Stars an der Weser

 

Klassikfreunden ist das Musikfest Bremen ein Begriff für seine erstaunliche Programmvielfalt, die hohe künstlerische Qualität der Darbietungen, die reizvollen Spielstätten und die wunderbare Atmosphäre der alten Stadt, die sich den Besuchern alljährlich rund um den Marktplatz in festlichem Glanz präsentiert.

Einen Schwerpunkt des dreiwöchigen Musikfestes bilden stets die konzertanten Opernaufführungen in auserlesener Besetzung – so auch am 28. 8.bei Rossinis Melodramma eroico Tancredi mit der Accademia Bizantina unter ihrem Leiter Ottavio Dantone. Das auf Barockmusik spezialisierte Ensemble bewies auch im Belcanto-Stil seine Kompetenz und gab dem genialen Frühwerk des 21jährigen Rossini klanglich einen völlig neuen Umriss. In der Wiedergabe durch die historischen Instrumente tönte schon die Sinfonia ungewöhnlich martialisch und aggressiv, was an Janitscharenklänge erinnerte, kontrastiert vom federnden Hauptthema und vollendet von einem wie ein Gewittersturm vorüber fegenden accelerando. Das farbige Spektrum, das der Dirigent mit seinen Musikern zauberte, war enorm. Davon profitierten vor allem die Einleitungen zu den großen Soli der Protagonisten Tancredi und Amenaide als wunderbares Wechselspiel von Licht und Schatten. Ein großes Wandgemälde im Hintergrund, Georg Heinrich Busses Ohr des Dionysios bei Syracus auf Sizilien von 1861, gab den passenden optischen Rahmen für die Aufführung in der Konzerthalle Die Glocke ab.

Georg Heinrich Busses Gemälde "Ohr des Dionysios bei Syracus auf Sizilien" von 1861 bildete den Hintergrund für den konzertanten "Tancredi" beim Musikfest Bremen 23016/ Foto Patric leo

Georg Heinrich Busses Gemälde „Ohr des Dionysios bei Syracus auf Sizilien“ von 1861 bildete den Hintergrund für den konzertanten „Tancredi“ beim Musikfest Bremen 23016/ Foto Patric Leo

Einige durch Krankheit bedingte Umbesetzungen stellten sich keineswegs als Nachteil heraus. So sagte Olga Peretyatko nach ihrer zwiespältig aufgenommenen Fiorilla beim ROF in Pesaro die Amenaide ab und wurde mit großem Gewinn durch Patrizia Ciofi ersetzt. Durch Auftritte an internationalen Bühnen in der Partie erfahren und auch Pesaro-erprobt, fesselte die italienische Sopranistin vom ersten Moment durch ihre starke szenische Präsenz und mimische Ausdrucksskala. Expressiv formulierte sie die Rezitative, gab den Arien lyrisches Gewicht und hatte keinerlei Mühe mit der Bewältigung der bravourösen Passagen. Schon in Pesaro hatte sie die Partie mit Marianna Pizzolato als Titelhelden gesungen, die damit auch in Bremen einen großen Erfolg erringen konnte. Die Stimme der italienischen Mezzosopranistin von warmem, fraulichem Timbre ist völlig intakt und ausgeglichen in den Registern. Die Partie kann androgyner und fester klingen, aber hier wurde man beglückt durch einen vollendeten Gesang mit Inbrunst, Feuer und Seelenemphase. Kunstvoll verzierte sie das Dacapo des Auftritts, mischte sich in den Duetten Tancredi/Amenaide ideal mit Ciofis melancholischem Sopran und fand in der letzten Szene Herz bewegende Töne von ergreifender Schlichtheit und Würde. Das tragische Ende der Ferrara-Version gab ihr dazu ausgiebig Gelegenheit. Für den absagenden René Barbera sprang der griechische Tenor Mario Zeffiri als Argirio ein, der mit durchschlagender, agiler Stimme und sicheren Spitzentönen einen blendenden Eindruck hinterließ. Heldischen Aplomb besaß seine Arie „Pensa che sei mia figlia“, den Ausdruck existentieller seelischer Not die zu Beginn des 2. Aktes („Ah! segnar invano io tento“), welche den schrecklichen Zwiespalt zwischen der Liebe zu seiner Tochter und dem von ihm verhängten Todesurteil über sie schildert. Ein Höhepunkt der Aufführung auch sein von vehementer Attacke und kriegerischer Stimmung gezeichnetes Duett mit Tancredi („M’ abbraccia, Argirio“) im 2. Akt.

