Starke Frauen

 

Ein wesentlich größeres Kontrastprogramm als es an der Bayerische Staatsoper an diesem Februar-Wochende gefahren wurde, läßt sich kaum denken; die Premiere von Rossinis großformatigem Belcanto-SouffléSemiramide wurde flankiert von zwei Vorstellungen von Herbert Wernickes bewährter ElektraInszenierung; zwar schon seit 1997 im Spielplan, in ihrer schnörkellosen visuellen Klarheit und erratischen Konzentration aufs Wesentliche noch immer Garant für einen packenden, emotional fordernden Opernabend; zumindest wenn die stücktragende Tragödinnen-Trias so beeindruckend besetzt ist wie diesmal.

Denn mit diesem Werk geht Strauss bekanntlich aufs Ganze und war seinerzeit nur noch einen Schritt entfernt von der Auflösung der Tonalität, die Türe zum Wozzeck war geöffnet; nur dass der Komponist Angst vor der eigenen Courage bekam und die komplette Rolle rückwärts in die Zuckerwatte-Welten des Rosenkavalier und der Arabella antrat. Da war die Elektra zuvor eine andere Hausnummer: zwar nur läppische 1h 40 lang – allein der erste Akt von Semiramide dauert bedeutend länger – und trotzdem ist das Hardcore-Oper, ein shabby little shocker à la bonheur: Atridenfluch, Blutrache, Muttermord, Paranoia und alles andere, was der geneigte Opernfreak so liebt. In den Hauptrollen: drei Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs, bzw. schon mittendrin, drei totale Monster, aufgetakelte Sing-Hyjänen auf Beutezug, eine Zerfleischungsorgie in Dur und Moll, in der das Blut eimerweise über die Rampe fließt und diejenige verloren hat, die als erste ein piano singt… Wer da nicht bereit ist, das voll durchzuziehen, E-Dur oder Tod, der soll die Finger davon lassen.

In fast zwanzig Jahren Repertoirebetrieb hat die Produktion schon einige Protagonistinnen kommen und gehen sehen; nun ( am 10./ 13. 03. 2017) hatte sich erstmals an der BSO Nina Stemme in den Kittel Elektras gehüllt und schwang das Rachebeil für den Tag X. Um es ganz direkt zu sagen: Diese performance kam schon einer Naturgewalt gleich, das flutet förmlich das Haus und überstrahlt alle Orchesterwogen ohne den kleinsten Anflug von Mühe oder Anstrengung, man hat beinahe das Gefühl, Stemme könnte die Monsterpartie auch zweimal hinter einander singen. Und das, ohne jemals schreien oder forcieren zu müssen, die Stimme klingt stets abgerundet und saftig, in allen Lagen technisch herausragend, mit profunder Tiefe, opulent strömender Mittellage und strahlkräftiger, exzellent fokussierter Höhe. Dabei geht sie aber auch, wenn gefordert, ins piano und betört in der Szene mit Orest mit wunderbar weichen Kantilenen. Wenn es an dieser grandiosen Leistung überhaupt etwas auszusetzen gibt, dann höchstens die zuweilen etwas undeutliche Artikulation und einen noch emotionaleren Zugriff; aber das wird sich mit zunehmender Rollenerfahrung sicher noch einstellen. Die Ovationen waren in jedem Fall höchst verdient.

„Elektra“ an der Bayerischen Staatsoper/ Szene/ Foto: Wilfried Hösl

In gestalterischer Hinsicht war ihr Doris Soffel (die die Partie fast zeitgleich in Stuttgart sang) als Mutter-Monster und seelisch zerfressene Gattenmörderin Klytämnestra noch überlegen. Stimmlich nach wie vor ungebrochen aus dem Vollen schöpfend, macht sie die Figur weitaus präsenter und realitätsnäher, als es manch einem Zuschauer vielleicht lieb war… Ist sie zu stark, bist Du… Ja genau. Soffel singt stets mit wohldosiertem Pathos und klarer Diktion und setzt die stimmlichen Brüche an den notorischen Stellen wie „ein Kleid zerfressen von den Motten“, dass kein Auge trocken bleibt; auch das hysterische Lachen nach der Nachricht vom vermeintlichen Tod Orests macht schaudern. Dass die der Künstlerin eigene Expressivität zuweilen mit der statischen und archetypischen Anlage der Inszenierung kollidiert, ist da zwangsläufig; und durch die dabei entstehende Reibungsenergie auch hochspannend.

Den weltanschaulichen Gegenpol zur Titelpartie markiert deren Schwester Chrysothemis, deren höhenjubelnd herausgeschleudertes Bekenntnis“Ich bin ein Weib und will ein Weiberschicksal“ beispielhaft für diesen Charakter steht, der vor lauter Ich-Bezogenheit und Opportunismus zu nahezu allem bereit ist; außer dazu, Verantwortung für sich und das Gemeinwesen zu übernehmen. Ricarda Merbeth gibt der Rolle mit ihrem schlank geführten, kühl timbrierten Sopran weit mehr Profil als die meisten Kolleginnen in jüngerer Zeit und bewältigt auch die fulminanten Höhenanforderungen, am zweiten Abend gegen Ende nicht mehr ganz ohne Mühe; da machte sich vielleicht das Einspringen als Elisabeth und Venus in Berlin zwischen den Vorstellungen bemerkbar…

Die Herren haben dramaturgisch in dieser Oper generell relativ wenig zu melden; dennoch sind die ersten kernigen Basstöne des Orest nach fast anderthalbstündigem Sopran-Bombardement in jeder Elektra-Aufführung eine Wohltat. Oder boshaft ausgedrückt: Orest bedeutet volle Gage für fünfzehn Minuten gut aussehen und schön singen… Johan Reuter tat beides und gestaltete den Rächer der Entehrten mit markantem Bssbariton und kultiviertem Vortrag. Einen prägnanten Kurzauftritt hatte einmal mehr Ulrich Reß als Aegisth und auch das gesamte Ensemble war wieder mit einer auf hohem Niveau homogenen Vorstellung am Start, besonders herauszuheben ist Golda Schultz als Fünfte Magd, mit samtweichen Soprantönen ein Licht in die Seelenwüste des Hofes von Mykene sendend.

Frauenpower war diesmal nicht nur auf der Bühne, sondern auch am Pult angesagt. Wie schon in der Vorsaison ließen Simone Young und das Staatsorchester es richtig knallen, da kommen wirklich nur die Harten in den Garten… Young sieht die Partitur stilistisch definitiv noch zum 19. Jahrhundert gehörig und betont eher die Romantizismen denn die Modernismen. Das kann man so machen, allerdings hätte ich mir doch eine etwas kantigere und transparentere Interpretation gewünscht. Zwar gelingen ihr und dem Orchester durchaus intensive Momente und schöne Detailarbeit, der ganz große Spannungsbogen über das gesamte Stück war es aber nicht. Fabian Stallknecht

 

Foto oben: „Elektra“ an der Bayerischen Staatsoper/ Doris Soffel und Nina Stemme backstage/ Foto Rita Schütz. Den Artikel entnahmen wir – wie stets mit großem Dank – dem interessanten Blog des Autos: fabiuskulturschockblog