Symphonischer Mozart.

 

Mythischen Stoffen wie der Geschichte der Medea oder der Erzählung von Trojas Fall wohnt die Kraft nicht nur des Ahistorischen und Exemplarischen, sondern auch des Vertrauten inne. Die paradoxe Mischung aus fernem Urbild und gefühlter Nähe macht sie zu beliebten Objekten für effektvolle Aktualisierungen, zumal in konfusen Zeiten wie unseren. Dafür muss allerdings ihr Potential genutzt werden. Regisseur David Bösch tut das in Nürnberg (bzw. in Antwerpen, wo diese Produktion zuerst gesehen wurde) mit dem neuen Idomeneo Mozarts nicht. In der Inszenierung (erst die dritte seit den 1940er Jahren in Nürnberg) setzt er alle Requisiten des modernen Routine-Regietheaters ein, und das wären unter anderem: eine nackte Bühne (Patrick Bannwart und Falko Herold, die ausgezeichnete Lichtregie besorgte Michael Bauer), hässliche Kostüme modernen Zuschnittes (gerne blutbeschmiert – Falko Herold hat sie entworfen), ein Rollstuhl (für Arbace, auf das Gerät verzichtet er aber im Laufe der Aufführung aus nicht nachvollziehbaren Gründen), Faustwaffen (im homerischen Kreta?), Videos (ebenfalls von Falko Herold) und – jawohl – Koffer und Mäntel.

Mit diesem Apparat bebildert Bösch die Geschichte von König Idomeneo, der seinen eigenen Sohn opfern soll, ohne irgendeine Aussage damit zu verbinden. Was bedeutet der Konflikt zwischen Pflicht und Vaterliebe? Wie ist der soziale Druck zu bewerten, welchen das geplagte Volk auf seinen Herrscher ausübt? Das interessiert das Regieteam nicht. Wie so oft ist die Charakterisierung der Gestalten schwach und widersprüchlich, ohne dass man den Eindruck gewinnen kann, dass ernsthaft auf das Archetypische gezielt wird. An mehreren Stellen war schlichtes Rampentheater zu erleben. Idamante als Teenager? Warum nicht, er ist ja ein Junge, der sich plötzlich mit dem Ernst des Lebens auseinandersetzen muss. Aber als er sich einen Helm aufsetzt, um gegen das Meeresungeheuer zu kämpfen, wirkt das unglaubwürdig: man hätte konsequenterweise erwartet, dass er sich eher seinem Smartphone widmen würde. Idomeneos Figur bleibt konturlos und hat kaum etwas zu tun. Elettra widerfährt eine besonders stiefmütterliche Behandlung. Sie darf mit einer Axt hantieren, die ihr eine finstere Gestalt erst nimmt und am Ende der der Oper zurückgibt. Aus ihrem letzten Auftritt wird eine lächerliche Zombie-Szene, die ins Nichts führt. Gerade hier spürte man nicht etwa die Unbekümmertheit der ironischen Distanzierung, was vielleicht beabsichtigt war, sondern die Schwere der inszenatorischen Oberflächlichkeit. Dennoch muss dem Regisseur Gerechtigkeit widerfahren. Er reiht zwar Tableau an Tableau, allerdings gelingen ihm einige dieser Bilder gut, vor allem wenn der Chor auftritt, etwa bei der Ankunft Idomeneos und seiner Mannschaft oder im zweiten Akt, wenn ein rotierender, unheimlicher Vorhang die bedrückende Drohung darstellt.

„Idomeneo“ am Staatstheater Nürnberg/ Szene/ © Foto wie auch oben: Ludwig Olah

Musikalisch war es der Abend des Marcus Bosch. Bosch wählte eine kleine Besetzung mit Natur-Blech und historisierenden Pauken und bot einen kantigen, pulsierenden Mozart. Das für eine Seria, die Idomeneo nun einmal ist, typische Primat der Stimmen ignorierte Bosch und erzeugte einen kompakten, im etymologischen Sinne des Wortes symphonischen Klang mit vielen Farben. Er gestaltete feinfühlig und ließ vokale Linie und instrumentale Begleitung als gleichberechtigte Bestandteile verschmelzen. Höhepunkt der Aufführung war bezeichnenderweise das große Quartett. Man mag höchstens kritisieren, dass die Fokussierung auf die Dramatik stellenweise etwas pauschal daherkam. Außerdem wurde die Oper allzu stark gekürzt. Die präzis aufspielende Staatsphilharmonie unterstützte ihren am Ende dieser Saison ausscheidenden Leiter mit großem Einsatz. Gesungen wurde auf gutem Niveau. Am besten gefiel die Elettra von Leah Gordon, die ihren dunkel timbrierten, voluminösen Sopran erfolgreich zähmte, was eine innere Spannung erzeugte, welche zur Rolle ausgezeichnet passte, und phantasiereich phrasierte. Ihre Diktion war vorbildlich. Ida Aldrian (Idamante) sang schön auf Linie, aber die Stimme war für meine Begriffe zu wenig androgyn und zu wenig steigerungsfähig, um diese Hosenrolle auszufüllen. Ina Yoshikawas Ilia fehlte es gänzlich an Wortverständlichkeit. Die gut projizierte Stimme klang bisweilen allzu metallisch und kalt. Ilke Arcayüreks Leistung muss differenziert beurteilt werden. Er konnte einerseits kaum hörbar machen, warum sein klangvoller, aber neutral timbrierter und farbenarmer Tenor ihn zum Idomeneo prädestinierte. Mit der Koloratur, vor allem in der Glanzarie „Fuor del mar“, stand er auf Kriegsfuß. Andererseits konnte man an ihm erleben und bewundern, was gute Technik, Disziplin und musikalische Sensibilität erreichen können. Denn Arcayürek deutete die Rolle aus dem Text heraus und setzte auf Wortverständlichkeit. Ihm gelang auf diese Weise ein überzeugendes Portrait des kretischen Königs. Gut besetzt waren auch die kleineren Partien mit Alex Kim als Arbace und Chool Seomun als Oberpriester. Wie gewohnt auf hohem Niveau sang der von Tarmo Vaask geleitete Chor. Idomeneo endet bekanntlich mit einem Happy End, aber Regisseur Bösch gönnte es seinen Protagonisten nicht. Ausgerechnet beim einsetzenden Jubel des Volkes, welches das Glück des neuen Herrscherpaares Idamante und Ilia besingt, stirbt Idomeneo in den Armen des Sohnes (die Schlussarie „Torna la pace al core“ wurde dafür gestrichen), und verhagelt ihm die Feier. Das Publikum sah darüber hinweg und feierte die Beteiligten, insbesondere Arcayürek, Gordon und Aldrian mit großem Jubel (Aufführung am 26. März 2018). Michele C. Ferrari