SCHABLONEN UND SCHEMEN

 

Nachdem sich der Winter in Schwetzingen der Heidelberger Oper von 2011 bis 2017 erfolgreich der neapolitanischen Oper widmete und mit seltenen Werken von Scarlatti, Porpora, Traetta, Jommeli, Vinci und Hasse positiv von sich reden machte, wählte man für diese Saison eine 1720 in Venedig uraufgeführte Oper von Antonio Vivaldi. Mit La verità in cimento hat man musikalisch einiges zu bieten, die Inszenierung erstarrt allerdings in Schablonen und Schemen und findet keinen roten Faden durch die Wirrungen der Handlungen. La verità in cimento – Die Wahrheit auf dem Prüfstand ist ein Drama aus dem orientalischen Serail. Sultan Mamud schwängerte zeitgleich seine Frau Rustena und seine Geliebte Damira. Nach der gemeinsamen Geburt vertauschte er aus Liebe zur Geliebten die beiden Söhne, Rustena zieht unwissentlich den illegitimen Bastard Melindo auf, Damira hingegen wissentlich den legitimen Sohn Zelim. Die Handlung setzt ein, als Mamud zwei Jahrzehnte später das schlechte Gewissen plagt und seinen Tausch gesteht. Die Wahrheit steht auf dem Prüfstand, die Masken fallen, falsche Rollen, falsche Erwartungen, falsche Mütter, (Stief)Söhne und Halbbrüder – und im Kreuzfeuer der Aufregung und Empörung sind Mamud und sein Erbe, Herrschafts- und Versorgungsansprüche. Die ideale Bühne für die Selbstdarstellung des Egos im Affekt. Verkompliziert wird die Familienenthüllung durch die geplante Heirat des Herrschersohns mit Rosane – einer Tochter aus bestem Haus. Erst ist sie für Melindo vorgesehen, dann soll sie doch Zelim nehmen, letztendlich kommt es anders: Zelim erbt das Reich seines Vaters, Melindo heiratet Rosane und wird Herrscher in ihrem Reich. Falsches Bewusstsein und falsches Sein – es steckt einiges Interpretationspotential in dieser Oper über Lebenslügen und Lebensgeschick.

„La verita in cimento“ von Vivaldi beim Schwetzinger Winter 2018/ Szene/ Foto wie auch oben Ludwig Olah

Schon vor dreihundert Jahren wirkte die Handlung so konstruiert, dass man sie in einem Serail spielen ließ, heute bieten sich weitergehende Möglichkeiten der Gesellschaftskritik, die Regisseurin Yona Kim jedoch nicht ansatzweise in den Griff bekommt. Dass ihre Inszenierung unbeholfen von Sackgasse zu Sackgasse irrt, liegt in diesem Fall in einer gedankenlosen Aktualisierung. Eine heutige Patchwork-Familie ist weder ein adäquates Beispiel für eine Herrschaftsdynastie noch für ein ominöses Patriarchat als pauschales Feindbild. Das glückliche Barockfinale will die Regisseurin nicht durchgehen lassen – der Hass siegt in dieser Inszenierung. Die Regie versucht sich dadurch quasi an einem Tatort ohne Kommissar – einem mörderischen Familiendrama in den besten Kreisen. Die Bühne ist eine Wohnung, glatt und schick, blasse Pastelltöne herrschen vor: beige, hellgrün, braun. Die Figuren haben Stil und sind schick bekleidet (Bühne: Jan Freese, Kostüme: Falk Bauer). Rustena ist die böse Stiefmutter, die ihrem Ziehsohn nicht genügend Liebe gegeben hat, und eine Giftmörderin, die Mamuds Geheimnisverrat des vertauschten Kindes am Ende mit dem Tod bestraft. Damira lässt sie den Giftmord begehen, zuvor fand sie wiederholt nicht den Mut, ihren Mann zu erschießen. Zelim ist ein verschüchterter Teenager, Melindo hingegen verzogen, beide sind gegenüber Rosane gewalttätig, ohne dass die Mütter einschreiten. Was Rosane an den beiden findet oder wieso sie überhaupt einen von beiden heiraten muss bleibt im Vagen. Überhaupt gelingt es der Regie nicht, unter die Oberfläche zu gehen, die Persönlichkeiten, Facetten und Brüche bleiben Behauptung, die Figurenkonstellation ist nicht schlüssig, man hangelt sich von inszenatorischem Versatzstück zu Versatzstück ohne dass man sich einem Kern nähert. Eine dramatische Fallhöhe lässt sich so nicht aufbauen, die Inszenierung bleibt Fassade und Andeutung. Man hat das Tohuwabohu dieser affektreichen Oper deutlich gekürzt: Arien, Dacapo-Teile von Arien und Rezitative entfallen, knapp zwei Stunden Musik bleiben übrig, darunter sind einige Höhepunkte, bspw. das traumhafte Terzett „Aure placide, e serene“ und das Quintett „Anima mia, mio ben“ sowie einige bemerkenswerte Arien, die von sehr gut aufgelegten und homogen agierenden Sängern bravourös interpretiert werden. Als Sultan Mamud singt Francisco Fernández-Rueda mit schönem, offenem Tenor, seine Figur behält beim Geständnis „Mi fè reo l’amor d’un figlio“ ihre Würde. Seine Gattin Rustena ist bei Shahar Lavi eine kühle, kontrollierte Schönheit mit warmer Stimme. Franziska Gottwald als gerissene, intrigante und verschlagene Damira zeigt die dunklen Seite ihres charaktervollen Mezzosoprans. Unbedingt merken sollte man sich Francesca Lombardi Mazzulli, die als Rosane agil und audrucksstark den stärksten Eindruck hinterließ, vom lieblichen „Solo quella guancia bella“ über das melodiöse „Amato ben tu sei la mia speranza“ zum erregten und koloraturreichen „Con cento, e cento baci“ stimmt bei ihr jede Nuance. Zwei Countertenöre benötigt die Aufführung dieses Werkes, welche mit David DQ Lee als Melindo und Philipp Mathmann als Zelim besetzt sind. Lee schien anfänglich etwas belegt und kurzatmig, steigerte sich dann aber zusehends. Die wirkungsvollste Arie der Oper „Crudele, tu brami“, bei der er in Koloraturwettstreit mit der Trompete tritt, gelang ihm ordentlich und viril. Mathmann muss man sich merken, eine weiche, hohe Stimme ohne Schärfen oder Farblosigkeiten, es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, bis er an den renommierten Barock-Orten Auftritte bekommt. Die historisch informiert spielenden Heidelberger Philharmoniker unter der musikalischen Leitung von Davide Perniceni musizieren mit kräftigen Akzenten und vorwärts gerichteten Tempi, die virtuose Piccoloflöte hat als Arienbegleitung besonders auffällige Passagen, Oboen und Trompeten sorgen für schöne Farbtupfer. (4 weitere Termine im Januar: 13./15./19./25.01.2019) Marcus Budwitius