Sehnsucht nach Güte

 

Zuerst die Straßenbahn mit dem Namen „Desire“, zuletzt die bis zu den „Elysian Fields“, dann hat es Blanche endlich geschafft. Die beengte und sehr schlichte Zweizimmerwohnung von ihrer Schwester Stella und deren Ehemann Stanley Kowalski in New Orleans ist nicht gerade die Insel der Seligen. Für Blanche nur mit viel Alkohol und ausgedehnten Bädern zu ertragen. Und dennoch die letzte Rettung, nachdem sie wegen ihrer Beziehung zu einem 17jährigen und ihres ausschweifenden Lebens die Stelle als Lehrerin und zuletzt ihre Bleibe im „Flamingo“-Hotel verloren hat. Der herrschaftliche Familiensitz „Belle Reve“ musste längst verpfändet werden. Dem Niedergang des alten Südstaaten-Geldadels, mit dessen Hochmut sie immer noch gesegnet ist, flattert Blanche wie ein Schmetterling davon, blendet die Realität aus und stürzt sich in sexuelle Eskapaden. Die Konfrontation mit dem ordinären Stanley, den sie mit einem Affen vergleicht, mit King-Kong, spitzt sich immer mehr zu, bis sie Stanley in der Nacht, in der Sella ihr Kind bekommt, vergewaltigt. Keiner glaubt ihr. In der Annahme, es handle sich um einen reichen Verehrer, der sie ans Meer entführt, folgt sie am Ende willig dem Arzt, der sie in die Psychiatrie bringt. Ihr letzter Satz, „ich habe mich immer auf die Güte von Fremden verlassen“, gehört wie viele Zeilen des Schauspiels zum literarischen Allgemeingut der amerikansschen Dramatik des 20. Jahrhunderts, darunter „Warhheit, wer will Wahrheit… Ich will Magie“. Das hält sie Mitch vor, der offenbar kurz davorsteht, sie zu heiraten, aber sich abwendet, nachdem er von ihrem Vorleben erfährt. Tennessee Williams Endstation Sehnsucht (A Streetcar Named Desire) ist immer noch ein starkes Stück. Und die Oper ist es auch. Von der Aufführung des Theater Pforzheim, das übrigens 1950 als erstes deutsches Theater das Schauspiels gezeigt hatte, fühlte ich mich ungleich mehr angesprochen als vom Mitschnitt der Opern-Uraufführung, der trotz der von Previn dirigierten prominenten Besetzung immer auch etwas länglich wirkt.

