Stimmenfest mit Inszenierungsschwächen

 

Die lothringische Oper in Nancy hat bei Rossinis Semiramide ein Experiment gewagt, man besetzte die Hosenrolle des Arsace nicht mit einer Mezzosopranistin, sondern mit einem Countertenor. Franco Fagioli, der sich dieses Rossini-Repertoire mit seiner letzten Solo-CD bei DG bereits erschlossen hat, stand neben der georgischen Sopranistin Salome Jicia in der Titelrolle im Mittelpunkt einer Produktion, die sich sängerisch und musikalisch gelungen, szenisch aber ziemlich uninteressant präsentierte. Dabei ist Rossinis letzte italienische Oper spektakulär: Es gibt einen phantastisch-mystischen Schauplatz, es gab einen Königs-/Gattenmord und eine Kindesentführung, die Mutter will nun unwissentlich den eigenen Sohn heiraten, der Geist des toten Königs erscheint, es gibt eine Wiedererkennungsszene, es folgt ein Muttermord – eine Konstellation zwischen Ödipus, Macbeth und Hamlet mit einer monumentalen Spieldauer von ungekürzt fast vier Stunden. Die Vorlage zum Stück stammt von Voltaire (1749), der italienische Musikwissenschaftler und Belcanto-Experte Rodolfo Celletti nannte Semiramide die letzte große Oper barocker Tradition und stellte Rossinis längste Opera seria in die Tradition des 18. Jahrhunderts, denn Rossini erschuf durch den prachtvoll verzierten Gesang eine Allegorie und Sublimierung, die wie in aller barocker Kunst keine Abbildung der Wirklichkeit sein will. Die Inszenierung in Nancy nimmt diese Einordnung teilweise auf, man sieht barock anmutende Kostüme, Kostümbildnerin Julia Müer versetzt die Personen in das Jahrhundert vor dem Zeitpunkt der Komposition, Idreno wirkt sogar wie Ludwig XIV. Das Bühnenbild von Madeleine Boyd verlegt die Handlung in den unterirdischen Fundus eines Theaters. In der Mitte führt eine enge Wendeltreppe von oben kommt in die Tiefe des Bühnenraums, die eine Hälfte des Raums wird von eine Holzbühne auf der Bühne dominiert, die andere Hälfte ist freier Raum. Von oben werden Bühnenbildelemente herabgelassen, gemalte Kulissen, Vorhänge, ein Spiegel, aber auch Bühnenlagerelemente mit Leitern und Seilen. Die Bühne-auf-der-Bühne Konstellation soll ein Labyrinth darstellen – Szene und Kulisse, Kulisse und realer Raum, Öffentliches und Privates, falsche Identität und wahre Intrige. Das alles wirkt allerdings aus Sicht des Publikums wie eine verschwommene Kopfgeburt und entbehrt  jeder Triftigkeit. Der Regisseurin Nicola Raab gelingt es nicht, das Drama der großen Politik, der Liebe und Intrige im Spiel der barocken Ästhetik aufregend zu modellieren, im Gegenteil, ihre Erzählung der Handlung hat keinen Spannungsbogen, kaum etwas verdichtet sich, die Figurenkonstellation verdeutlicht sich nicht über das Offensichtliche hinaus, keine doppelten Böden werden eingezogen, den Geisterscheinungen fehlt der Effekt und die Schlussszene entbehrt jeder Dramatik. Aber die Inszenierung be- und verhindert trotzdem nicht den Erfolg des Gesamteindrucks und wenn man etwas Gutes sagen möchte, dann, dass sie nicht stört. Denn Musiker und Sängern sorgen für einen teilweise aufregenden Rossini-Abend mit spannenden Duetten und mitreißenden Ensembles.

