Selfies und Smilies

 

Mit der Aufführung von Berenice, Regina d’Egitto als Eröffnungsproduktion der diesjährigen Festspiele hat Halle das ehrgeizige Ziel erreicht, alle 42 Opern des Komponisten im Rahmen der Festspiele aufgeführt zu haben – ein weltweit einzig dastehender Rekord. Und die Oper Halle als Veranstalter dieses bedeutenden Unternehmens hat dafür eine Sängerbesetzung aufgeboten, die das Attribut spektakulär wahrhaft verdient.

Star der Premiere am 25. 5. 2018 war der argentinische, hierzulande noch  unbekannte Sopranist Samuel Mariño als Alessandro, der in der Uraufführung der Oper 1737 in London von dem Kastraten Gioacchino Conti gesungen wurde. Wie man erfuhr, hatte der junge Sänger bislang nur in Konzerten mitgewirkt und an diesem Hallenser Abend sein Debüt auf einer Opernbühne gegeben. Umso mehr erstaunten seine szenische Souveränität und sein lustvoll-lockeres Spiel als Berenices Geliebter, dessen ständiger Begleiter ein Cola-Pappbecher ist. Die Stimme ist von betörender sinnlicher Klangschönheit. Schon in der Auftrittsarie, „Che sarà“, entzückte sie mit den tänzelnden Koloraturen, den feinen Trillern und dem souverän bewältigten virtuosen Zierwerk. Auch die wiegende Kavatine im 2. Akt, „Mio bel sol“, mit lieblicher Anmut ausgebreitet, und das zärtlich-schmeichelnde „La bella mano“ gehörten zu den großen vokalen Momenten des Sängers. Das Publikum erkannte dessen Ausnahmequalität und feierte ihn am Ende stürmisch. Auch für den Prinzen Demetrio, die zweite Kastratenpartie des Werkes (bei der Weltpremiere wahrgenommen von Domenico Annibali), war mit Filippo Mineccia eine illustre Besetzung gefunden worden. Der italienische Counter hat in Halle bereits mehrfach in Opern- und Konzertauftritten reüssiert und bestach auch diesmal mit seiner enormen szenischen Präsenz und der charaktervollen, erotisch timbrierten Stimme. Allenfalls in der unteren Lage ist deren Durchschlagskraft etwas limitiert. Dafür zeigten das furiose Recitativo  accompagnato „Selene, infida!“ und die nachfolgende, mit enormer Attacke ausgestattete Arie „Sù, Megera“ eindrücklich seine Potenzen.

Und einmal mehr war Romelia Lichtenstein mit ihrer singulären Persönlichkeit eine Trumpfkarte der Besetzung. Sie gab der Titelpartie pralle Kontur und füllte sie auch gesanglich mit ihrem individuell gefärbten, autoritären Sopran hinreißend aus. Bewundernswert, wie sie die von der Regie verordneten albernen Gags und komischen Episoden umsetzte und dabei den Eindruck erweckte, sogar selbst Spaß zu haben an diesen absurden Einfällen und Plattitüden. Im 2. Akt hat sie eine Szene („Sempre dolci“), wo sie einsam, inmitten von leeren Eisschachteln am geöffneten Kühlschrank sitzt – ein Bild von bedrückender Tristesse und Hoffnungslosigkeit in fahlem Licht. Leider profanisiert die Regie die Situation, lässt die Königin wegen des übermäßigen Eisgenusses eilig die Toilette aufsuchen und danach Kamillentee trinken. In der Arie „Traditore“, begleitet vom aufgewühlten Toben des Orchesters, kann die Sängerin mit flammender Tongebung aufwarten und ihr dramatisches Temperament ausspielen. Im 3. Akt darf sie in der ausgedehnten Arie „Chi t’intende“ aus der Rolle heraustreten und im Dialog mit dem Oboisten im Orchestergraben brillieren.

