Seltsame Liederoper

 

Wenige Tage nach der erfolgreichen Uraufführung von Beat Furrers Violetter Schnee präsentierte das Opernhaus Unter den Linden mit Himmelerde eine weitere Weltpremiere. So wundersam der Titel des Stückes, so ungewöhnlich ist seine Einordnung in eine bestimmte Kategorie. Maskenmusiktheater lautet die Genre-Bezeichnung, erdacht von der Familie Flöz und der Musicbanda Franui. Unter ersterer verbirgt sich eine Theatertruppe, die Abende von ganz eigenem Charakter zaubert, Masken einbezieht und mit der Musicbanda Franui ein musikalisches Ensemble, das romantische Lieder von Schubert, Schumann, Brahms u. a. neu interpretiert. Im Orchester finden sich Instrumente wie Akkordeon, Zither, Ventilposaune und Hackbrett, welche den tradierten Klang der sattsam bekannten Lieder brechen und für heftige Irritationen sorgen. Damit hatten auch die Gesangssolisten des Abends ihre Mühe. Anna Prohaska verstörte bei Schumanns „Mondnacht“ durch vage Intonation und jaulenden Klang. Überzeugender geriet die zarte „Wehmut“ aus Schumanns Liederkreis op. 39, dessen Lieder sich durch das gesamte Programm zogen, weil die hohen Töne hier korrekt platziert waren. Dagegen litt Beethovens „Nur wer die Sehnsucht kennt“ wieder unter dem lallenden Ton und gänzlich überfordert zeigte sie sich mit Gildas „Tutte le feste“ aus Verdis Rigoletto, wo die exponierte Lage einen forcierten Klang offenbarte. Überraschend präsentierte sich die Sopranistin auch als Diseuse in schwarzer Federboa auf einem Hocker mit Liedern der Neuen Wiener Schule – Weberns „Nächtliche Scheu“, „So ich traurig bin“ und „Helle Nacht“, wo es ihr erfolgreich gelang, die Stimme passend lasziv einzufärben.

Mehrere Titel sang sie im Duett mit dem Bariton Florian Boesch, einem gestandenen Liedsänger, der freilich einen denkbar unglücklichen Einstieg hatte, denn bei Mahlers „Wo die schönen Trompeten blasen“ aus Des Knaben Wunderhorn war seine Stimme geradezu unhörbar. Besser gelang mit schönem resonantem Ton „Ich kann wohl manchmal singen“ aus Schumanns Liederkreis op. 39. In Mahlers „Wo die schönen Trompeten blasen“ fiel der perfekte Gebrauch der Kopfstimme auf. Bei Schuberts „Auf einem Totenacker“ aus der Winterreise klang der Bariton gefährdet, während Schumanns „In der Fremde“ durch kraftvollen Nachdruck überzeugte.

Staatsoper Berlin: HIMMELERDE von Familie Flötz und Musicbanda Franui/ Szene/ Foto wie auch oben Bernd Uhlig

Zu all diesen Liedern hat das Kollektiv von Familie Flöz mit mehreren Maskenspielern und dem Regisseur Michael Vogel Bilder erdacht, welche unseren Alltag von profanen Verrichtungen bis zu Krankheit und Tod beschreiben. Noch vor Beginn der Aufführung zieht eine Putzfrau mit dem Staubsauger über die schwarz ausgekleidete Bühne (Felix Nolze), in der ersten Parkettreihe sucht ein altes Ehepaar seine Plätze. Die Masken von Hajo Schüler, die sie tragen, erinnern an Loriots Gesichter, geben den Personen aber auch ein debiles Aussehen. Von einfältigen Kindern bis zu Greisen reicht das Personal. Man sieht Krankenbetten und wird Zeuge einer Beerdigung. Ein Zimmer mit Klavier, Schreibtisch und Trichtergrammophon führt in die Welt eines Künstlers bei seiner schöpferischen Tätigkeit. Die Kostüme von Birgit Wentsch erlauben eine schnelle Verwandlung der Maskenspieler in immer neue Figuren.

Viele Szenen sind von grotesker Art und nutzen Elemente des Slapstick. In der Szene aus Rigoletto erscheint der Titelheld auf der Orchesterumrandung mit dem Eimer und zieht riesige Seifenblasen, um gleich wenig später auf der Lauge auszurutschen und unter lautem Knall in den Orchestergraben zu stürzen. Bilder von starker Sinnlichkeit und surrealer Anmutung bringt der Tänzer Paul White ein, der auch die Choreografie der Aufführung verantwortete. Er zeigt phänomenalen Körpereinsatz, ist von clownesker Gebärde, windet sich in expressiven Schmerzensgesten, dreht sich mit vehementer Energie wie ein Derwisch und lässt am Ende Papierfetzen durch die Luft fliegen, welche die wieder erscheinende Putzfrau kopfschüttelnd zusammenfegt. Ihr hat das Produktionsteam noch eine anrührend menschliche Geschichte zugedacht, denn offenbar findet sie ihre Tochter wieder, die ihr eine Geburtstagstorte bäckt und sie auch am Krankenbett besucht. Die Aufführung endet mit der Einspielung eines Schwarz/Weiß-Filmes (Mats Süthoff), der Mutter und Tochter Arm in Arm auf dem Heimweg durch die Straßen Berlins zeigt.

Die musikalische Leitung des Abends lag in den Händen von Andreas Schett, der gemeinsam mit Markus Kraler auch die musikalische Bearbeitung der Liedkompositionen übernommen hatte. Diese war mit extremen Tempoverrückungen, bizarren Lautmalereien von quakenden, jammernden, winselnden und schräg-dissonanten Klängen das Hauptproblem der Aufführung. Das Premierenpublikum am 17. 1. 2019 feierte dennoch die Akteure mit frenetischem Beifall. Bernd Hoppe