Schmachten und Schlachten

 

Im Leben wie auf der Bühne führen die besten Absichten nicht immer zum gewünschten Ziel. Sergej Prokofjew entwarf zu Beginn der 1940er Jahre das Libretto zu einer großen Oper in einer persönlich und politisch aufwühlenden Zeit. Den Text schrieb er mit seiner späteren Frau Mira, für die er sich von der Familie getrennt hatte, und mit dem Überfall Deutschlands auf die Sowjetunion im Juni 1941 kamen die letzten Sicherheiten ins Wanken. Das weckte Gefühle der Vaterlandsliebe im Komponisten. Aus dem Epos einer Nation wurde ein bedeutendes, aber vielleicht nicht das Meisterwerk, das beabsichtigt war. Als Vorlage diente den Autoren der Roman Krieg und Frieden von Tolstoj von 1868/1869. Keine glückliche Wahl: Obwohl der Komponist an Aufwand nicht sparte und Musik für eine vierstündige Aufführung ersann, wirkt das Libretto unausgewogen und erreicht auf keinen Fall die Vielschichtigkeit des Romans. Der Text mischt unglücklich alltägliches Parlieren, leidenschaftliches Liebesschmachten, vulgärphilosophisches Geschwätz und ungestümen Patriotismus,

Letzteres vor allem in den Chören, in Nürnberg wuchtig und beeindruckend gesungen vom Chor und Extrachor des Staatstheaters unter der Leitung von Tarmo Vaask, der seine hervorragende Arbeit in Nürnberg auch unter der neuen Leitung fortsetzt. Psychologische Durchdringung erreichen die Gestalten nie, obwohl die ersten anderthalb Stunden der Oper vorwiegend von der unerfüllten Liebe des Fürsten Bolkonski und der Natascha Rostowa erzählen. Nach der Pause brennt Moskau, und das Volk wehrt sich mit Gewehr und Gesang. Auch der beste Komponist der Welt muss indes vor einer Szene kapitulieren, in der einer der Hauptfiguren, Graf Bolkonski, auf dem Schlachtfeld einen alten Freund, Pierre Besuchow, begrüßt, der lediglich aus reiner Neugier vorbeischaut, just bevor Ersterer tödlich verwundet wird. Die gestelzte Deklamation, wie sie auf des Russischen unkundige Ohren wirkt, kann hier und an anderen Stellen die Entstehung unfreiwilliger Komik nicht verhindern. Schon zu Lebzeiten quälte sich Prokofjew mit dem in einer ersten Fassung 1946 uraufgeführten Werk sehr, das nie richtig fertig wurde und bis heute nur selten inszeniert wurde.

Prokofjews Oper „Krieg und Frieden“ an der Oper Nürnberg/ Szene/ FOTO(S) © LUDWIG OLAH

In Nürnberg stellte man berechtigterweise eine eigene, etwas kürzere Fassung her, bei der die Unausgeglichenheit des Werkes natürlich nicht aufgehoben werden konnte. Um zu erklären, was passiert, entschied man sich für die Projektion von Legenden mit Zusammenfassungen der Handlung, was die ohnehin schwache Erzählspannung gänzlich abtötete. Vielleicht hätte man sich doch zu einer deutschen Übersetzung durchringen sollen? Dem disparaten Charakter der Oper begegnete Intendant und Regisseur Jens-Daniel Herzog auf doppelte Weise. Zum einen versuchte er, mehrere Zeitebenen zu verbinden (die Jahre bis 1812; Tolstojs Zeit; 1941; heutige Zeit), was sich vor allem in der Kostümierung der Sänger und Komparsen niederschlug (Kostüme: Sibylle Gädek). Das verpuffte allerdings nach der Pause, weil hier die visuellen Verweise auf den Zweiten Weltkrieg trotz des Auftretens von Napoleon höchstpersönlich vorherrschen. Zum anderen aber und mit mehr Erfolg widmete Herzog seine Aufmerksamkeit den Einzelfiguren, die auf einer schwarzen, von klug gezeichneten beweglichen Wänden gegliederten und vorzüglich beleuchteten Bühne (Bühne: Mathis Neidhart; Licht-Design: Kai Luczak) handelten. Lebendige Gestalten konnte er auch nicht heranzaubern, aber durch eine durchdachte, hervorragende Personenführung machte er dieses Manko fast wett, darin unterstützt von seinen hochengagierten Sänger-Darstellern.

Die drei Protagonisten sangen und spielten glorios: Jochen Kupfer als desillusionierter, mit passend noblem Bariton ausgestatteter Fürst Andrej Bolkonski, Eleonore Marguerre als jugendhafte, schönstimmige Natascha Rostowa und Zurab Zurabishvili als am Leben verzweifelnder, aber mit kräftigem Spinto-Tenor auftrumpfender Freund Pierre Besuchow. Die kleineren Partien waren ebenfalls sehr gut besetzt (dabei sang jeder Sänger mehrere Rollen), wodurch das Staatstheater seine ungebrochene Leistungsfähigkeit auch nach dem Wechsel von Intendant und GMD eindrücklich zeigte. Es seien stellvertretend nur Alexej Birkus für seinen starken Kutusow-Monolog, Irina Maltseva als dekadente Hélène Besuchowa und Martina Dike als strenge Achrossimowa genannt.

Dass die 13 Bilder mit ihren Längen erträglich wurden, lag am Dirigat der neuen GMD Joana Mallwitz. Sie sorgte mit dem bestens disponierten Orchester für eine austarierte, dynamisch sehr differenzierte Wiedergabe der Partitur. Wie schon bei ihrem Einstand im ersten Philharmonischen Konzert, als sie die Symphonie classique von Prokofjew zur Aufführung gebracht hatte, fiel auch im Theater ihr Sinn für Farben positiv auf. An Bombast fehlte es nicht, wo er gefordert war, aber die koloristische Herangehensweise hat durchaus ihre Berechtigung beim französisch beeinflussten Prokofjew, der allzu leicht in die brutalistische Ecke gedrängt wird (es wäre z. B. interessant zu hören, was Mallwitz aus der Fünften machte). Nicht zufällig war der Höhepunkt der Aufführung die Sterbeszene von Bolkonski im 12. Bild, in der Mallwitz, Kupfer und Marguerre eine wahrlich ergreifende Interpretation gelang. Allerdings fehlte es der Dirigentin bisweilen an rhythmischer Schärfe, und einigen Szenen wurde dadurch der satirische Biss ausgetrieben, etwa im Duett Kuragin/Dolochow oder beim Auftritt der Franzosen im zweiten Teil. Hier hätte man sich mehr Schärfe gewünscht. Mit der Wahl dieser Rarität hat die Intendanz Mut bewiesen. Das Nürnberger Publikum honoriert das offenbar nicht gebührend, weil die Vorstellungen (so auch diejenige, die hier besprochen wird) nicht gut besucht sind. Das ist schade, denn dem sperrigen, am Staatstheater würdig inszenierten und sehr gut gesungenen Opus wird man nicht bald wieder begegnen können (Besuchte Vorstellung am 7. Oktober). Michele C. Ferrari