Sensationeller Titelheld

 

Die kurze Ouvertüre zu Rimskij-Korsakovs Sadko, basierend auf der 29 Jahre älteren gleichnamigen symphonischen Dichtung, beschreibt das Meer, in den meisten Interpretationen die endlose Weite und eine leise Wellenbewegung. Bei Dmitri Jurowskis Leitung der Vlaamse Operan in Gent hörte ich im Ostinato der drei absteigenden Noten und den aus ihnen entwickelten Figurationen fasziniert vielmehr drängende Bewegung und machtvolle Unterströmung – den beunruhigenden Aspekt des Meeres. Der Marineoffizier Rimskij-Korsakov hat vielleicht eben beide Gesichter des Ozeans simultan festgehalten. Auf diesem eminent vitalen Kurs hält Jurowski das farbenprächtig, präzise und bei aller Opulenz transparent aufspielende Orchester der Opera Vlaanderen den ganzen Abend über.

„Sadko“ an der Opera Vlaanderen/ Szene/ Foto Annemie Augustijns

Das Meer findet in dieser Produktion allerdings praktisch nur in der Musik statt, denn Daniel Kramer verzichtet in seiner Inszenierung und der Bühne von Annette Murschetz auf illustrativen Realismus. Eine nach vorne geneigte Spielfläche voller dunkler Erde (wohl auf der poetischen Bezeichnung „Schwarzerde“ für Russland beruhend) wird mit Requisiten und Projektionen zweckdienlich angereichert. Sitzgelegenheiten und gutbürgerliche Anzüge nebst Krawatte (Kostüme: Constance Hoffman) reichen, um den Marktplatz der reichen, selbstzufriedenen Handelsstadt Novgorod erstehen zu lassen; der Barde Sadko und sein Kiever Konkurrent Nezhata singen statt mit einem Gusli (einem zitherartigen Instrument) mit einem silbernen Ständermikrophon. Sadko singt von Reisen und Abenteuer und fordert die Novgoroder auf, eine Handelsflotte aufzubauen, auch wenn die Stadt keinen Wasserwegzugang habe, und wird darauf von den Spaßmachern Duda und Sopel (herrlich deftig in Spiel wie Gesang Evgenij Solodovnikov und Michael J. Scott) zum Gaudium der Stadt drastisch verspottet und bei Kramer handfest gepiesackt. Er flüchtet sich aus der Stadt an den Ilmensee und trifft dort die von seinem Gesang bezauberte Volchova, die Tochter des Meerkönigs Okian-more. Sie und ihre Meerjungfrauen tragen stilisierte weiße Vogelgewänder (deren Schnäbel eher an Störche als an die originalen Schwäne erinnern). Ob sie hier Meer- oder Naturwesen sind, schien mir nicht eindeutig, aber magische Kräfte besitzt Volchova, die mit einer Handbewegung Sadko zu Boden zwingen oder ihm Schmerzen zufügen kann. Dies bleibt freilich Episode, denn sie verliebt sich in ihn, und sie erhalten den Segen von Okian-more, der als einziger als schwarzer Vogel auftritt: Sadko wird zum reichsten Mann Novgorods, und nun kann er 12 Jahre die Meere besegeln, ehe er dafür ins Unterwasserreich gerufen wird. Dort tragen nun alle die Vogelkostüme in Schwarz – war das Weiß trügerisch? Jedenfalls ist das Wasserreich in Kramers Interpretation ein finsterer, unheimlicher Ort, wo Sadko sein Preislied auf Okian-more nur unter Zittern singt. Die Erscheinung eines alten Pilgers (Heilige waren zur Zeit der Uraufführung auf russischen Bühnen verboten) verkündet dem Meerkönig das Ende seiner Macht und bringt Sadko und Volchova nach Novgorod, wo sie sich in einen Fluss verwandelt und so für die Stadt zum Zugang zum Meer wird.

Das Stück beschäftigt sich mit stark mit den Gegensätzen Mensch-Natur (ganz ähnlich wie Dvoráks fünf Jahre jüngere Rusalka) und Christentum-Heidentum – beide Themenkomplexe scheinen mir in dieser Inszenierung eher schwach vertreten. Kramers dichte, nichts kindermärchenhaft verniedlichende Personenführung bot aber dennoch dem größtenteils gewiss mit dem Stück nicht vertrauten Publikum eine fassliche und suggestive Umsetzung, die auch mit pfiffigem Witz aufwartet wie etwa dem in den 12 Jahren Seefahrt sehr dick gewordenen Sadko, dem die Gefährtinnen Volchovas der Herrin zuliebe im Wasserreich offen den Kostümbauch wieder ausziehen. Nicht ganz leicht bleibt der Schluss: Der neue Fluss ist durch eine Spalte in der Bühne angedeutet, Volchova ist tot, vom zusehends psychisch zerrütteten Sadko erstochen, Ljubava (Sadkos an Land zurückgelassene Gattin, mit der er einleuchtend, wenn auch anders als im Original, nicht wirklich wieder zusammenfindet) bleibt bei ihr und wechselt nicht auf die Seite Sadkos und der Bürger, und auch die dritte Frau der Besetzung (original eine Hosenrolle), Nezhata, gesellt sich zu den beiden, feuert aber von dort aus den frenetischen Schlussjubel der Novgoroder an.

