Schwarzes Märchen

 

Man weiß es, hat es in Inszenierungen der letzten Jahre häufig gesehen, liest es aber wieder gerne. In ihrem Aufsatz im Programmheft weist die bedeutende Dvořák-Forscherin Jarmila Gabrielová auf das Umfeld der 1901 in Prag uraufgeführten Rusalka hin, auf Debussys Pelléas et Mélisande ein Jahr später und Janáceks Jenufa von 1904, und beschreibt Rusalkas Schicksal als weiblichen Emanzipationsversuch. Die aus der Zusammenarbeit des fast 60jährigen Komponisten mit dem nahezu 30 Jahre jüngeren Dichter und Dramaturgen Jaroslav Kvapil hervorgegangene Oper ist sowohl ein Werk des 19. wie des anbrechenden 20. Jahrhunderts, bezieht man noch die problematische Mann-Frau-Beziehung ein, wären ihr u.a. die Blaubart-Opern von Dukas und Bartók an die Seite zu stellen.

„Rusalka“ an der Opéra du Rhin Strasbourg/ Szene/ Foto wie oben Klara Beck

Seit sie sich in den Prinzen verliebt hat, wünscht sich Rusalka eine menschliche Gestalt und Seele. Dazu kann ihr die Hexe Ježibaba leichter verhelfen als gedacht, wenn auch um den Preis, dass Rusalka bei den Menschen stumm sein wird. Das ihr dadurch bevorstehende Leid will Rusalka gern ertragen. Schwerer abzustreifen als ihr Nixenkleid fällt Rusalka das sie seit Kindheit verfolgende Trauma, Bilder von Annäherung und Zuneigung, die in Gewalt und Brutalität, Messer und Blut enden. Nicola Raab verlegt bei ihrer Inszenierung von Dvořáks Rusalka, die zugleich die sehr späte Straßburger Erstaufführung des „Lyrischen Märchens“ ist, den Wiesengrund am Ufer eines Sees in einen nüchternen Raum, in der Rusalka sich quasi der Psychoanalyse unterzieht. Rusalkas Weg zu den Menschen und zurück an den See gerät zu einer inneren Reise. Durch manche Türe muss sie gehen, bis sie sich befreit. Der Prinz, dessentwegen sie zum Menschen werden wollte, fühlt ich von ihrer Gefühlskälte und ihrer Unfähigkeit zu sprechen abgestoßen und wendet sich einer fremden Fürstin zu. Raab macht aus dieser „Voyage intérieur“ fast einen Schwarzweißfilm, wozu ihr Julia Müer die Außenakte am See in bedrohliche Finsternis taucht, anfangs noch mit einem Bett, in das sich Rusalka zum Wassermann kuschelt, zuletzt nur noch düstere Stufen, auf denen die Nymphen die vom Küchenjunge in Frischhaltebeutel verpackte Fische verschlingen. Allgegenwärtig Martin Anderssons Videos mit aufschäumenden Wellen und einer Frau und einem Mann, die sich kopfüber über die Klippen ins Meer stürzen, vor allem aber von einem Liebespaar, dessen Leidenschaft in einen brutalen Kampf ausartet. Das Menschsein bringt Rusalka kein Glück. Im hellen Saal auf dem Schloss des Prinzen, wo die Natur nur dazu dient, aus ihr das Essen für die Gäste herbeizuschaffen, wird sie Opfer ihrer Sprachlosigkeit. Es ist ein geschickter Kunstgriff Raabs, die fremde Fürstin zum Alter Ego Rusalkas und einer Wunschvorstellung ihrer selbst zu machen, so dass die Dialoge des Prinzen mit der Fürstin eigentlich Zwiegespräche mit der stummen Rusalka werden. Schuldgefühle treiben den Prinzen schließlich zu Rusalka zurück, doch statt den angedrohten Todeskuss abzuwarten, schlitzt er sich die Arme auf. Rusalka befreit sich von den Erinnerungen an ihre Kindheit und durchschreitet neuerlich eine Tür. Raab gibt dem schwarzen Märchen eine in ihrer Konsequenz verstörende Dringlichkeit.

Von den ersten hohlen Schlägen des Vorspiels gelingt es Antony Hermus das leitmotivische Gewebe der Musik mit dem wendigen Orchestre philharmonique de Strasbourg zwischen liedhaft böhmischem Naturzauber und Moderne zu verdichten und den Prinzen mit einem selten so direkt wahrgenommenen wagnerschen Waldweben zu umgeben (20. Oktober 2019). Pumeza Matshikiza ist eine ausdrucksstarke, darstellerisch sehr präsente und anrührend leidende Wassernixe. Ihr leicht rauchiger, knödeliger Sopran verfügt über eine feste Mittellage und außerordentlich leuchtstarke Momente, verfärbt sich in der Tiefe allerdings etwas zu effektgeladen. Die Krankenschwester aus Rusalkas Erinnerungen wird zur Hexe Ježibaba, welcher Patricia Bardon mit einem reichen Alt und dramatischer Kraft die Härte der Übermutter verlieh, während Attila Jun die warnenden Worte des Wassermanns mit gleichmäßigem Donnerhall verteilte. Mit grellem, in den leisen Passagen aufsplitterndem Tenor blieb Bryan Registers Prinz ebenso eine Randfigur wie Rebecca Von Lipinskis unauffällige Fürstin, der Küchenjunge (Claire Péron) und der Heger (Jacob Scharfman).  Rolf Fath