Ruin per Internet

 

Prokofjevs Oper Der Spieler nach dem gleichnamigen Dostoevskij-Roman holt Vasilij Barchatov in Basel in die Gegenwart. Spielsucht ist schließlich auch heute noch ein aktuelles Thema, anders als andere Opernsujets wie Jungfräulichkeit, Familienehre oder Tuberkulose. Nur ruinieren sich heute viele Spielsüchtige (oder gar die Mehrheit?) nicht mehr in Casinos feiner Kurorte wie Prokofjevs „Roulettenburg“, sondern per Internet. Auf dieser Erkenntnis beruht Barchatovs eindrückliche Inszenierung. Zinovij Margulin hat ihm dafür ein dreistöckiges Wohnheim mit Zimmern und Gemeinschaftsräumen (Küche, Wohnzimmer, Waschküche) auf die Bühne gestellt, einen nüchternen Bau von großer Wirkung und Bespielbarkeit, der auch ohne Schäbigkeit oder Verfallsspuren trostlos wirkt. Hier lebt u.a. die Familie des Generals, die aufs große Geld hofft, sei es durch Glücksspiel oder durch den sehnlichst erwarteten Tod der Großmutter im fernen St. Petersburg. Statt unter noblen Kurgästen spielt sich die Handlung innerhalb der Logiergäste des Heims ab, was auch gut funktioniert. Endlich sieht man einmal die Kinder des Generals auf der Bühne, deren Hauslehrer der Protagonist Alexej ist. Was fehlt, ist die prunkvolle Fassade (der Umgebung wie der Personen), die allmählich zerbröckelt – die Verkrachtheit der Existenzen ist von Anfang an klar. Das verändert die Dynamik des Stücks, und doch scheint mir das verschmerzbar. Ganz ehrlich: Ich mag das Stück sehr gern, habe aber noch keine Produktion gesehen, die nicht erst mit dem Auftritt der todkrankgeglaubten Großmutter im letzten Bild vor der Pause so richtig Fahrt aufnimmt. Den stärksten Eindruck hinterlässt auch hier das Casinobild mit dem rasenden Roulette im Orchester, denn da gelingt Barchatov ein genialer Kniff: In den Zimmern des obersten Stocks sieht man Internetcroupiers (halb IT-Spezialist/-innen, halb Moderator/-innen), auf die Wände der unteren beiden Stockwerke werden Spielerinnen und Spieler an ihren Computern projiziert, wie ihre Webcams sie sehen. Und das alles live, Alexej und die anderen Casino“besucher/-innen“ werden direkt übertragen (Videos: 2BLCK). Die Chormitglieder in Solorollen singen hinter der Bühne und werden auch akustisch verstärkt, ein Kompromiss, mit dem man für das starke Bild sicher leben kann. Die im Original fast 20 Rollen wurden auf 5 Spielende, die beiden Croupiers und den Casinodirektor zusammengestrichen, die beiden Engländer werden chorisch gesungen (logisch, sie sind reine Beobachter, was bei es bei einem Onlinecasino nicht geben kann…). Olga Shaishmelashvili steuert großartig charakterisierende Kostüme bei, die nie die schmale Grenze zur Karikatur überschreiten.

Prokofjevs Oper „Der Spieler“ am Theater Basel/ Szene/Foto wie auch oben Priska Kettere

