Tanzperformance mit Gesang

 

Ihrem Sensationserfolg Pelléas et Mélisande ließ die Komische Oper ein nicht minder eigenwilliges und verrätseltes Stück folgen – und das sogar als Berliner Erstaufführung: Philip Glass’ 1980 in Rotterdam uraufgeführte Oper Satyagraha. Sie trägt den Untertitel M. K. Ghandi in Südafrika, womit der Handlungsverlauf des dreiaktigen Werkes umrissen ist. Auf diesem Kontinent beginnt in den Jahren 1893 bis 1914 der Kampf des indischen Politikers gegen das Unrecht der britischen Kolonialgewalt. Seine Idee vom gewaltlosen Widerstand bündelt in dem Begriff, welcher der Oper den Titel gab und mit „Kraft der Wahrheit“ umschrieben werden kann. Ghandis Kampf endet mit dem Sieg der Unabhängigkeit in Indien. Den drei Akten der Komposition ist jeweils  eine historische Persönlichkeit – Leo Tolstoi, Rabindranath Tagore, Martin Luther King – vorangestellt, deren Einsatz für die Unterdrückten mit Ghandis Wirken für die Menschheit vergleichbar ist.

Die Musik von Glass ist von strapaziöser Monotonie, das Orchester der Komischen Oper Berlin schnurrt sie unter Jonathan Stockhammers Leitung mit der Präzision eines Uhrwerks ab. Von ähnlich verblüffender Perfektion sind die Chorsolisten des Hauses (Einstudierung: David Cavelius), die nicht nur gesangliche Wunder vollbringen, sondern auch das ihnen verordnete komplizierte Bewegungsvokabular mit geradezu mirakulöser Exaktheit ausführen. Man sieht sie in strengen Ritualen, feierlichen Prozessionen oder  anmutigen, russisch anmutenden Zeremoniellen.

„Satyagraha“ an der Komischen Oper Berlin/ Szene/ Foto Monika Rittershaus

Der Abend ist durch und durch choreografisch geprägt, denn Regisseur dieser Koproduktion mit dem Theater Basel und der Vlaamse Opera Antwerpen ist der renommierte flämisch-marokkanische Choreograf Sidi Larbi Cherkaoui. Sein Stil wird dominiert von reicher Armarbeit, vom Wirbeln der Körper, von häufigen Aktionen am Boden. Hier wird er ergänzt von der speziellen Führung der Hände als Reverenz an die indische Kultur und Tradition. Ein Glücksfall für die Aufführung ist die Mitwirkung der von Cherkaoui gegründeten EASTMAN-Company. Die zwölf  Tänzerinnen und Tänzer tragen den Abend mit ihren Auftritten von unbändiger Kraft, archaischer Wucht und ekstatischer Gewalt. Auf Henrik Ahrs reduzierter Bühne, die nur von einer an Schnüren hängenden Plattform bestimmt wird, sorgen sie für die spektakulärsten, beklemmendsten Momente. Wenn sich der Boden hebt, kann er zum schützenden Dach werden für die Ausgegrenzten, die sich mit Aufschriften auf den halbnackten Körpern (Jew, Slave, Jap, Black) zeigen, aber auch zur einengenden Gefängnisdecke, unter der sich die Menschen in kreatürlicher Angst winden.

Am Ende sitzt Ghandi in seinem weißen Anzug (Kostüme: Jan-Jan Van  Essche) auf der schräg gekippten, in der Höhe schwebenden Plattform und singt von Nichtwiederkehr und Wiederkehr, vom unverbrüchlichen Glauben an die Wahrheit. Der Tenor Stefan Cifolelli hat dafür genau den richtigen Ton von lyrischer Entrücktheit (Foto oben: „Satyagraha“ an der Komischen Oper Berlin/ Szene/ Foto Monika Rittershaus). Bernd Hoppe