Szenen einer unglücklichen Ehe

 

Kát’a Kabanová steckt in einer unglücklichen Ehe fest. Herumkommandiert und erniedrigt von der Schwiegermutter Kabanicha, die auch ihren Sohn klein und abhängig hält (weshalb er trinkt), lässt sie sich auf eine Affaire ein. Eine alltägliche Konstellation, besonders in Zeiten und an Orten, wo die arrangierte Ehe der Normalfall ist. Tu’s, aber red nicht drüber (wie Kabanicha mit Dikoj, dem Onkel von Kát’as Geliebtem). Was mag also die Protagonistin von Janáčeks Oper dazu bringen, während eines Gewitters (das dem zugrundeliegenden Drama von Ostrovskij den Titel gegeben hatte) öffentlich ihren Ehebruch zu gestehen und sich dann in der Volga zu ertränken? Die entscheidende Rolle dürfte die klaustrophobische Atmosphäre des Dorfes, wo alle unter permanenter gegenseitiger Beobachtung stehen, spielen. Dafür haben Regisseurin Florentine Klepper und Bühnenbildnerin Martina Segna einen einprägsamen Bühnenraum geschaffen: einen recht nüchternen kubischen Saal mit einer breiten Öffnung in der Rückwand (Fenster? Kinoleinwand? Bühne? wohl von allem was). Es könnte ein Gemeindesaal sein, aber die an einer Seitenwand auf kleinen Vorsprüngen angebrachten Liednummern aus einem Kirchengesangbuch legen (korrespondierend mit der kollektiv hochgehaltenen Moralfassade) einen sakralen Kontext nahe.

Im 1. Bild, wo die Personen quasi vorgestellt werden, erscheinen sie in der Guckkastenöffnung mit überdimensionalen, den Interpret/-innen nachempfundenen Puppenköpfen (wie die ebenfalls sehr treffenden Kostüme wohl das Werk von Adriane Westerbarkey), als Stereotype, eine Art Marionetten ihrer selbst. Im 2. Bild gelangen sie in den eigentlichen Raum und werden allmählich die Kunstköpfe und andere Marionettenelemente wie Beinschienen oder (im Falle des grapschenden Dikoj) riesige Hände los, werden von Typen zu Individuen mit feiner Psychologie, wie Janáčeks von den tschechischen Sprechmelodien inspirierte Musik sie zeichnet.

„Kát’a Kabanová“ am Konzert Theater Bern/ Szene/ Foto wie oben Annette Boutellier

Und die Volga, die Natur, die im Orchester so deutlich erklingt? Gelegentlich erlaubt das Fenster Blicke auf sie, meist bleibt sie aber als Sehnsuchtsobjekt (etwa wenn Kudrjasch über sie spricht) eben nur hörbar.

Noch ein Coup ist das Gewitterbild, wo sich der Vorhang über dem um 180° gedrehten Saal hebt – die Dorfgemeinschaft hat Schutz darin gesucht und blickt durch das Fenster Richtung Publikum. Kát’a stürzt sich für ihr Geständnis nach draußen in den Regen. Im letzten Bild treten Kát’a als Mensch und ihre Puppenversion gemeinsam auf, der innere Kampf zwischen dem Individuum und ihrem stereotypen Idealbild entscheidet Letzteres für sich, indem die Puppe im Bühnenfenster Kát’a erdrosselt – ein starkes Bild für einen durch äußeren moralischen Druck erzeugten Selbstmord.

Dazu kommt eine sorgfältige Personenregie, oft expressiv, aber stets natürlich. Auch in den Massenszenen inszeniert Florentine Klepper die Vorgänge plastisch. Kuligin ist aufgewertet zum Spielmacher, der den Vorhang des Bühnenfensters bedient und auch sonst lenkend eingreift. Todd Boyce spielt diese schillernde Figur, schwankend zwischen rein erzählendem Puppenspieler und Pastor des Dorfes, mit umwerfender Präsenz, wohldosierter Süffisanz und Humor, ein Kabinettstück.