Rossinis „Semiramide“ an der Opéra National de Lorraine Nancy/ Foto www.opera-national-lorraine.fr

Die georgische Sopranistin Salome Jicia sang bereits beim Rossini-Festival in Pesaro, als Semiramide beweist sie ihre große Stimme und technische Finesse mit einem bravourösen Auftritt, „Bel raggio lusinghier“ wirkte anfänglich noch etwas verhalten, aber schnell rückte sie die Leidenschaft der Titelfigur in den Mittelpunkt und zeigte sich bei Arien und Ensembles von beeindruckender Souveränität. Den Arsace in Aureliano in Palmira (1813) hatte Rossini noch für einen Kastraten komponiert, Giambattista Velluti (1780-1861) feierte seinen größten Triumph als Armando in Meyerbeers letzter italienischer Oper Il crociato in Egitto (1824). Der Arsace in Semiramide (1823) ist eine Hosenrolle für einen Contralto musico – dass man ihn bisher nicht mit einem Mann besetzte, lag an den fehlenden fähigen Sängern. Franco Fagioli hat bereits drei Hosenrollen Mozarts gesungen (Cherubino, Idamante und Sesto), mit dem Arsace hat er nun viel gewagt und gewonnen. All das, für was er im Barockrepertoire berühmt geworden ist, kann er nun bei Rossini zeigen: die Virtuosität seiner Stimme, einen großen Stimmumfang und in diesem Fall eine im Ausdruck weiter verbesserte Tiefe, ausgefeilte Rezitative und stimmliche Bühnenpräsenz. Die Schwächen der Besetzung durch einen Countertenor wurde in manchen Ensembles deutlich bemerkbar, denn gegen Sänger wie Salome Jicia oder Fabrizio Beggi, die mit ihren Stimmen die größten Häuser füllen können, kann eine Counter-Stimme naturgemäß nicht mithalten und wird übertönt bzw. die Balance beeinträchtigt. Im großen Finale des ersten Akts sang Fagioli, man hörte ihn aber teilweise nicht, seine Stimme fehlte im dramatischen Kontext. Abgesehen von diesem Manko, erlebte das Publikum eine geradezu sportliche Leistung, wenn Fagioli sich in die Herausforderungen an Koloraturen und Verzierungen stürzt und ein ums andere Mal ansetzt, um sich der nächsten Herausforderung zu stellen. Fabrizio Beggi in der Doppelrolle als Oroe und Geist des Nino ist eine Idealbesetzung, ein machtvoller, männlicher und durchdringender Bass, den man wieder hören möchte. Nahuel di Pierro überzeugt als Assur mit seiner großen Szene vor dem zweiten Finale, bei der man zu erkennen glaubt, wo der frühe Verdi die Inspiration für seine großen Bassarien her hatte. Semiramide wurde in Nancy gekürzt: neben „üblichen“ Strichen (Chöre, Rezitative , Wiederholungen) entfällt bspw. die achte Szene (Azema, Idreno) sowie die Arie Idrenos „Ah dov’è, dov’è il cimento?“ im ersten Akt, Azema wird dadurch zur Statistin, Inna Jeskova hat kaum Chancen, auf sich aufmerksam zu machen, der zum Ensemble der Bayrischen Staatsoper gehörende Matthew Grills als Idreno konnte mir seiner beweglichen, offenen Stimme das Publikum überzeugen und bekam für seine Arie im zweiten Akt viel Applaus.

Die Ouvertüre ist allerbester Rossini, leider klang sie so nicht! Der aus Venezuela stammende Dirigent Domingo Hindoyan (und Ehemann von Sonya Yoncheva) hielt die Zügel des Orchestre symphonique et lyrique de Nancy am Anfang zu fest, man kann die Introduktion flüssiger und animierter spielen. Hindoyan achtete im Verlauf der Vorstellungen stets auf die Sänger, unterstützte sie und phrasierte manchmal originell, aber eher subtil als wirkungsvoll, doch er behielt recht – seine Semiramide funktionierte, die Oper erschien kurzweilig und abwechslungsreich und hatte keine Durchhänger. Der Chor der Opéra national de Lorraine wurde verstärkt durch den des Opéra-Théâtre de Metz Métropole, beide sorgten für ein tadelloses Erlebnis (Foto oben: Rossinis „Semiramide“ an der Opéra National de Lorraine Nancy/ Foto www.opera-national-lorraine.fr)Marcus Budwitius