Auch in den kleineren Partien waren exzellente Sänger zu hören. So ließ die Italienerin Romina Tomasoni als Isaura einen reizvollen Kontraalt von seltener Fülle und Farbe hören. Mit herrlich satten tiefen Tönen stattete sie ihre Arie im 2. Akt („Tu che i miseri conforti“) aus. Individuell auch der Mezzo von Jana Kurucova aus der Slowakei als Roggiero, die dessen bezaubernde Arie „Torni alfin ridente“ beherzt und klangvoll vortrug. Für die schwarzen Farben sorgte der italienische Bass Mariano Buccino als Orbazzano mit dröhnender  stimmlicher Gewalt und resonantem, voluminösem Klang. Großer Jubel dankte am Ende allen Mitwirkenden, ganz besonders Ottavio Dantone, der seit 2006 in Bremen zu Gast ist und mit seinem Ensemble 2014 den renommierten Musikfest-Preis erhielt.

Musikfest Bremen 2016: Marianna Pizzolati und Patricia Ciofi im konzertanten "Tancredi"/ Foto Patric Leo

Musikfest Bremen 2016: Marianna Pizzolato und Patricia Ciofi im konzertanten „Tancredi“/ Foto Patric Leo

Mit einer anderen Auszeichnung, dem Förderpreis Deutschlandfunk, wurde der junge französische Cembalist Jean Rondeau vor seinem Konzert in Unserer Lieben Frauen Kirche am 27. 8. 2016 geehrt. Er gilt als ein herausragender Vertreter der jungen Musikergeneration, dessen virtuoses und affektreiches Spiel auch bei dem Programm Bach & Söhne zu eindringlicher Wirkung kam. Mit fünf ihn begleitenden Instrumentalisten spielte er im ersten Teil des Abends die Konzerte für Cembalo und Orchester Nr. 1 und 5 von Johann Sebastian Bach, nach der Pause je ein Konzert von Wilhelm Friedemann und Carl Philipp Emanuel Bach. Dabei imponierten gleichermaßen die Präzision des Solisten und sein sensibles Einfühlungsvermögen in die lyrischen Passagen (so im Largo des Konzertes Nr. 5 f-Moll) wie das von ihm entfachte effektvolle Feuerwerk in den schnellen Sätzen.

 

Gleichfalls mit einer Komposition von Johann Sebastian Bach, der Chaconne aus der Partita d-Moll für Violine solo (bearbeitet für die linke Hand von Johannes Brahms), begann der international gefeierte Pianist Daniil Trifonov seinen Klavierabend in der Bremer Glocke am 26. 8. 2016. Der Russe zählt zu den Ausnahmeerscheinungen der jüngeren Generation, mit seinem anspruchsvollen Programm bestätigte er diesen Rang auch an der Weser. Nach Bachs Chaconne von gravitätischem Ernst, gemessener Ruhe und erhabener Wirkung zeigte die folgende Sonate Nr. 18 G-Dur op. 78 von Franz Schubert die enorme interpretatorische Kraft des Solisten, der einen großen Bogen spannte über die vier Sätze der Sonate und sie im Wechsel zwischen kantablem Melos, träumerischer Beschaulichkeit, rhythmischer Spannung und schnellem Tempo ausbreitete. Wie ein Sturm fegte er danach über die Noten von Brahms’ Variationen über ein Thema von Paganini op. 35 – ein Virtuosenstück par excellence mit perlenden Skalen, verträumten Passagen und fast impressionistisch anmutenden Einschüben.

Sergei Rachmaninows höllisch schwere Sonate Nr. 1 d-Moll op. 28 nach der Pause gab Trifonov als Spezialist für die Musik dieses russischen Komponisten Gelegenheit zu mirakulöser Bravour mit peitschenden Läufen, sublimen Trillern und Attacken von wilder Turbulenz. Sein Spiel gleicht einem Vulkanausbruch und ist doch stets gezügelt, so dass die Kompositionen in ihrer Form gewahrt bleiben. Mit drei Zugaben war dem eher introvertiert wirkenden und jeder Starallüre fremden Pianisten ein fulminantes Debüt beim Musikfest Bremen gelungen (Foto oben: Musikfest Bremen 2016: Marianna Pizzolato in Rossinis „Tancredi“/ Foto Patric Leo)Bernd Hoppe

 