Konkurrentin um die Gunst Demetrios ist ihre Schwester Selene, die Svitlana Slyvia als Grufti-Type in schwarzem Shirt mit silbernem Totenkopf-Emblem geben muss, aber mit resolutem dunklem Mezzo für imposante, wenn auch stilistisch unorthodoxe vokale Momente sorgt. Selenes Zuneigung gehört dem Fürsten Arsace, der seltsamerweise als Putzfrau im grünen Kittel und mit gelben Gummihandschuhen agiert. Franziska Gottwald singt ihn mit jugendlich-schlankem Mezzo, darf zwischendurch auch mal die Arbeitskleidung ablegen und in ein barockes Gewand schlüpfen, im Finale aber wieder den Boden wischen. „Senza nutrice“ singt sie mit munteren Koloraturen wie einen Rocksong ins Standmikrofon, „Amore contro amor“ am Ende des ersten Teils überzeugt mit juveniler Attacke. Robert Sellier als römischer Botschafter Fabio ergänzt die Besetzung mit kultiviertem, doch etwas leichtgewichtigem Tenor, dessen Arie „Vedi l’ape“ von einem Zeichentrickfilm mit fliegenden Bienen illustriert wird. Für die Cavatina „Guerra e pace“ im 2. Akt hätte man sich einen  vehementeren Vortrag gewünscht. Die Sänger agieren in Kostümen von  Katharina Weissenborn –  einem Stilmix aus glitzernden Barockgewändern und zeitgemäßen Teilen von Lederhosen, T-Shirts und Turnschuhen.

Erstmals übernahm der junge Dirigent Jörg Halubek die musikalische Leitung einer Hallenser Festspielproduktion und hinterließ dabei einen blendenden Eindruck. Mit dem Händelfestspielorchester der Staatskapelle Halle reizte er die Schönheiten des Werkes wirkungsvoll aus, setzte gewichtige Akzente und sorgte für rhythmisch prägnante Impulse.

Das Drama um Liebe und Macht, das die ägyptische Königin zwischen den politischen Interessen Roms, die ihr eine Heirat mit Alessandro verordnen, und ihren privaten Gefühlen für Demetrio zeigt, inszenierte Jochen Biganzoli als satirische Parodie auf heutige Gewohnheiten im Gebrauch von Smartphones und der Nutzung des Internets. Der silberne Glitzervorhang, der die Drehbühne von Wolf Gutjahr umschließt, lässt zunächst an eine Revue denken, und tatsächlich sieht man später auch zwei knapp bekleidete Girls die Beine werfen. Und Berenices Hofrat Aristobolo (Ki-Hyun Park mit gewichtiger Bassfülle) fungiert in seinem silbernen Frack und Zylinder wie ein Spielmacher im Varieté. Aber bestimmt wird die Aufführung von den im Dauereinsatz befindlichen Handys, den auf hintere Wände projizierten Mails, youtube-Filmsequenzen, Whatsapp-News mit Smilies und anderen Symbolen sowie Google-Suchaktionen. Eine auf der Bühne installierte Kamera filmt mehrfach die Sänger bei ihren Arien live und wirft die Bilder auf die Rückwand. Das fast pausenlose Flimmern ist enervierend und wird nur einmal unterbrochen, wenn Demetrio in einem Zustand der Raserei ob Selenes vermeintlicher Untreue die Stecker zieht und alles im Dunkeln versinkt. Doch im zweiten Teil flackert es fort bis zum lieto fine und seinem Schlusschor, den alle zunächst tanzend singen, dann aber zusammenfallen wie Marionetten.

 

Der denkbar größte ästhetische Gegensatz stellte sich bei dem traditionellen Festspielbeitrag im historischen Goethe-Theater von Bad Lauchstädt am Nachmittag des folgenden Tages ein. Denn bei Händels Serenata Parnasso in festa war die belgische Regisseurin Sigrid T’Hooft am Werk – eine ausgewiesene Spezialistin für die historische Aufführungspraxis von Barockopern. In der Ausstattung von Niels Badenhop sah man in einem Wolkenhimmel Götter, Hirten, Nymphen und Faune in Barockkostümen und Federkopfputz von opulentester Pracht. Anlässlich der Vermählung von Teti und Peleo, dargestellt von Nicolle Klinkeberg und Martin Prescha in historischen Tanzposen, lädt Apollo zu einem Fest auf dem Parnass ein, um dem Brautpaar zu huldigen. Das gestische Vokabular der Sänger jener Epoche in seiner manierierten Stilistik vorgeführt zu bekommen, glich einem Ausflug ins Theatermuseum, und man möchte das nicht alle Tage sehen. Aber als Kontrastprogramm zur Aufführung des Vorabends war diese Begegnung mit einer versunkenen Theaterwelt hochwillkommen.

