Ambitioniert wie meist

 

Rigoletto: Des Sprayers plakativer Graffiti-Lobruf war für das Regieteam Wieler/Morabito Programm und für Generalmusikdirektor Cambreling Anstoß für eine hochemotionale Auseinandersetzung mit dem Komponisten. „Viva Verdi“ stand da in großen Lettern auf einer Hauswand der von Bert Neumann gezimmerten Rigoletto-Bühne der Oper Stuttgart (Premiere 28.06.2015; Foto Szene/ Schaefer).  Für die beiden Regisseure hatte der Ruf mit Blick auf den Risorgimento-Komponisten V.E.R.D.I.  durchaus auch politischen Charakter, und Cambreling präsentierte vor diesem Hintergrund mit seinem fulminant aufspielenden Staatsorchester einen eindringlichen und  spannungsgeladenen, so richtig unter die Haut gehenden Verdi. Ganz neu hörte man sogar die Mitsing-Wunschkonzert-Hits der populären Oper, da der Dirigent auch hier ganz bewusst auf retardierende Tempi und furiose  dynamische Steigerungen setzte. Phänomenal das bravouröse Stretta-Duett im Finale des zweiten Akts! Ganz im Sinne und mit sorgfältiger Unterstützung Cambrelings gestaltete auch die durchweg erstklassige Sänger-Riege ihre Partien, wobei bei einigen Rollendebütanten anfangs durchaus leichte Unsicherheiten zu hören waren. Mit solchen hatte es Markus Marquardt bei der expressiven Gestaltung der Titelpartie keine Sekunde lang zu tun. Mit seinem souverän und sicher geführten wuchtigen und ausdrucksstarken Heldenbariton bot er vokal und darstellerisch ein faszinierendes Rollenportrait. Ana Durlovski wuchs im Verlauf des Abends immer mehr in ihre Rolle als Gilda hinein und begeisterte nicht nur mit wunderbar lyrischen Belcanto-Tönen, sondern auch mit prächtigen Koloraturen. Atalla Ayan, der in Stuttgart zuletzt als Rodolfo und eben erst in Baden-Baden als Alfredo gefeiert wurde, sang sich als Herzog mit kräftig baritonal angehauchten, höhensicheren und schmelzenden Tenortönen nicht nur in Gildas Herz, sondern auch in die Herzen des Publikums. Für ein hohes vokales Niveau standen auch die übrigen Solisten, unter ihnen Roland Bracht (Monterone), Liang Li (Sparafucile)  oder Anaik Morel (Maddalena), und natürlich die von Johannes Knecht perfekt einstudierten Herren das Staatsopernchors. Opernintendant Jossi Wieler und sein Co-Regisseur Sergio Morabito hatten sich im Vorfeld ihrer Rigoletto-Inszenierung intensiv mit Victor Hugos Drama „Le roi s´amuse“, der Vorlage zu Verdis Oper, beschäftigt und setzten deshalb  auf Risorgimento-Elemente. Rigoletto ist hier, ohne dass das verkrampft oder aufgesetzt wirkt, ein Klassenkämpfer, der seine Tochter  Gilda mit allen Mitteln vor dem Establishment schützen und zur Revolutionärin im Männer-Outfit (Kostüme: Nina von Mechow) erziehen will. Auch wenn sie zusammen mit ihrer Amme Giovanna in Handarbeit Plakate mit der Aufschrift „Liberté, Egalité, Fraternité“ fertigt, träumt und verwirklicht sie urplötzlich etwas ganz Anderes als das, was der Vater ihr vorschreibt. Vom „armen Studenten“ angezogen und verführt, tritt sie emanzipiert ihrem schockierten, gedemütigten und verzweifelten Vater Arm in Arm mit dem „Herzog“ im Glitzerkleid entgegen: Der Anfang vom tragischen Ende der Oper, für die Bert Neumann auf der Drehbühne eine eindrucksvolle Kulisse mit düster grauen Häuser-Elementen und Gassen gebaut hat, die in der Gewitterszene vor dem Finale (Licht: Lothar Baumgarte) erschreckend dämonisch wirkte. Das war ein rundum gelungener festlicher Saisonabschluss, den das Premierenpublikum denn auch langanhaltend frenetisch feierte. Hanns-Horst Bauer