Rameau – The Sound of Light am 08.09.2016 in der Bremer Glocke. Ein bisschen Show darf sein: Er macht es spannend bei seinem Abend mit Werken von Jean Philippe Rameau, der griechisch-russische Dirigent Teodor Currentzis. Nachdem sein Orchester MusicAeterna auf der Bühne der Glocke Platz genommen hat, verlöscht die Saalbeleuchtung komplett. Nur die Notenpulte der wenigen Musiker, die das erste Stück “La Cupis“ intonieren, sorgt für etwas Licht. Dann geheimnisvolle Paukenschläge im Dunkel, während Currentzis sich „heimlich“ an sein Pult schleicht. Dabei ist das Motto des Abends „The Sound of Light“…

Aber dann bricht es richtig los. Die Ouvertüre zu „Zaïs“ ist ein eindringliches, streicherbetontes Stück, das in der Lesart von Currentzis Wucht und Intensität entwickelt. Intensität prägt den gesamten Abend. Currentzis, der optisch eine Art Gothic-Look pflegt, dirigiert mit dem ganzen Körper. Seine physische Ausdruckskraft, mal geduckt wie eine Katze auf dem Sprung, mal mit weitgeschwungenen Gesten, überträgt sich unmittelbar auf die Musiker, die zum großen Teil im Stehen spielen. Die „wogenden“ Körper der Musiker im Fluss der Musik haben eine zusätzliche Wirkung von großem Reiz. Und die Musik von Rameau – Ouvertüren, Suiten und Arien –  ist von höfisch-gezähmter Barockmusik meilenweit entfernt. Es ist eine immer kraftvolle, oft von tänzerischem Rhythmus durchzogene Musik, die vom Orchester MusicAeterna mit großer Farbigkeit, mit präziser Klangentfaltung und vor allem mit unglaublicher Stoßkraft dargeboten wird. Etwa die fulminante Ouvertüre zu „Naïs“, bei der vom Orchester Blitz und Donner entfacht werden, wobei die Musiker zusätzlich mit den Füßen auf den Boden stampfen. Ein toller Effekt! Bemerkenswert auch die beredte Orchestersprache bei „La Poule“ („Die Henne“) aus der Suite G-Dur – später hat Haydn in seiner Symphonie Nr.83 diesem Federvieh ein Denkmal gesetzt. Vor der Pause sind „Contredanse en rondeau“  aus „Les Boréades“ das letzte Stück. Dabei marschieren Dirigent und Orchester, den Rhythmus des Tanzes weiter spielend, von der Bühne. Ein bisschen Show darf eben auch sein.

Robin Johannsen/ Foto Tatjana Dachsel

Robin Johannsen/ Foto Tatjana Dachsel

Die hier präsentierten Ausschnitte aus Opern und Balletten wie „Zoroastre“, „Hippolyte et Aricie“, „Dardanus“ oder „Les Indes galantes“ machen jedenfalls Appetit auf das ganze Werk, zumindest, wenn es so dargeboten wird wie von Currentzis und MusicAeterna.

Aber Gesang gibt es hier auch. Die renommierte Sopranistin Robin Johannsen glänzt mit Arien  aus „Hippolyte et Aricie“, „Platée“, „Dardanus“ und „Castor et Pollux“ (dazu auch das Interview in operalounge.de kürzlich). Sie hat einen technisch sicher geführten Sopran, ein schönes Timbre und einen in der Höhe aufstrahlenden Jubelton. Ihre Darbietung wird mit viel Empfindung und beweglichen Koloraturen zu reinstem Genuss. Am schönsten und sehr berührend gelingt ihr „Tristes apprêts, pâles flambeaux“ aus „Castor et Pollux“. Es ist ein tieftrauriger Klagegesang, den Johannsen mit ebenmäßig strömender Stimme, mit großen Gesangsbögen und tiefsten Emotionen ausfüllt. Zuvor  „Entrée de Polymnie“ aus „Les Boréades“: eine geradezu himmlisch fließende Musik, über die Marc Minkowski gesagt hat: „Die Zeit steht still, es ist die Erfüllung der Harmonie.“ Currentzis und MusicAeterna bestätigen mit ihrem Spiel diese Aussage voll und ganz.

Als Zugabe werden eine parodistisch angehauchte Bravour-Arie und die „Orage“ (Gewittermusik) aus „Platée“ geboten. Dass am Ende noch der Chor MusicAeterna in den Seitengängen aufmarschiert und für ein pompöses Finale sorgt, ist wohl der Tatsache zu danken, dass er beim heutigen Abschlusskonzert mit „The Indian Queen“ von Henry Purcell mitwirkt. Wolfgang Denker