Revolution und Korruption

 

Dantons Tod ist ein Wurf. Das müssen selbst jene zugeben, die Gottfried von Einem eher kritisch gegenüber stehen. Das Werk war bei seiner Uraufführung bei den Salzburger Festspielen 1947 ein Sensationserfolg, was sicher auch auf die für die damalige Zeit optimale Besetzung – Ferenc Fricsay am Pult, unter den Sängern u.a. Maria Cebotari und Paul Schöffler – zurückzuführen.war. Noch im selben Jahr kam die Produktion ins Theater an der Wien, dem damaligen Ausweichquartier der Staatsoper. Es gab allerdings nur 4 Aufführungen. 1963 gab es, abermals im Theater an der Wien, eine Produktion der Wr. Festwochen mit Eberhard Wächter in der Titelrolle und dem unvergesslichen Gerhard Stolze als Robespierre. 1967 kam das Werk dann erstmals ins Haus am Ring, erlebte dort allerdings lediglich 17 Aufführungen. Nach nunmehr 46 Jahren giibt es nun zum 100. Geburtstag des Komponisten, den man durchaus auch zum Anlass nehmen könnte, einmal dessen nicht unumstrittenen kulturpolitischen Aktivitäten unter die Lupe zu nehmen, eine Neuproduktion.

Das Werk entstand unter Mithilfe von Einems Lehrer Boris Blacher, der das Libretto nach dem Drama von Georg Büchner, das er entsprechend verknappte, schuf. Die Musik ist aus Sicht der damaligen Zeit modern, aber auch für konservative Ohren trotzdem hörenswert. Es gibt sehr schöne lyrische Momente, speziell in den Zwischenspielen, aber auch wilde Entladungen, vor allen Dingen in den Massenszenen. Sehr berühremd das Ende, zunächst mit dem lapidar klingenden Gesang der Henker und dann den entrückten Todesphantasien der Lucille.

Von Einems Oper „Dantons Tod“ an der Wiener Staatsoper/ Foto wie auch oben Pöhn

Die Aufführung an der Wiener Staatsoper (Premiere am 24. 03. 2018) war in ihrer Gesamtsicht gut. Es fehlte allerdings der besondere Moment. Das ist auch auf die Sänger zurückzuführen, die kaum Höhepunkte setzten. So sang Wolfram Koch in der Titelrolle sehr intensiv, aber er blieb trotzdem einiges schuldig. Man glaubte ihm den kritischen Revolutionär, vor dem sich die Machthaber letztlich fürchten, nicht wirklich. Das lag auch daran, dass er auch darstellerisch blass blieb. Olga Beszmertna als Lucile sang zwar schön und auf Linie, vermochte aber wenig zu rühren. Ihr Ausruf am Schluss blieb eher wirkungslos. Herbert Lippert als Camille sang ebenfalls sehr engagiert, hatte aber seine Probleme in der Höhe. Darstellerisch konnte auch er nicht restlos überzeugen. Thomas Ebenstein konnte als Robespierre kaum Gefährlichkeit ausstrahlen, sang aber ordentlich. Ayk Martirossian als Saint-Just blieb gesanglich ebenso im Rahmen, wie er auch darstellerisch kaum Akzente setzte. Stimmgewaltig wat wie immer Wolfgang Bankl als Simon und ebenfalls unauffällig Jörg Schneider in der zugegebenermaßen nicht sehr attraktiven Rolle des Herault.

Das Orchester unter der Leitung von Susanna Mälkki bemühte sich, die Partitur bestmöglich zu realisieren, was auch über weite Strecken gut gelang. Der Chor war von Martin Schebesta hervorragend einstudiert und sang ausgezeichnet.

Die Inszenierung von Josef Ernst Köpplinger tat niemanden weh, wobei er auf jegliche Art von Aktualisierung verzichtete. Allerdings war es weniger eine Regie denn ein Arangement der Sänger und des Chores. Das Bühnenbild von Rainer Sinell war eher abstrakt gehalten. Es stellte eine Art zestörte Fabrikshalle dar, deren Wände verschiedentlich geöffnet und geschlossen wurden. Außerdem lagen verschiedene nicht mehr intakte Gegenstände herum. Die einzelnen Schauplätze wurden durch wenige Versatzstücke angedeutet. Die Kostüme von Alfred Mayerhofer waren der Zeit der Handlung entsprechend und man war froh einmal nicht Alltagskleidung, die ja das größte Übel der meisten heutigen Inszenierungen sind, zu sehen. Am Ende gemäßigter Jubel für alle Beteiligten, keinerlei Missfallensäußerungen gegen das Regieteam. Heinrich Schramm-Schiessl (Mit freundlicher Genehmigung des Online-Merker)

 

„Der Besuch der Alten Dame“ im Theater an der Wien“/ Poster/ Trailer/ Brinkhoff Moegenburg/ VBW