 

Così fan tutte: Konsterniert und sichtlich geschockt sitzen, beziehungsweise liegen sie da im Bühnenvordergrund, während die Musiker im hochgefahrenen Orchestergraben sie bei der Ouvertüre mit herb-aggressiven Tönen lautstark abstrafen. Doch gelernt haben die Akteure offensichtlich rein gar nichts aus ihren niederschmetternden Erfahrungen in Sachen Liebe und Treue, denn sie machen´s in der Oper Stuttgart gleich noch mal und das, mit Pause, gute dreidreiviertel Stunden lang. Als „Teufelskreis“ sieht der griechische Schauspielregisseur Yannis Houvardas Mozarts Dramma giocoso Così fan tutte (Aufführung 31.05.2015) und jagt realitätsversessen der Oper nun wirklich alles aus, was auch nur entfernt an „Giocoso“ und Mozarts oder da Pontes Intentionen erinnern könnte. Zum Lachen gibt´s hier keine Sekunde lang Anlass, es sei denn über die wirklich originelle Übersetzung der Übertitel. „Welche Traurigkeit atmen diese Zimmer“, singt Strippenzieher Don Alfonso (Shigeo Ishino mit fein austariertem Bariton). Und er hat recht, untertreibt unfreiwillig eher noch. Wie Bühnenbildner Herbert Murauer diesen Mozart ausgestattet hat, das hat Baukasten-Charme, bietet allerdings die Möglichkeit, die Seelenlage der Protagonisten simultan offen zu legen. Links vorne im Eck ein Beobachter-Fauteuil für Alfonso, rechts ein Stuhl plus Tischchen für hochprozentig Destilliertes für Despina. Die ist hier kein neckisches Kammerkätzchen, sondern eine ganz in Schwarz gewandete Intrigantin, von Yuko Kakuta perfekt gesungen und gespielt. Und dahinter sind diverse Räume im Retro-Stil der 50er/60er Jahre mit viel Teakholz-Kunststoff aufeinander gestapelt. Anja Rabes setzt mit ihren Kostümen noch eins drauf: Biedere Hausfrauen in Türkis und Buntgemustertem treffen auf billige Möchtegern-Casanovas, die schon mal die Hosen runterlassen und ihre Dessous zeigen dürfen.  Da müssen die beiden Paare beim Partnertausch aber durch, auch wenn sie ja, so Regisseur Houvardas´ Konzept, von Anfang an alles durchschauen, sind sie doch unmittelbare Augen- und Ohrenzeugen der Wette. So setzen sie sich,  über Stockwerke und hellhörige Wände hindurch, oft auch nur an der Rampe stehend, mit ihren diffizilen Partien vokal auseinander. Das gelingt den beiden Damen ebenso wie ihren Kavalieren vortrefflich, wobei an diesem Abend alle mit Rollendebüts aufwarten. Mandy Friedrich (Fiordiligi) und Diana Haller (Dorabella) meistern nicht nur ihre großen Arien tadellos, sondern gestalten ihre Partien auch souverän und mit viel Einfühlungsvermögen. Gergely Németis wartet als Ferrando mit einem balsamischen Tenor auf, während Ronan Collett den Guglielmo zwar mit einnehmendem Timbre singt,  bisweilen aber doch Intonationsprobleme hören lässt. Sylvain Cambreling setzt mit dem glänzend besetzten Staatsorchester auf einen eher breiten Mozart, was ihm die Möglichkeit gibt, die Soli sehr fein herauszuarbeiten. Begeisterter Beifall nach der Premiere für alle Beteiligten und nur ein kleines verstecktes Buh für den Regisseur, was einen gerade in Stuttgart schon etwas verwundert. Hanns-Horst Bauer