Spritziges zum Jahresende

 

 

Eine schöne Tradition in der Komischen Oper Berlin ist die alljährliche Aufführung einer Operettenrarität in der Weihnachtszeit und vor Silvester – meist in semikonzertanter Form, wie auch in diesem Jahr bei Paul Abrahams Märchen im Grand-Hotel. 1934 wurde diese Lustspieloperette in Wien uraufgeführt. Musikalisch bietet sie eine Mischung aus Walzern, Tangos, jazzigen Einlagen und ungarischen Klangfarben. Szenisch verbinden sich Hollywood, Belle-Époque-Flair und Hotelatmosphäre zu einem unterhaltsamen Abend, der am 30. 12. 2017 die perfekte Silvester-Einstimmung abgab.

Die hanebüchene Geschichte um den Zimmerkellner Albert und seine vollkommen aussichtslos erscheinende Liebe zur spanischen Infantin Isabella endet schließlich doch noch mit einem Happy-End. Er mutiert dank des väterlichen Reichtums zum Adeligen und sie wird in  Hollywood zur Filmdiva. Denn Produzent Sam Makintosh war seit langem auf der Suche nach einem passenden Sujet für seinen nächsten Film, was ihn und seine Tochter Marylou ins Grand-Hotel Palace von Cannes verschlug. Den dort logierenden Hochadel für die Mitwirkung in einem Streifen zu gewinnen, erschien dem Filmemacher als das Erfolgsrezept schlechthin.

Paul Abrahams „Märchen im Grand-Hotel“ an der Komischen Oper Berlin/ Foto Robert Recker

Wie schon so oft war Dirigent Adam Benzwi der Garant für eine schmissige Aufführung. Er leitete das Orchester der Komischen Oper vom Flügel aus und steuerte manch virtuose Klavierepisode bei. Und die Musiker, die auf der Bühne wie ein Salonorchester aufgestellt waren, hatten hörbar selber Vergnügen an den flotten Rhythmen und fetzigen Nummern – wie dem Song „Ich brauch etwas Pikantes“, der sich durch das gesamte Stück zieht und am Ende von allen Solisten samt kräftiger Unterstützung des Orchesters wiederholt wird. Erneut war das Lindenquintett Berlin beteiligt, das bei seinen Darbietungen wie stets wehmütige Erinnerungen an die Comedian Harmonists wachrief. Aber die Solistenschar, von Katrin Kath effektvoll eingekleidet, war schon auf dem Besetzungszettel viel versprechend. Denn Max Hopp ist stets eine sichere Bank für den Erfolg einer Aufführung (sei es in Eine Frau, die weiß was sie will oder Anatevka). Hier ist er nicht nur der herrlich ironische und witzige Conférencier des absurden Geschehens, sondern auch der Zimmerkellner Albert, der seine Lieder „Die schönste Rose“, „Träum heute Nacht von der Liebe“ und „Ich hab sie heute früh gesehen“ mit Schmalz und Zweideutigkeit serviert. Die Dame seiner Sehnsucht ist Infantin Isabella, mit der Talya Lieberman als Mitglied des Opernstudios eine weitere Talentprobe gibt. Sie hat den idealen Operettensopran mit leuchtender Höhe, singt und agiert mit Charme, stattet den melancholischen Titelsong des Stückes mit delikaten Vokalisen aus und kann danach sogar noch auf einen plärrenden Görenton umschalten. Das klassische Operettenpaar sind Johannes Dunz als Prinz Andreas Stephan und Sarah Bowden als Marylou – er mit tenoralem Strahl und sie mit einer typischen Musical-Stimme in der Nachfolge einer Liza Minelli. Gelegentlich klingt ihr Gesang kreischend und ist auch nicht immer textverständlich genug, aber ihr vor Temperament überschäumender Auftritt ist ein Ereignis. Sie tanzt, steppt, fällt in den Spagat und macht selbst als verkleidetes Stubenmädchen mit Staubwedel in Schürze und Häubchen beste Figur. Die an den Schuhen befestigten Mikroports sorgten dann auch für die passende akustische Untermalung ihrer rasanten Tanzschritte. Lebhaft in Stimme und Aktion vermittelte Philipp Meierhöfer als ihr Vater Sam Makintosh die Nöte eines Filmproduzenten. Ein Clou des Abends war der brillante Tom Erik Lie, der als Isabellas Hofdame Inez Pepita de Ramirez im goldenen Abendkleid mit Pelz besetztem Cape und blondem Engelshaar einen hinreißenden Auftritt en travestie hat. Auch stimmlich war das ein Kabinettstück, denn nach den Falsettkünsten und gekonnten staccato-Koloraturen lässt er als Hotelbesitzer und Alberts Vater  Chamoix im Frack und weißen Seidenschal auch noch seinen klangvollen Bariton bei „Jede schöne Frau hat einen Freund“ strömen. Der Abend endete im Jubel des Publikums und lässt die Vorfreude auf die geplanten nächsten Aufführungen mit Werken von Paul Abraham steigen (Foto oben: Paul Abrahams „Märchen im Grand-Hotel“ an der Komischen Oper Berlin/ Foto Robert Recker). Bernd Hoppe