Von Einem-Oper als Musical: Ältere Stammbesucher der Wr. Staatsoper werden sich vielleicht noch an den 23. Mai 1971 erinnern, als Gottfried von Einems vierte Oper uraufgeführt wurde: Der Besuch der alten Dame. Es war damals durchaus ein Publikumserfolg, wobei das in erster Linie wohl auf die zweifelsohne gelungene Produktion in der Inszenierung von Otto Schenk mit dem Protagonistenpaar Christa Ludwig und Eberhard Wächter zurückzuführen war. Manche meinten sogar, dass hier endlich wieder ein echtes Repertoirewerk entstanden sei – ein Prognose, die sich im Rückblick als falsch erweisen sollte. Zwar wurde das Werk bald danach an einigen deutschen Häusern nachgespielt, aber eine Nachhaltigkeit war nicht gegeben. Letztlich kamen Produktionen dann zustande, wenn sich große Sängerinnen für die Hauptrolle interessierten, wie z.B. Regina Resnik (San Francisco 1972) oder Magda Olivero (Neapel 1977). In Wien hielt sich das Werk mit Unterbrechungen bis zum März 1989, u.a. mit Astrid Varnay oder Kerstin Meyer, im Repertoire, was jedoch weniger dem eher endenwollenden Publikumsinteresse als dem kulturpolitischen Einfluss des Komponisten geschuldet war. Für Ende der 80er-Jahre war sogar eine Neueinstudierung mit Leonie Rysanek bereits im Staatsopern-Infoblatt angekündigt, aber aus welchen Gründen immer kam es dann nicht dazu.

Die Alte Dame war nach dem Danton die zweite wirklich erfolgreiche Oper Einems. Er musste allerdings beim Autor des gleichnamigen Theaterstückes, Friedrich Dürrenmatt, viel Überzeugungsarbeit leisten, bis dieser einer Vertonung zustimmte. Angeblich war es eine Aufführung von Dantons Tod in der Staatsoper, die den Dichter überzeugte. Dürrenmatt selbst richtete dann das Libretto ein, was sicher maßgeblichen Anteil am Erfolg hatte. Die Musik Einems ist den Sängern gegenüber freundlich und über weite Strecken rhythmisch angelegt. Sie versteht es aber, die verschiedenen Gefühlsregungen musikalisch stark zu illustrieren bzw. dramaturgische Höhepunkte entsprechend zu verstärken  Es gibt zum Teil durchaus kühne Klangfärbungen und in den Szenen im Konradsweilerwald sind auch interessante Naturelemente zu hören.

Die nunmehrige Produktion im Theater an der Wien  ist gut (3.Vorstellung am 20.3.2018), hinterlässt aber doch einige zwiespältige Eindrücke. Das liegt in erster Linie an der Sängerin der Titelpartie. Katarina Karnéus fehlt für diese Rolle etwas der dramatische Unterbau ihrer Stimme, was daher rührt, daß die Tiefe nicht sehr ausgeprägt ist. Da die Stimme außerdem in der extremen Höhe etwas schrill klingt wirken die dramatischen Entladungen eher geschrien denn gesungen. Darstellerisch konnte man zufrieden sein, auch wenn etwas mehr Persönlichkeit kein Fehler wäre. Sehr gut war hingegen der Ill des Russell Braun. Er achtet trotz aller dramatischen Ausbrüche immer auf die Gesangslinie und schafft alle Klippen der Rolle nahezu mühelos. Auch seine Rollengestaltung ist durchaus beeindruckend. Sehr gut auch der Bürgermeister des Raymond Very. Er beginnt zwar etwas vorsichtig, aber in den dramatischen Stellen kommt ihm seine heldisch gefärbte, leicht ins Charakterfach neigende Stimme sehr entgegen. Darstellerisch hätte man sich vielleicht etwas mehr Skurrilität gewünscht. Stimmlich ausgezeichnet war Adrian Eröd als Lehrer, blieb aber darstellerisch gegenüber sonstigen Rolleninterpretationen merkwürdig blass. Markus Butter war ein jugendlich lockerer Pfarrer der stimmlich zufrieden stellte. Enttäuschend war für mich der Butler des Mark Milhofer. Er war stimmlich einigermaßen überfordert und als Figur praktisch nicht vorhanden. Vor allen Dingen in seiner großen Szene im dritten Bild fehlte jede deklamatorische Schärfe. Alle übrigen Rollen war ordentlich besetzt.

„Der Besuch der Alten Dame“ im Theater an der Wien“/Szene/ Brinkhoff Moegenburg/ VBW

Eine ausgezeichnete Leistung bot das RSO-Wien unter Michael Boder. Boder zählt ja zu den Spezialisten für die Musik des 20. Jahrhunderts. Er realisierte die für das Orchester ziemlich schwierige Partitur ausgezeichnet, setzte die Höhepunkt dort, wo sie angebracht sind. vergaß aber auch in den lyrischen Momenten nicht auf die Feinheit des Klanges. Der Arnold Schönberg-Chor (Einstudierung: Erwin Ortner) sang wie immer ausgezeichnet.

Die Inszenierung von Keith Warner war librettogetreu mit einigen Merkwürdigkeiten. So mussten manche Figuren und vor allen Dingen der Chor manchmal im Takt der Musik ziemlich zappelig agieren. Ich werde wohl nie begreifen, warum in heutigen Inszenierung fast immer alles in Bewegung sein muss. Warum Warner das letzte Bild als Faschingsveranstaltung interpretiert, hat sich mir nicht wirklich erschlossen. In den Szenen im Konradsweilerwald fehlte mir zudem etwas Natur. Die Ausstattung von David Fielding war von den Bühnenbildern her praktibel und durchaus werkentsprechend. Seine Kostüme passten zum Stück. Am Ende gab es verhaltenen Jubel für Sänger und Dirigenten. Heinrich Schramm-Schiessl (Mit freundlicher Genehmigung des Online-Merker)