbre von feiner dunkler Färbung und reichen Valeurs. Nur in der Extremhöhe sind grelle Töne vernehmbar. Mit dramatischem Furor tritt sie dem Herzog in beider Duett „Ella… o ciel!“ entgegen, bleibt standhaft und entschlossen auch in der Unterredung mit ihm im 2. Akt („Ferma, costante“). Das reiche Zierwerk am Schluss dieser Arie absolviert sie bravourös.

Mit seiner imposanten Körperfülle gibt Nicola Alaima als Duca eine stattliche, autoritäre Erscheinung ab, singt mit durchschlagender, erzener Höhe und gebührend grimmigem Ausdruck. Mit besonderer Eloquenz zeichnet er sich im Duett mit seinem Schlossverwalter Giorgio aus, den Carlo Lepore mit ausladend dröhnendem Bass ausstattet. Raffaella Lupinacci ergänzt das Team als des Herzogs Schwester Carlotta, die in den Ensembles zuverlässig stützt und ihre Arie im 2. Akt, „Una voce lusinghiera“, kultiviert singt, nur im bewegten Schlussteil strenge Klänge hören lässt.

Mit Francesco Lanzillotta steht ein hoffnungsvoller junger Dirigent vor dem Orchestra Sinfonica G. Rossini, der bei seinem ROF-Debüt auf Anhieb die Sympathien des Publikums erringen kann. Schon in der Sinfonia gefällt die Balance von Gewicht und Leichtigkeit. Immer wieder zieht er das Tempo deutlich an, sorgt im turbulenten 1. Finale für eine dramatische Klimax, die er bei der Befreiung des Paares durch das aufständische Volk mit packendem Furor sogar noch steigern kann.

 

Dem langjährigen Direttore artistico und Rossini-Dirigent von singulärem Rang Alberto Zedda, der im März dieses Jahres 89jährig in Pesaro verstarb, war das diesjährige Festival gewidmet. Das nächste unter neuer künstlerischer Leitung steht vor enormen Herausforderungen. Es findet vom 11. bis 23. August 2018 statt und bringt eine Neuinszenierung von Ricciardo e Zoraide (mit Juan Diego Flórez) sowie Adina und Il barbiere di Siviglia (Foto oben: „Le Siege de Corinth“/ Szene/ Rossini Opera Festival Pesaro 2017/ Studio Amati Bacciardi). Bernd Hoppe