Schmissig

 

Die Operetten Gräfin Mariza und Die Csárdásfürstin sind die Werke von Emmerich Kálmán, die jeder kennt und liebt. Auch Die Zirkusprinzessin und Der Zigeunerprimas tauchen immer mal wieder in den Spielplänen auf. Aber Kálmán hat über zwanzig Operetten geschrieben, darunter auch die im Jahr 1928 entstandene Tanz-Operette Die Herzogin von Chicago. Auch sie findet in letzter Zeit zwar wieder mehr Beachtung (etwa in Produktionen am Deutschen Theater in München oder an den Opernhäusern von Leipzig und Regensburg), gleichwohl ist diese Operette immer noch eine Rarität. Das Stadttheater Bremerhaben präsentiert das Werk nun in einer rundum vergnüglichen Produktion (Premiere: 9.2.2019).

Die Handlung der „Herzogin von Chicago“ folgt dem üblichen Operetten-Schema: Erste Verliebtheit, dann Krach, Missverständnis und Trotzreaktionen und schließlich das unvermeidliche Happy End. (…) Kálmán hat für dieses unterschätzte Werk eine durchweg schmissige Musik geschrieben, deren beste Nummern auch durchaus in der „Gräfin Mariza“ ihren Platz haben könnten, wie das sentimentale Lied „Wiener Musik“ oder die Buffo-Duette. Und für die amerikanischen Rhythmen (die natürlich mit Jazz nichts zu tun haben) hat Kálmán eine reizvolle, damals moderne Tonsprache gefunden. Vor allem ist die Musik aber durchgehend so temperamentvoll, dass ständig und furios getanzt wird. Dem Dirigenten Hartmut Brüsch und dem Philharmonischen Orchester Bremerhaven ist der Spaß an dieser Musik in jedem Takt anzumerken, so schwungvoll und mitreißend kommt sie daher. Aber dass Kálmáns Herz doch etwas mehr für Walzer und Csárdás schlägt, ist auch zu spüren.

Kálmáns „Herzogin von Chicago“ am Staatstheater Bremerhaven/ Szene/ Foto wie auch oben Heiko Sandelmann

Die Inszenierung von Felix Seiler glänzt durch eine schier überbordende Lebendigkeit. Gleichberechtigt ist daneben aber auch die Choreographin Andrea Danae Kingston zu nennen. Was sie aus dem Ballettensemble, aber auch aus den Sängern an tänzerischen Aktionen herausholt, ist mehr als beeindruckend. Regie und Choreographie gehen hier Hand in Hand und sorgen für ein fast dreistündiges, pralles Vergnügen. Die vielen kleinen und liebevoll erdachten Details bis hin zu den mit Petrus tanzenden Engeln und den auf Knien herumwuselnden „Kindern“ kann man gar nicht alle aufzählen. Auch das mit zwei Ebenen arbeitende, stimmungsvolle Bühnenbild sowie die farbenprächtigen Kostüme, beides von Barbara Bloch, sorgen für optischen Genuss.

Dass Regensburg ebenfalls Die Herzogin von Chicago im Programm hat, erwies sich als Glücksfall. Denn der Bremerhavener Tenor Christopher Busietta war indisponiert und konnte die Partie des Sándor nicht singen, wohl aber sprechen und spielen. Für den Gesang sprang Mark Adler aus Regensburg ein und rettete so die Premiere. Beide ergänzten sich perfekt: Adler sang mit höhensicherem Tenor und gefühlvollem Ausdruck, etwa bei „Komm in mein kleines Liebesboot“, die umfangreiche Partie von der Seite, während Busietta prächtig agierte und zum Gesang von Adler sogar die Lippen synchron bewegte. Als Mary überzeugt Tijana Grujic mit ihrem hübschen Sopran und sehr attraktiver Ausstrahlung. Ihr in mehrfachen Variationen wiederholtes Lied „Ein kleiner Slowfox mit Mary“ sticht besonders hervor. Victoria Kunze als Prinzessin Rosemarie und MacKenzie Gallinger als James Bondy sind das ebenso sympathische wie spielfreudige Buffopaar. Am Hof von Sándor sorgen John Wesley Zielmann als Finanzminister und Leo Yeun-Ku Chu als Staatsminister für immer neue, slapstickartige Späßchen. Chu gibt zusätzlich einen überzeugenden Zigeunerprimas ab. Vikrant Subramanian ist Sándors Adjutant und auch der leicht debile König Pankraz von Sylvarien. Und der Chor in der Einstudierung von Mario Orlando El Fakih Hernández mischt tänzerisch und gesanglich ordentlich mit. Wolfgang Denker