Freilich muss eine solche Inszenierung getragen werden von hochkarätigen Gesangsvirtuosen. Solche waren am 27. 5. 2018 im Goethe-Theater nicht aufgeboten – trotz einiger solider Leistungen. Vor allem der italienische hohe Countertenor Riccardo Angelo Strano blieb der Partie des Apollo (bei der Londoner Uraufführung 1734 von dem gefeierten Kastraten Carestini gegeben) vieles schuldig hinsichtlich Autorität und Virtuosität. Da hörte man in der schlanken und durchaus flexiblen Stimme manch steife und larmoyante  Töne und in deren Tiefe wenig Klang. Glänzend gelangen ihm einige lange Koloraturgirlanden, aber das reichte nicht aus für ein überzeugendes Rollenporträt. Ein zweiter Counter, Georg A. Bochow, gab en travestie die Partie der Cloride mit angenehmer Stimme und kokettem Ausdruck. Nach anfänglich spitzen hohen Noten konnte sich Hanna Herfurtner als Clio, Muse der Geschichtsschreibung, deutlich steigern und mit reizenden Soprantönen sowie einer gekonnten Kadenz in der Arie von den Grazien gefallen. Auch Margriet Buchberger als Orfeo brauchte eine Anlaufzeit, um ihren spröde vibrierenden Sopran und dessen heulenden Klang in der Höhe zu einem anmutigeren zu wandeln (in der Arie von der Quelle und den Blumen). Auch mit dem expressiven Schmerz über den Verlust Euridices vermochte sie zu überzeugen.

Dunklere und füllige Töne brachten Julia Böhme als Muse der Epik Calliope und Aurélie Franck als Muse der Lyrik Euterpe sowie Elías Benito-Arranz als resonanter Marte ein. Alle Sänger vereinten sich bei den Chören zu prächtigem Stimmklang von munterer Frische. Sie preisen Daphne und Bacchus, Diana und die Jagd, Früchte und Blumen und stimmen am Ende in Apollos Wunsch ein, dass das Glück ewig bleiben möge.

Wolfgang Katschner am Pult der lautten compagney zauberte sanfte, graziöse und pompöse Klänge und war der Garant für eine lebendige Aufführung.

 

Am Abend wurde in der Georg-Friedrich-Händel Halle der diesjährige HändelPreis an die amerikanische Mezzosopranistin Joyce DiDonato übergeben. Im Rahmen dieses Festkonzertes bot die Sängerin ihr bereits an mehreren Orten erfolgreich präsentiertes Arienprogramm In War and Peace, bei dem sie mit dem begleitenden Ensemble Il Pomo d’oro unter Maxim Emelyanychev einmal mehr  überwältigte mit ihrer phänomenalen Stimmkraft und der enormen Ausdruckspalette – dabei heulende, aufschreiende und zerrissene  Töne nicht scheute, die dann in umso effektvollerem Kontrast standen zu den innigen und zarten, wie sie in Almirenas „Lascia, ch’io pianga“ oder Orazias „They tell us“ (aus Purcells The Indian Queen) zu vernehmen waren. Und natürlich verfehlten auch Almirenas liebliches und kunstvolles Zwitschern in der „Augelletti“-Arie oder das jubelnde Koloraturfeuerwerk in Ariodantes „Dopo notte“ nicht ihre Wirkung. Das konnte nur noch übertroffen werden von Attilias Arie „Par che di giubilo“ aus Jommellis Attilio Regolo als Zugabe. Das Publikum im voll besetzten Saal wusste die Bedeutung dieses Konzertes zu würdigen und feierte die Künstlerin frenetisch. Bernd Hoppe