Romantisch düster

 

Königin zu sein war in früheren Jahrhunderten kein rosa-roter Prinzessinnen-Job. Geheiratet wurde nicht aus Liebe, sondern zu einem bestimmtem Zweck: männliche Nachkommen zu zeugen, die später als militärisch-politische Oberbefehlshaber das Erbe schützen sollten. Idealerweise kamen die zukünftigen Königinnen aus anderen bedeutenden dynastischen Familien, deren Unterstützung man sich dadurch sicherte. Anna Boleyn sollte einfach nur den Thronfolger des Hauses Tudor gebären. Das gelang und gelang nicht: kein Sohn, dafür eine epochemachende Tochter: Elisabeth I., die zwar 45 Jahre Königin sein sollte, aber kinderlos starb. Der Dynastie ihres Vaters, der ihre Mutter enthaupten ließ, verweigerte sie sich. Die Tudors starben aus. Donizettis Anna Bolena ist große romantisch-tragische Belcanto- und Primadonnen-Oper. Der englische König Heinrich VIII. bezichtigt seine Ehefrau Anna Boleyn der Untreue und läßt sie letztendlich hinrichten, um seine neue Favoritin Jane Seymour heiraten zu können – das bedeutet die größtmögliche Fallhöhe für eine Königin. Um dieses Beziehungsdreieck zwischen Anna, Heinrich und Jane geht es in Donizettis Oper, die das historische Drama als Grundlage für eine tragische Figurenkonstellation nimmt. Kostüme und Ambiente der neuen Produktion des Badischen Staatstheaters sind historisch, Heinrich VIII. ist Heinrich VIII., er sieht aus, als wäre er einem Bild Hans Holbeins entsprungen.

„Anna Bolena“ in Karlsruhe/ Szene/ Foto wie oben Falk von Traubenberg

Die Kostüme von Moritz Junge nehmen die Epoche auf. Die Regisseurin Irina Brown verriet, dass Bühnenbildner Dick Bird sein Bühnenbild „nicht so gemeint“ hat wie es wirkt. Es sieht aus wie ein „stilisiertes Schloss„, soll aber „eine Maschine“ sein. Bird „hat sich dann von den sogenannten Armada Chests inspirieren lassen, den Tresorkisten mit ihren komplizierten Verschlusssystemen, in denen im 17. Jahrhundert die Schätze aus den Kolonien nach Europa transportiert wurden. …. Es ist ein Raum, der einem keine Luft zum Atmen lässt. Er öffnet sich nur, um entweder die Macht des Königs zu demonstrieren oder Menschen zu verschlingen. Und seine Farbe ist die von Rüstungen„. Die Absicht hätte ohne Erklärung niemand erkannt und selbst mit Erläuterung bleibt sie stecken. Zu sehen ist etwas Burgähnliches, dessen Oberfläche metallen glänzt.. Die Lichtregie von Stefan Woinke wertet die Bühne stark auf und verleiht ihr einen stimmigen atmosphärischen Mehrwert. Anna Bolena ist romantisch düster, man schaut gerne zu, ohne von Musik und Gesang abgelenkt zu werden. Die Personenregie ist im besten Sinn konventionell, sie bleibt sehr eng an Musik und Libretto. Daß Brown während der Ouvertüre den Vorhang lüftet und die vergnügte, hochschwangere Anna eine Fehlgeburt erleiden lässt, ist die einzige Freiheit, die sich die Regisseurin nimmt. Ansonsten erzeugt sie szenische Prägnanz ohne überpsychologische Deutungen oder Verstrickungen und ohne Naturalismus, kein Blut, keine Folterknechte, keine Kerkerenge. In allem ist die Szenerie zurückgenommen, die Figuren brechen nie aus und fügen sich ins Unvermeidliche. Die wunderbaren Duette und Ensembles sind auch Auseinandersetzungen, bei Brown bleiben sie jedoch statisch und gewinnen ihre Dramatik nur durch den Gesang. Manchmal – wie in der großen Schlusssequenz mit Wahnsinnsszene – kann man sich als Zuschauer ein wenig mehr Originalität wünschen, die wichtigste Szene ist nur routiniert, eine umher irrende, torkelnde und etwas tänzelnde Anna lotet den emotionalen Gehalt zu schwach aus. Eine ordentliche, aber verhaltene Produktion, die noch Luft nach oben gehabt hätte. Das Publikum jubelte dennoch ostentativ einer zurückhaltenden Inszenierung zu, die frei von Regie-Eitelkeiten ist.

Die Titelrolle in der Premiere sang tapfer das langjährige Karlsruher Ensemble-Mitglied Ina Schlingensiepen, die eine sehr gute Adina ist, auch eine berührende Violetta – eine Anna Bolena war sie bei der Premiere leider nicht. Ihrer Stimme gelingt die Elegie, ihr fehlen Pathos und Dramatik, zu abwechslungslos interpretiert sie ihre Figur fragil und lyrisch. Annas große Sterbeszene fehlt komplett die Tragik, keine expressive Koloraturen, kaum emotional überzeugende Phrasierungen, geschweige denn verborgene Akzente oder Abgründe. Schlingensiegen sang zwar die Wahnsinnsszene, doch ihr gelang dabei nicht die Darstellung der Größe einer Königin. Die Gewissensbisse der Jane Seymour waren da um ein vielfaches dramatischer und bewegender. Als Giovanna ist die polnische Juilliard School-Absolventin Ewa Plonka zu hören, deren Tessitur der Rolle sehr gut entsprach und deren Interpretation im Vergleich zu Schlingensiepen besser Hoffnung, Entsetzen und Angst ausdrückten sowie ihrer Figur stärkere Statur und Größe gab. Jane Seymour war bei der Premiere die passendere Königin für den englischen Thron. Ein klares Ungleichgewicht zwischen den Rivalinnen zugunsten Ewa Plonkas. Als Zweitbesetzung für Anna Bolena hat man in Karlsruhe die junge amerikanische Sopranistin Shelley Jackson engagiert, die die Kluft hoffentlich schließen kann. Nicholas Brownlee gibt Heinrich VIII. ein starkes Profil – sängerisch meistert er die langen Ariosi mit differenziertem Ton und starker Stimme, darstellerisch ist er mit überzeugender Präsenz (Brownlee erinnert an den jungen Peter Ustinov), sein König ist kein Sadist, sondern ein Souverän, der das Staatswohl im Auge hat und dessen Ehefrau ihre biologische Aufgabe zu erfüllen hat. Für den amerikanischen Bassbariton ein perfekter Auftritt. Eleazar Rodriguez als Percy hatte einen tadellosen Abend, auch die hohen Töne sind bei ihm nie gepresst und glanzlos, nie schrill oder schreiend, der Mexikaner sang mit geschmeidiger, offener Stimme. Ohne Fehl und Tadel der Badische Staatsopernchor sowie in den kleineren Rollen Dilara Baştar  (Smeton), Cameron Becker (Hervey) und Yang Xu (Lord Rochefort). Daniele Squeo unterstütze die Sänger, dirigierte mit Leidenschaft und Übersicht und trug entscheidenden Anteil zum Erfolg bei. Das Premierenpublikum sparte nicht mit Bravos und lautstarkem Applaus. In der kommenden Spielzeit wird in Karlsruhe Donizettis Roberto Devereux folgen.  Marcus Budwitius