Dmitry Golovnin kann die lange und kräftezehrende Rolle des Alexej nicht nur souverän singen, sondern auch spielen, den Hauslehrer mit der prekären Zwischenstellung in der Generalsfamilie, der aus (ziemlich aussichtsloser, wie alle außer ihm sehen) Verliebtheit in Polina zum tollkühnen Spieler wird und doch unsere Sympathien und unser Interesse behält, eine grandiose Tour de force, bei der er uns bis zuletzt im Zweifel lässt, wo bei ihm der Wahnsinn beginnt. Die Stimme hat in den letzten Jahren an Fülle gewonnen und kommt problemlos übers Orchester, und das mit hoher Textdeutlichkeit und der bei diesem Sänger selbstverständlichen intelligenten Interpretation. Asmik Grigorjan gibt die Polina als unkomplizierte und recht pragmatische junge Frau, weniger launisch, als ich sie aus Roman und anderen Inszenierungen in Erinnerung hatte; ihre Ausbrüche gegenüber Alexej kommen denn auch (vor allem im letzten Bild) recht überraschend – man gewinnt gar den Eindruck, sie manipuliere gar niemanden. Ihre Rolle scheint mir dadurch vergleichsweise schwächer zu werden, was schade ist, aber nicht gravierend. Ihre schöne lyrische Stimme kann die Sängerin in dramatischen Momenten verblüffend expandieren, Prokofjevs aus der Prosa entwickeltes melodisches Rezitativ verbindet sie mit schönem Legato. Als Großmutter in weißer Daunenjacke platzt die großartige Jane Henschel in die nicht allzu gute Stube, verteilt russische Ramschsouvenirs von Ikonen bis Vodka und faltet dabei die ganze Erbschleichergesellschaft gehörig zusammen. Ihr bald 70jähriger Mezzo ist in blendender Verfassung, ihr Russisch nicht ganz akzentfrei, aber flüssig und gut verständlich. Ob sie ihren Überraschungsbesuch auskostet, fieberhaft am Computer Millionen verspielt oder sich reumütig verabschiedet (und nach Hause zu ihrem geschrumpften Vermögen fährt, wo sie zur Buße zwei Kirchen bauen lassen wird…), sie beherrscht die Bühne mit einer fabelhaften Charakterstudie. Pavlo Hunka als General kann da nicht ganz mithalten – sein Bassbariton stößt bei dieser echten Basspartie an seine Grenzen, das etwas trockene Timbre klingt in der Tiefe knorrig und zu dünn, im oberen Register kann er dafür schön poltern. Szenisch ist mir das alles etwas zu kauzig-drollig; Hunka spielt das sehr schön, aber die Figur sollte meinem Verständnis nach kein harmloser Buffo sein, da fehlen mir die pompösen und egozentrischen Züge. Lauter profilierte Charaktere tummeln sich drum herum, Kristina Stanek als Blanche, die pragmatische Verlobte des Generals (solange er Aussicht auf Geld hat), die am Ende, als sie beide alles verloren haben, sich zu Alexej setzt; der herrlich zwielichtige, in seinem Zimmer Hanteln stemmende Marquis von Rolf Romei (schön, die Rolle einmal nicht von einem Charaktertenor, sondern von einer jugendlich-dramatischen Stimme zu hören – und Akzent darf der französische Marquis natürlich haben); Pavol Kuban als liebenswürdiger Mr. Astley mit warmem Bariton; der angemessen skurrile Fürst Nilskij von Karl-Heinz Brandt; Vivian Zatta als Potapitsch, der unbeirrbare Butler der Großmutter. Kompetent Andrew Murphy als Baron Würmerhelm und Casinodirektor; seine beiden Croupiers sind André Schann (der mehr von den Ansagen in hoher Lage zu singen hat und etwas heiser klingt) und Ingo Anders. Aus dem Casinopublikum ragt der Tenor von Vahan Markaryan dank Glanz und Diktion heraus, aber auch Luis Conte, Hendrik J. Köhler,Eva Buffoni und Frauke Willimczik machen ihre Sache ausgezeichnet, ebenso ihre Kolleginnen und Kollegen des von Michael Clark geleiteten Chors.

Modestas Pitrenas am Pult nimmt in der Regel zügige Tempi und findet für die Klangsprache eine gute Balance zwischen nicht allzu spätromantisch und nicht allzu mechanisch, man hört dem Werk sowohl an, wo es herkommt, als auch, wohin der Weg des Musiktheaters im 20. Jahrhundert noch führen wird. Den Sängerinnen und Sängern ist er ein aufmerksamer, trotz kräftigen Orchesterfarben sie nie zudeckender Begleiter. Samuel Zinsli