Starke Gesichtserker

 

Im Berliner Premieren-Marathon setzte die Komische Oper mit Barrie Koskys Inszenierung von Schostakowitschs Oper Die Nase den von ihr bekannt knalligen Akzent. Nach der Premiere in London und einer Aufführungsserie in Sydney wird die Produktion im Berliner Haus in der deutschen Textfassung von Ulrich W. Lenz gezeigt, der einige Modernismen (HNO-Arzt, Fake News u.a.) in das Libretto eingestreut hat. Klaus Grünbergs Bühne ist mit grauen Steinquadern eingefasst und der Stückvorhang in Form einer Linse gestaltet, was zu den filmartigen Episoden des Stückes um die verschwundene Nase des Kollegienassessors Kowaljow bestens korrespondiert. Das Zentrum des Raumes nimmt ein großer runder Tisch ein, der als Spielfläche dient und mit sparsamem Mobiliar – Tisch, Stuhl, Bett – ausgestattet ist. Buki Shiffs Kostüme sind dagegen von überbordender Phantasie und Buntheit, beziehen auch Elemente russischer Folklore ein. In diesem Umfeld entfacht Kosky mit seinen 28 Sängern und den wie stets hoch motivierten Chorsolisten der Komischen Oper (David Cavelius) einen irrwitzigen Bilderbogen von grotesken Szenen und ausufernden Turbulenzen. In dem Choreografen Otto Pichler hat er dabei den denkbar idealen Mitstreiter. Seine elf Tänzer von geradezu artistischer Bravour lassen die Aufführung nicht selten zur schrill überdrehten Revue geraten. In Strapsen und Korsagen wirbeln sie als Transvestiten um den Tisch, sind als Polizisten hampelnde Marionetten und in Blümchenröckchen und langen Rauschebärten Ausgeburten bizarrer Phantasie. Mit einer perfekt absolvierten Stepptanznummer in riesigen Pappnasen an der Rampe ist ihnen auch der szenische Höhepunkt des Abends zu verdanken.

Schostakowitschs Oper „Die Nase“ an der Komischen Oper Berlin/ Szene/ Foto wie auch oben  Iko Frese/ drama-berlin

Ein glänzender Einfall Koskys ist die Gestaltung der verschwundenen Nase im Gesicht Kowaljows als blutrote Wunde, während alle anderen Personen mit einem riesigen Riechkolben ausgestattet sind. Allzu vordergründig ist dagegen das als Penis ins Antlitz des Assessors zurückgekehrte Organ. Auch die Unterhosen-Parade der Polizisten, die zur Sex-Orgie ausufert, wäre entbehrlich gewesen. Und Kosky lässt die Geschichte nicht versöhnlich enden, denn wenn Kowaljow endlich wieder im Besitz seiner Nase ist, verliert er diese bei einer Niesattacke sofort wieder und jammert herzzerreißend…

Günter Papendell ist ein Ereignis in der tragenden Rolle des Stückes mit mimisch und gestisch beredtem Ausdruck, markantem Bariton und clownesken Slapstick-Einlagen. Er gibt die Figur weniger grotesk denn tragikomisch und sichert ihr dadurch das Mitgefühl der Zuschauer. Seinen Diener Iwan stattet Ivan Tursic mit heldentenoraler, Fermaten verliebter Emphase und chaplinesker Haltung aus. In mehreren Rollen wirken Jens Larsen, Rosie Aldridge, Ursula Hesse von den Steinen und Mirka Wagner mit und tragen  mit ihren charaktervollen Auftritten zur schrillen Groteske bei.

Am Pult absolviert der designierte Generalmusikdirektor des Hauses Ainars Rubikis seine erste Produktion und lässt die Musik des 21jährigen Schostakowitsch vom Orchester der Komischen Oper mit schneidenden, aggressiv-dissonanten Klängen musizieren. Die lärmenden Polkas, Walzer und Galoppe ertönen lärmend und in unerbittlicher Schärfe. Da sind die wehmütigen Klagegesänge beim Trauergottesdienst in der Kathedrale ein willkommener Kontrast. Das Premierenpublikum am 16. 6. 2018 feierte die Sänger, den Dirigenten und das Regie-Team enthusiastisch. Bernd Hoppe