All´italiana zum Jahresende

 

Eine beliebte Tradition der Komischen Oper Berlin ist die alljährliche konzertante Aufführung einer wenig bekannten Operette in der Vorweihnachtszeit. Manche Rarität wurde da ans Licht befördert – seinen es Kálmáns Bajadere und die Herzogin von Chicago oder sein letztes Werk, Arizona Lady. 2018 gab es erstmals ein Stück von Paul AbrahamMärchen im Grand Hotel. Damit startete ein Zyklus mit Kompositionen des jüdisch-ungarischen Komponisten, der nun mit Viktoria und ihr Husar fortgesetzt wurde. 1930 am Berliner Metropol-Theater uraufgeführt, war es der Beginn von Abrahams Weltkarriere – dank einer attraktiven musikalischen Mischung aus  Operettenseligkeit, temperamentvollen Rhythmen und rasanten Jazz-Elementen. Stefan Soltesz war mit seinen Erfahrungen in diesem Genre genau der richtige Mann am Pult des Orchesters der Komischen Oper. In der Ouvertüre ließ er schwelgerischen Rausch hören, reizte die fernöstlichen Exotismen, die schwermütige Melancholie der Szenen in Russland und die Csárdás-Klänge im ungarischen Dorf Doroszma effektvoll aus. Das Pathos der Musik streifte gelegentlich gar Puccinis Turandot, die immerhin nur vier Jahre früher herausgekommen war.

Paul Abrahams“ Viktoria und ihr Husar“ an der Komischen Oper Berlin/ Szene/ Foto wie auch oben ikofreese/ drama_berlin.de

Wie schon bei den vorangegangenen Produktionen hatte man auch diesmal einen Prominenten für die Moderation verpflichtet, den Schauspieler Gerd Warmeling als amerikanischer Botschafter John Cunlight, der sich allerdings auch als Sänger versuchte – mit zweifelhaftem Erfolg. Seine Textbehandlung war dagegen, wenn auch nicht immer konzentriert, pointiert und gebührend ironisch. Die Besetzung war sorgfältig zusammengestellt, angeführt von Vera-Lotte Böcker in der weiblichen Titelrolle. Als kühle Blonde von mondäner Erscheinung (Kostüme: Katrin Kath) und mit einem leuchtenden, höhenstarken lyrischen Sopran war sie eine ideale Verkörperung der Figur, die zwischen der Verbindung zu ihrem Gatten, dem amerikanischen Diplomaten Cunlight, und ihrer großen Liebe, dem Rittmeister Koltay, hin und her gerissen ist. Mit letzterem hat sie das schwelgerische Duett „Du warst der Stern meiner Nacht“ zu singen und ihr Partner Daniel Prohaska erweist sich ihr mit tragfähigem, höhensicherem Tenor als fast ebenbürtig. Und Veronika fällt die wohl berühmteste Nummer der Operette zu, „Reich mir zum Abschied noch einmal die Hände“, welche die Komische Oper 2013 in ihre Inszenierung von Abrahams Ball im Savoy eingefügt hatte, um an das Schicksal des aus Deutschland vertriebenen Komponisten zu  erinnern. Viele Operettendiven und Diseusen haben diesen Titel interpretiert; Böcker kann sich hier eindrucksvoll behaupten, wie sie auch in den Gesängen voller Sehnsucht und Melancholie am Schluss, die sie zu einer Schwester der Rosalinde machen, überzeugt.

Das zweite Paar, Koltays Bursche Jancsi und Viktorias Kammerzofe Riquette, ist mit Dániel Foki und Marta Mika – beide aus dem Opernstudio des Hauses – sehr angenehm und sympathisch besetzt. Er singt mit hohem Bariton von sinnlicher Emphase, sie temperamentvoll und mit reizvollem Akzent. Zu ihrem Duett vom Ungarnland legen sie auch eine flotte Sohle auf die Bühnenbretter. Das dritte Paar schließlich geben Viktorias Bruder Ferry und seine Braut O Lia San. Mit Peter Renz ist ein Urgestein der Operette angetreten, und Alma Sadé bringt einen munteren Soubrettenton (bei etwas spitzer Höhe) ein. Beider von gackerndem Lachen begleitete Couplets sind freilich Geschmackssache. Am Ende gibt es eine dreifache Hochzeit mit großem Ensemble, in das auch die Chorsolisten der Komischen Oper (Einstudierung: David Cavelius) klangvoll einstimmen (23. 12. 2018). Bernd Hoppe