Russische Veilchen

 

 

 Mindestens so tückisch wie das Norovirus ist ein Strauß vergifteter Veilchen, den Anna Netrebko in Cileas Adriana Lecouvreur wegen eben jenes Virus nicht entgegennehmen konnte. Das Festspielhaus Baden-Baden, empfindlich durch die Absage der Netrebko und ihres Gatten Yusif Eyvazov getroffen, hatte umgehend Ersatz für Adriana Lecouvreur und ihren sächsischen Grafen Moritz parat. Nur kurz mussten das Mariinsky Theater und Valery Gergiev auf ihre Ensembleliste schauen und schon war die Wahl auf Tatiana Serjan gefallen, die wenige Tage später beim Verbier Festival sowieso für die Partie vorgesehen war. Man kennt sie als Lady Macbeth, Odabella oder Abigaille, also für jene kraftvollen Frauen, die mit kräftigeren Bandagen kämpfen als die Schauspielerin der Comédie Française, deren Tod Eugène Scribe in seinem Fünfakter thematisierte, den Arturo Colautti für Francesco Cilea als Opernstoff umgestaltete. Das Publikum im Festspielhaus hätte Netrebko nicht intensiver an ihren kostbaren Lippen hängen können als der Serjan, die das riesige Haus mühelos mit ihrem interessant timbrierten, üppig dunklen, in der Tiefe opulenten und nur in der Höhe ein wenig engen Sopran füllte, die Text und Musik so intensiv auskostete, dass das lange Sterben keine Sekunde zu lang währte. Sie ist nicht das „fragile strumento“ und keiner wird ihr glauben, ihre Stimme sei nur ein Hauch („un soffio è la mia voce“), da könnte man sich ein zerbrechlichere Weichzeichnung, eine intensivere Rokokoduftigkeit wünschen, doch diese Adriana ist für mich eine vollblütige Vertreterin der Oper nach 1900, eines mit französischer Massenet-Eleganz durchtränkten Verismo mit Erinnerung an manche Belcantolinien.

„Adriana Lecouvreur“ im Festspielhaus Baden-Baden/ Szene/ Foto wie auch oben  Andrea Kremper

Vollblütiger Einsatz ist auch für die Rivalität mit der Principessa di Bouillon gefragt, die Ekaterina Semenchuk ohne ordinäres Chargieren singt, aber doch mit hinreichend dunkler Brustimme ihr Verlangen zum Ausdruck bringt. Die Partie ist vertrackt, zu tief, zu hoch, zu undankbar, mit Geschmack ist sie kaum zu bewältigen. Semenchuk und Serjan geben ein gut abgetöntes, dramatisch intensives Doppel ab, das ein würdigeres Objekt der Begierde als Migran Agadzhanyans Maurizio verdient gehabt hätte, der mit wenig Raffinement und durchgehend lautem Tenor wenig aus den kleinen Preziosen „La dolcissima effigie“ und „L’anima ho stanca“ machte. Da hätte man Adriana eher den treuen Michonnet gegönnt. Mit noch fast jugendlich schwermütigen Bariton machte Alexei Markov aus dem Spielleiter der Comédie-Française, der sich nie traut, Adriana seine Liebe zu gestehen, die vierte Hauptfigur. Durchgehend ausgezeichnet besetzt, mit Ausnahme des Fürsten, waren alle weiteren Partien, der geifernde Abbé (Alexander Mikhailov) sowie die Comédiens Jouvenot und Dangeville mit Anna Denisova und Marina Mareskina und Quinault und Poisson mit Gleb Peryazev und Mikhail Makarov. Nicht erwartet hätte ich, dass Valery Gergiev sich mit so viel Enthusiasmus und Sensibilität in das Geschehen einbringt, und das Mariinsky-Orchester diese Musik so streicherweich und mit der Glut eines Tschaikowsky-Oper spielen würde. Derart orchestral aufbrausend erlebt man Adriana Lecouvreur nicht häufig (23. Juli 2018).

Isabelle Partiot-Pieri führte ohne großes Aufhebens durch die verschlungenen Gänge der Comédie-Française wie von Scribes piece bien faite – pikanterweise war das Bett im zweiten Akt mit einem schönen Irrgarten geziert, der erste Akt wirkte doch etwas zirkushafter als man die Comédie-Française in Erinnerung hat – doch das war alles recht praktikabel breitwandmäßig umgesetzt. Als Referenz vor dem Filmausstatter Christian Gasc (u.a. Chocolat), der in Filmen von Téchiné, Truffaut und Godard drei Generationen von Schauspielerinnen einkleidete und im Ballett des dritten Aktes schwelgen durfte, gönnte sich Partiot-Pieri kurze, mit Pferdehufen und Geräuschen unterlegte schwarz-weiß Filmchen zur Einstimmung auf die einzelnen Akte, die zeigen, wie Adriennes Leichnam im Massengrab beigesetzt wird oder man ein vergiftetes Blumensträußchen bereitet. Wieder etwas gelernt. Hübsch. Rolf Fath