Russisches am Mittelmeer

 

Die Produktion von Boris Godunov, die es diesen Februar an der Opéra de Marseille zu sehen und zu hören gab, ist 2010 für Liège entstanden, wo damals das Opernhaus renoviert wurde. Seine für die sehr breite Bühne des Ausweichzelts entstandene Inszenierung und Ausstattung hat Petrika Ionesco geschickt ans koventionellere Marseiller Haus angepasst. Die phantasievollen Bühnenbilder und Kostüme zitieren, ohne ungefiltert realistisch zu sein, sowohl Boris‘ als auch Musorgskijs Epochen, sind hübsch anzuschauen und einheitlich. Ionesco findet immer wieder starke Bilder, die eine Zeit des gewaltsamen Umbruchs deutlich machen ­­– dass zu Beginn der Wirtshausszene etwa im Hintergrund eine Hinrichtung stattfindet, wie sie auch dem falschen Dmitrij droht. Oder der Beginn der Szene im Palast, wo Boris‘ Kinder und die Amme von Bojaren umgeben und beobachtet sind – keine Privatsphäre am Hof. Der Abend kennt keine idyllischen oder entspannten Momente und entwickelt so einen auch szenischen Sog, der folgerichtig in Boris‘ Untergang mündet. Eine weitere Stärke ist die Führung des Chors, dessen nervöse Unruhe, Wankelmütigkeit, aber auch Leiden greifbar werden.

Alexej Tichomirov, in Liège Pimen neben Ruggiero Raimondis Zar, ist nun in jedem Moment Boris, überzeugt durch Natürlichkeit in großen wie kleinen Gesten, mit majestätischen Handbewegungen ebenso wie etwa mit dem schlichten, intimen Abschiedskuss für Fjodor. Manche Details wirken sogar völlig spontan. Sein Gesang ist dem Spiel an Differenziertheit ebenbürtig; er arbeitet zudem auch vom Wort her und artikuliert gestochen scharf. Die farbenreiche Stimme wird in allen Lagen breit geführt, weshalb sie vielleicht in der Höhe etwas weniger Kern besitzt, aber dafür auch dort weich und im Piano eingesetzt werden kann. Die Sterbeszene, die er trägt. wie man es von einem großen Boris erwartet, endet mit einem jähen, untheatralischen und dadurch umso eindrücklicheren Sturz. Sein eigentlicher Gegenspieler ist hier Pimen, passend zu Nicolas Courjal ungewohnt jung, ein entschlossener und charismatischer Mönch, dessen Monolog im Kloster sich an den anwesenden Schujskij wendet (den Pimen führt statt wie oft umgekehrt). Der Alptraum des fiebernden falschen Dmitrij ist eine Inszenierung Pimens, mit dem Ersterer zur Tat getrieben wird – eine mitleidlose Sicht, aber es geht auf. Courjals intensives Legato und die eher hellen Vokale klingen zwar etwas untypisch für gesungenes Russisch, aber mit der geschmeidigen, sonoren Stimme und der expressiven Gestaltung ist das einfach toll gesungen. Er gibt der Figur eine fast schon ekstatische Intensität und baut die musikalischen Höhepunkte klug auf.

Boris Godunov“ in Marseille/ Szene/ Christian Dresse, courtesy of the Opéra de Marseille

Um bei den Bässen zu bleiben: Wenwei Zhang als Varlaam singt das Kazanlied mächtig, dennoch nicht grob, und den Brief lustig. In der Rolle des zwielichten Bettelmönchs kommt er ungewohnt aus sich heraus und setzt auch seine Größe für eine ungeschlachte Körpersprache ein. Ähnliches gilt für Julien Véronèse als Nikitisch und Polizeioffizier, die er mit Stimmgewalt singen kann, ohne ins Bellen zu verfallen, chapeau! Ventseslav Anastasov entfaltet mit eher gutturalem Bariton sehr schön die langgezogenen Phrasen Schtschelkalovs. Jean-Pierre Furlan als falscher Dmitrij hatt Attacke, Wendigkeit und Glanz in der Stimme und spielt beklemmend einen Getriebenen mit Zucken und Zittern – man wüsste zu gern, wie dieser Usurpator sich Marina gegenüber verhält. Luca Lombardo bietet vokal viel für Schujskij mit  schmelzreicher und höhensicherer Stimme, der leichte Akzent fällt kaum ins Gewicht, und spielt ihn mit Pokerface, das durch gelegentliches Grinsen in unbeobachteten Momenten schön aufgebrochen wird. Christophe Berry beherrscht die Bühne, sobald sein Jurodivyj auftritt. Die zum Himmel ausgestreckte, haschende Hand (will er den Mond fangen?) ist ein einprägsames Bild, konsequent gespielt und mit zwischen Strahlen und Ernst kippender Mimik perfekt ergänzt. Er singt expressiv, mit leicht meckerndem Klang – aber das hatte Ivan Kozlovskij auch… Marie-Ange Todorovitch ist sehr präsent mit substanzreichem Alt als Wirtin und Amme, Ludivine Gombert singt Ksenija ausgezeichnet, Caroline Meng den Fjodor eher eng und weinerlich, aber kompetent. Rollendeckend Marc Larcher als Misail, JeanMarie Delpas ist als Mitjuch ein Bär von einem Mann und stimmlich sehr präsent.

Der Chor unter Emmanuel Trenque und Nino Pavlenichvili schlägt sich hervorragend, v.a., wenn man bedenkt, dass sie für die großen Klage- und Jubelgesänge eigentlich zu wenige sind (nur der Tenor ist erstaunlich kräftig); die Aussprache ist generell gut, nur Mitjuch enthalten sie sein „ch“ vor. Paolo Arrivabeni am Pult bedient die karge, aber zu Unrecht für ungeschickt gehaltene Orchestration Musorgskijs (in der Edition von Michail Rot) bestens, erzielt mit dem Orchester idiomatische Klangfarben und baut tolle Steigerungen und Verlorenheiten auf (Foto oben: „Boris Godunov“ in Marseille/ Christian Dresse, courtesy of the Opéra de Marseille). Samuel Zinsli