Aber natürlich steht die Titelheldin im Zentrum des Interesses. Erst recht bei einer Interpretin, die so in der Rolle aufgeht wie Johanni van Oostrum. Ihre mit lakonischen Mitteln berührende Darstellung der gequälten jungen Frau ist frei von jeder Wehleidigkeit; sie gestaltet die Partie mit leuchtkräftigem und wendigem Sopran und bei einer Nichtmuttersprachlerin besonders bemerkenswerter Natürlichkeit im Melos, von der Intensität der vermittelten Gefühlswelt ganz zu schweigen. Rauhere halsigere Spitzentöne mögen aufzeigen, dass die Rolle im Moment noch die Grenze des dramatisch Möglichen streift. Als Kabanicha kehrt die langjährige „Hausdiva“ Ursula Füri-Bernhard wieder einmal ans Berner Theater zurück – natürlich eine Paraderolle für ihren unverwechselbar präsenten hochdramatischen Sopran und ihren charismatischen szenischen Nuancenreichtum ­– was für eine genüsslich ausgespielte Haustyrannin mit Doppelmoral und Cruella-de-Vil-Mèches in der schwarzen Steckfrisur! Den großspurigen, aber auch schon unter ihrem Pantoffel stehenden Verehrer Dikoj gibt mit fülligem Bass Andreas Daum. Als sein Neffe und Kát’as Verführer Boris glänzt Alessandro Liberatore, der die Liebhaber-Aura und die Windigkeit des vor dem Onkel kuschenden Tagediebs zu einer interessanten Figur verbindet und die sauber gesungene Prägnanz von Janáčeks Idiom mit dem Schmelz eines großvolumigen Tenors und auffallend viel Linie krönt – ein außerordentlich  gelungener Schritt übers italienische und französische Fach hinaus. Ensemblemitglied Andries Cloete steht ihm als Kát’as Gatte Tichon mit angemessen schlankerem, ebenso souveränem Gesang nicht nach; der trinkende Muttersohn läuft bei ihm nicht Gefahr, eindimensional zu werden. Besonders fällt auch auf, wie ausdrucksstark Cloete im ersten Bild, durch den Puppenkopf mimischer Mittel beraubt, nur schon mit dem Körper die Figur gestalten kann. Die dritte Tenorrolle, den Lehrer Kudrjasch, der das Stück eröffnet, sang an der Première (19.5.) für den erkrankten Nazariy Sadivskyy der kurzfristig einspringende Joshua Kohl, der sich sowohl stimmlich als auch szenisch in Rolle und Produktion überaus wohl zu fühlen schien. Unter den weiteren kleineren Rollen fiel vor allem Eleonora Vacchi durch engagiertes, natürliches Spiel und einen klangvollen, warmen Mezzo auf; Toos van der Wal (Glascha), Amber Opheim (Fekluscha), Carlos Nogueira (Mann) und Vilislava Gospodinova (Frau) kamen weniger zur Geltung, machten ihre Sache aber auch rundum befriedigend. Der von Zsolt Czetner geleitete Chor erwies sich musikalisch wie darstellerisch als eine weitere sichere Bank.

„Kát’a Kabanová“ am Konzert Theater Bern/ Szene/ Foto Annette Boutellier

Ganz allgemein machte das ausnahmslos nichtmuttersprachliche Ensemble den Eindruck, sich in der nicht leicht zu singenden Sprache sicher zu fühlen (mögliche Akzentreste, die ich nicht beurteilen kann, hin oder her), was der (bei der Premierenfeier auch ausgiebig beklatschten) Sprachtrainerin Eva Holloway alle Ehre macht.

Kevin John Edusei am Pult des Berner Symphonieorchester pflegte ein expressives, aber nicht „romantisches“ Klangbild, das Janáček im 20. Jahrhundert verortet (manchmal fühlte man sich geradezu an Schostakowitsch erinnert) und auf Durchhörbarkeit und Kontrastreichtum zwischen den verschiedenen Instrumentalfarben setzte. An manchen Stellen klang das (etwa in der an sich sehr präzise musizierten Einleitung) noch etwas durchbuchstabiert, aber das darf bei einer Première und mit einem Orchester, das nicht gerade täglich Janáček spielt, auch sein (19. Mai 2018). Samuel Zinsli