Das Stück steht und fällt im selben Maße wie etwa Verdis Otello mit dem Titelhelden, der je nach Zählung 7 bis 8 Arien, Lieder und Soloszenen zu singen hat und kaum je nicht auf der Bühne ist. Zurab Zurabishvili ist ein Glücksfall in der Partie; er kennt anscheinend keine Konditionsprobleme und kann seinen durchschlagskräftigen und edlen heldischen Tenor geschmeidig zurücknehmen. Auf der andern Seite überrascht er mehrfach mit dramatischen Steigerungen, hat also eine breite dynamische Palette zur Verfügung, die er auch differenziert einsetzt. Dazu kommen eine plastische Aussprache und durchdachte, lange Bögen bildende Phrasierung. Auch ist er ein frisch und natürlich wirkender, wendiger Darsteller, der auch an Kabinettstückchen wie den Elvis- oder Pop-Bewegungen mit dem Mikrophon zu seinem Lied im 1. Bild sichtlich Freude hat, mit beinahe kindlichem Staunen in der ersten Begegnung mit Volchova genauso überzeugt wie in den im Verlaufe des Stücks immer beherrschender werdenden Ängsten und Wahnzuständen bis hin zu seinem Unbehagen mit dem ihm geltenden Schlussjubel.

„Sadko“ an der Opera Vlaanderen/ Szene/ Foto Annemie Augustijns

In der etwas undankbaren Rolle der Ljubava (die Inszenierung betont es noch mit der auf Opernbühnen oft etwas langweiligen und den erhofften Abenteuern gegenüberstehenden Häuslichkeit) besticht Viktorija Jarovaja, ansonsten eher im Rossini- als im slavischen Repertoire beschäftigt, mit gepflegtem hellem und expansionsfähigem Mezzo und verdeutlicht die Nöte der Sitzengelassenen ohne Larmoyanz. Betsy Horne ist eine so hoheitsvolle wie liebenswürdige Volchova; ihr klangschöner, kompakter, etwas melancholisch gefärbter Sopran passt gut zur Partie, die sie ausdrucksstark singt – allerdings stilistisch ungewöhnlich. Sie hat die Tendenz, jedem Ton einen kleinen Akzent zu geben, was den Fluss leicht hemmt; auch setzt sie innerhalb von Phrasen oft neu ein, als wäre es Barockmusik (an die auch die kurzen Schlusstöne erinnern). Dem Wiegenlied des letzten Aktes fehlt schließlich ein Letztes an ätherischem Klang und Legato. Doch das sind gewiss Einwände auf höchstem Niveau. Raehann Bryce-Davis‘ Nezhata ist eine kleine Sensation. Gewiss ist es kein Kostümzufall, dass die afroamerikanische Sängerin im schulterfreien weißen Glitzerkleid, mit dem sie im 1. und 4. Bild auftritt, an Soul- oder Jazzdiven erinnert – doch dann hört man einen mächtigen, dunklen, fruchtigen Mezzo, wie man (zumindest ich) ihn mit der besten russischen Schule verbindet, in Kombination mit idiomatischer Diktion und einem mitreißenden stilistischen Gespür für diese Musik. Bühnenpräsenz versprüht sie als zwielichtige, im letzten Bild in schwarzem Glitzer auftretende Konkurrentin Sadkos.

Passend zur düsteren Sicht auf das Meerreich der dräuende Ton des Okian-more von Anatolij Kotscherga. Die Stimme ist immer noch imposant, und Linie und Intonation hat er früher schon gelegentlich dem Ausdruck geopfert. Das stark verhüllende Kostüm behindert selbst diesen Ausnahmedarsteller teilweise im Spiel, schade! Imposant und unheimlich bleibt er aber allemal. Die Opera Vlaanderen folgt der russischen Tradition, die drei ausländischen Händler für ihre Kameoauftritte mit erstklassigen Sängern zu besetzen: Adam Smith modelliert die verführerische Kantilene des indischern Händlers mit Schmelz und Charme (obwohl die Stimme wohl in ein weniger lyrisches Fach tendiert), Tijl Faveyts beschreibt als warägischer Händler das Polarmeer packend mit warmem, aber tiefschwarzem Bass, und Pavel Jankovskij serviert die Arie des Venezianers mit ihrem Wiegen, ihren tückischen Sprüngen und exponierten Höhen souverän und einladend. Denn die drei Arien sind witzig mit Werbefilmen für die drei Reiseziele illustriert; köstlich die Verlegenheit des Warägers, als er selber merkt, dass seine Heimat für die Novgoroder Händler wenig attraktiv sein dürfte. (Ansonsten sind die Videos von Darrel Maloney oft etwas zu viel des Guten.) Jankovskij singt auch den alten Pilger, und zwar vollständig aus dem entfernteren Off ohne jede Verstärkung, was mir akustisch ungünstig schien, umso beachtlicher, dass er permanent gut hörbar blieb. Ausgezeichnet auch die beiden Stadträte Luka Zinovych und Foma Nazarych der Chormitglieder Patrick Cromheeke und Stephan Adriaens sowie der von Jan Schweiger vorbereitete (und spielfreudige) Chor insgesamt, der auch mit den zahlreichen ungewohnten Taktarten bestens zurecht kam.

Alles in allem ein sehr erfreulicher Abend, der einigen Themen des Stücks, das Rimskij-Korsakov gewiss nicht mit einem simplen Happyend ausgestattet hat, anregend nachgeht, andere für weitere Produktionen noch übriggelassen hat – gut so (Foto oben: „Sadko“ an der Opera Vlaanderen/ Szene/ Foto Annemie Augustijns)! Samuel Zinsly