„Endstation Sehnsucht“ am Theater Pforzheim/ Szene/ Foto Sabine Haymann

Es ist schon interessant: Als das Drama im Dezember 1947 in New York aufgeführt wurde, in der Inszenierung von Elia Kazan und mit dem 23jährigen Marlon Brando als Stanley, die beide wenige Jahre später den Film bestritten, war der 1929 in Berlin geborene André Previn schon gut im Geschäft. Irgendwie scheint es folgerichtig, dass die San Francisco Opera auf ihn, sozusagen den Zeitzeugen, verfiel, als sie fast 50 Jahre nach der Uraufführung eine Streetcar Named Desire-Oper in Auftrag gab. 50 Jahre lang hatte Previn für den Film und die Bühne geschrieben: Musik zu über vierzig Filmen, dazu u.a. das Musical Coco, das Musiktheaterprojekt mit Tom Stoppard für Schauspieler und Orchester Every Good Boy Deserves Favor, schließlich die nicht unbedeutende Karriere als Leiter diverser Symphonieorchester. Es liegt an Previn oder an der Mischung Previn und Williams – dessen Schauspiel von Philip Littell zu einem ausgezeichneten Libretto komprimiert wurde – dass man den Sängern an den Lippen hängt; zudem in Pforzheim die im Vorjahr in Stralsund erstmals gegeben deutsche Übersetzung von Bettina Bartz und Werner Hintze gespielt wurde. Erstaunlicherweise setzt Previn nicht auf Südstaaten-Kolorit, auch nicht bewusst auf Jazz-Anklänge. Seine Musik ist kraftvoll und energisch, aber auch ungemein gefühlvoll und nuanciert und übernimmt den Rhythmus der gesprochenen Sprache, trotz der ariosen Inseln (darunter die „I Want Magic“-Arie) und kleiner Duett-Szenen, auf sehr natürliche Weise. Die Musik war bereits bei der Uraufführung 1998 keineswegs avanciert. Sie ist so rückwärtsgewandt wie Blanche, die ihren Erinnerungen nachhängt und wie eine vorzeitig verwelkende Pflanze nur im Halbschatten der Kerzen und des Mondlichtes zu gedeihen scheint, spätromantisch üppig; man denkt an den Barber der Vanessa – den Previn neben Benjamin Britten als einer seiner Vorbilder im 20. Jahrhundert nennt – und bei Blanches Vergewaltigung durch Stanley an den Schostakowitsch der Lady Macbeth, zugleich hat sich die Schwüle von New Orleans auf die Musik gesenkt. Tobias Leppert gelang es, die filmhafte Energie und den illustrativen Aufschwung der Musik ohne Einbuße an sprachlicher Prägnanz zu vermitteln. Previns „uneingeschränktes Mitgefühl“ gilt Blanche. Ihren körperlichen und geistigen Verfall umkreist er mit einer schimmernd-schillernden Musik, die die ständige Präsenz der Interpretin verlangt. Stamatia Gerothanasi, die den Untergang der Südstaaten mit zerbrechlicher Eleganz und Würde gestaltete, errang als Blanche DuBois einen großen persönlichen Erfolg. Mit ihrem fragilen und klaren Sopran, der energische Kanten besitzt, um den genüsslich ausgemalten Text über das Orchester zu heben, gelang der Griechin eine ideale Verkörperung der Blanche, die uns im 1950er Jahre Realismus, mit dem Tobias Materna und seine Ausstatterin Martina Stoian den Dreiakter punktgenau ausleuchteten, auch nach gut drei Stunden noch fasziniert und rührt. Philip Jadach, der erst gar nicht versuchte, dem Vergleich mit Marlon Brando und dessen animalischer Sexualität standzuhalten, gab den Stanley Kowalski als groben Klotz mit entsprechend fiesem Bariton. Natasha Sallès als süße, ihrem Mann verfallene Südstaaten-Beauty Stella und Philipp Werner als stimmlich etwas zu heldentenoral dominantes Mutter-Söhnchen Mitch ergänzten das Solisten-Quartett (10. Februar 2018), dem Danielle Rohr als Nachbarsfrau, Gabriela Zamfiresu als Todesbotin und Nando Zickgraf als Zeitungsjunge, den Blanche gerne auf der Stelle vernaschen würde, pointierte Charakterporträts beisteuerten (Foto oben: „Endstation Sehnsucht“ am Theater Pforzheim/ Szene/ Foto Sabine Haymann).   Rolf Fath

  1. Detlev Hahne

    Nach einem Besuch der zweiten Vorstellung am 14.2. kann ich mich doch einiger Kommentare zu Ihrer Kritik nicht enthalten.
    „fühlte ich mich ungleich mehr angesprochen als vom Mitschnitt der Opern-Uraufführung, der (:::) immer auch etwas länglich wirkt“. – Sagens wir mit einm Zitat aus „Ariadne auf Naxos“ – „Das Stück hat Längen, gefährliche Längen – Wir lassen sie weg“ Für mir mich hatte das Stück keine Längen – Das ganze Stück ist eine.
    „Philip Jadach, der erst gar nicht versuchte, dem Vergleich mit Marlon Brando und dessen animalischer Sexualität standzuhalten,“ – und Rolle damit eine der wichtigsten Facetten nimmt – und auch dem Stück den entscheidenden Konlikt nimmt. Genau darum geht es doch im Stück!
    „Philipp Werner als stimmlich etwas zu heldentenoral dominantes Mutter-Söhnchen“ eine wirklich beschönigende Beschreibung für einen Brüll- Tenor. Eigentlich möchte man fragen: „Mama, warum schreit der Mann so?“
    „mit dem Tobias Materna und seine Ausstatterin Martina Stoian den Dreiakter punktgenau ausleuchteten,“ Das darf man beim besten Willen nicht wörtlich nehmen -von gut ausgeleuchtet kann nicht die Rede sein. Zu selten sieht wirklich Gesichter (besonders Vorbühne – ein Problem des Bühnenbilds) Von der Schwüle von New Orleans war leider nichts zu spüren.
    Wie sagt man : Theater darf alles sein – nur nicht langweilig. Aber das war es leider!
    Wie sehr viele andere sin wir auch in der Pause gegangen – mir fehlt deshalb die Information, ob mit Stoffwänden nach der Pause noch etwas passiert – ansonsten war es einfach schlampig eingerichtet.

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