Auf den Spuren der Pauline Viardot

 

Die Opéra Royal de Wallonie in Liège, die im Laufe dieser Saison ihr 200-jähriges Jubiläum feiert (und somit älter ist als die 1830 begründete belgische Monarchie), brachte Glucks  Orphée et Eurydice zuletzt 1983 auf die Bühne und präsentierte am 18. Oktober 2019 Glucks Oper als eine Koproduktion mit sieben weiteren Theatern (u. a.  der Pariser Opéra Comique, wo sie vor einem Jahr zu sehen war), die auf die Version zurückgreift, die Hector Berlioz auf Wunsch von Pauline Viardot 1859 für das Théâtre-Lyrique in Paris erstellt hatte. Anders als die italienischsprachige Erstaufführung (1762 Wien) und die von Gluck selbst konzipierte französische Tenor-Fassung (1774 Paris), die jeweils aus 3 Akten und abschließendem Ballett bestehen, weist diese letzte Version  vier Akte auf. In Zusammenarbeit mit seiner berühmten Protagonistin traf Berlioz eine Auswahl aus den beiden früheren Kompositionen, verzichtete auf Balletteinlagen, kürzte manche Szenen, darunter das ausführlichere Finale (hier in Lüttich ein kurzer Chor aus einer anderen Gluck-Oper!) und nahm Änderungen in der Instrumentation vor. Die männliche Titelrolle besetzte er nun „offiziell“ mit einem Mezzosopran und reglementierte so eine Tradition, die bereits in den frühen 1820er Jahren begründet wurde, als in Berlin der Orfeo von einer Altistin gesungen wurde.

Glucks Oper „Orphée ed Eurydice“ an der Opéra de Wallonie/ Szene/ Photo wie oben : © Opéra Royal de Wallonie-Liège

In Lüttich war Orphée die armenische Mezzosopranistin Varduhi Abrahamyan, die im Sommer dieses Jahres beim Rossini-Festival in Pesaro als Arsace für Furore gesorgt hatte. Sie war – nicht nur, weil sie fast permanent auf der Bühne stand – der unumstrittene Glanz-und Höhepunkt dieser Aufführung, mit dem Stimmumfang eines echten contralto und imponierender stimmdramatischer Gestaltung. Sie sang die große Arie am Ende des 1. Aktes mit stupender Brillanz, fügte eine von Pauline Viardot eigens für sich komponierte rasante Kadenz ohne Orchesterbegleitung hinzu und animierte damit das Publikum im ausverkauften Haus zu einem Beifallssturm: brava!! Sie war ebenso zum ersten Mal in der ORW zu Gast wie die Sopranistin Mélissa Petit, die der in ein langes weißes Gewand gehüllten Eurydice (mit gleichfarbiger doch wenig attraktiv wirkender Perücke)  berührendes Profil gab. Julie Gebhart verkörperte anmutig in Stimme und Habitus den Liebesgott Amour, der Orpheus die frohe Nachricht überbrachte, dass er in die Unterwelt hinabsteigen dürfe, der ihm aber auch die beiden Bedingungen hierfür nannte. Zwar gelingt es dem liebeskranken Sänger, die Dämonen des Totenreichs durch seine Kunst zu verzaubern (die bei Berlioz gestrichene „Danse des furies“ wurde wieder eingegliedert), aber an der Überwindung allzu menschlicher Gefühle und dem Vertrauen auf die Götter, scheitert er, wie es Ovid so unvergesslich in seinen Metamorphosen schildert. Voller Verzweiflung („J’ai perdu mon Eurydice“) muss er seine Frau ein zweites Mal sterben sehen, symbolisiert durch ihre Umhüllung mit schwarzen Tüchern. Überhaupt bildeten großflächige Tücher in dunklen Farben, in den Händen  von sechs in die Handlung integrierten Tänzer(inne)n, einen wesentlichen Bestandteil der Inszenierung des Elsässers Aurélien Bory, zusammen mit Pierre Dequivre (verantwortlich für das bis auf wenige Minuten im  pastellfarbigen Elysium durchgehend In Dunkelheit getauchte Bühnenbild), Manuela Agnesini  (für die dunkel-schlichten Kostüme aller Personen außer Eurydice und Amour) und Arno Veyrat (Lichtregie). Darüber hinaus bildeten zwei Elemente den Kern seiner choreographisch geprägten Regiearbeit: Als meist sichtbarer Bühnenprospekt diente das 1861 entstandene Gemälde „Orphée ramenant Eurydice des enfers“ von Camille Corot, dessen Entstehen der Regisseur dem Besuch des Malers bei einer Pariser Aufführung des Gluckschen Orphée zuschreibt. Ferner erhält seine schlichte, stringente Präsentation der eher statischen Bühnenhandlung eine zusätzliche Raffinesse durch den Einsatz von „Pepper’s Ghost“, eines von John Henry Pepper im 19. Jahrhundert entwickelten Illusionstricks mit Spiegeln.

Der Chor der ORW (Einstudierung Pierre Iodice) beeindruckte ein weiteres Mal nicht nur durch sein homogenes Klangbild, sondern auch bei seiner bewegungsmäßigen Einbeziehung in die Aktivitäten der kleinen Ballettgruppe. Absolut überzeugend auch in diesem Repertoire war das Orchester der Lütticher Oper, das im populären „Reigen seliger Geister“ einleitenden Flötensolo ebenso wie im später folgenden Oboensolo hervorragende Interpreten hören ließ, umsichtig in Szene gesetzt vom musikalischen „spiritus rector“, dem belgischen Klarinettisten und Dirigenten Guy van Waas. Sie alle machten es möglich, dass trotz eines gewissen Ermüdungseffekts der Szenerie die Musik dieser Mischfassung von Gluck/Berlioz/Viardot im Saal seine Sogwirkung entfalten konnte. Walter Wiertz