„Rêves heureux…“

 

Nun endlich, nach so vielen Jahren des Wartens, bescherte der Opernhimmel fast uneingeschränktes Glück: Halévys Grand opéra La Reine de Chypre im Pariser Théâtre des Champs-Elysées am 9. Juni 2017 im Rahmen des 5Palazetto-Opernfestivals, über die in operalounge.de so viel berichtet wurde (auch über die andere, szenisch aufgeführte Oper: Kollege Rolf Fath hat eine amüsante Kritik über den etwas lässlichen Beitrag von Saint-Saens´ Timbre d´argent geschrieben – warum verfolgt der Palazetto nur diese Schiene der entbehrlichen Werke, von deren Komponisten doch wirklich genügend bekannt ist? Auch ist die Reduzierung der Oper Phèdre von Lemoyne auf eine akuteste Kammerbesetzung bei den Opéra Bouffes du Nord auch nicht gerade der Weisheit letzter Schluss…) Es war die zypriotische Königin (in Volker Tostas Ausgabe von der Edition Nordstern), die das Rennen machte, die Ohr und Geist erfreute und die das Genré der Grand opéra zum Besten vorführte. Und über die Oper selbst ist hier bei operalounge.de ja alles gesagt.

„La reine de Chypre“ im Konzert/ Foto Gaelle Astier Perret/ Palazetto Bru Zane

Sicher, als die Absage nun auch des zweiten Tenors (nach dem originalen Marc Laho) für die Duprez-Partie des Gérard bekannt wurde, seufzte der angereiste Besucher am Morgen des 9. Juni tief auf, und natürlich konnte Sébastien Droy kein ausreichender Ersatz sein, hatte er die Noten doch erst vormittags bekommen. Aber um der Ehre willen muss man auch sagen, dass er wirklich alles und dies mit Erfolg gab, um die Figur des schmachtenden Liebhabers mit ihren mehr als anspruchsvollen musikalischen Anforderungen (Duprez eben) zu skizzieren. Den vielen fast unmenschlichen hohen Noten kam er geschickt mit starkem Einsatz der Kopfstimme bei und sang an den entscheidenden Stellen und vor allem im 5. Akt mit Engagement und leidenschaftlichem  Elan – eine bewundernswerte Leistung, die den rappelvollen Abend rettete.

Der konzertante Abend (mit Übertiteln) profitierte vor allem vom erstklassigen Französisch der durchweg frankophonen Èquipe – das war französische Diktion vom feinsten, das eben führte vor, was französische Oper ist: gesungene Deklamation, wozu die langen Parlandi der Oper ausreichend Gelegenheit gaben, darin La Juive ähnlich. Und bevor sich eine Hand des Protestes regt: Dies gilt auch für Christophoros Stamboglis in der Partie des venezianischen Senators Andrea, dessen angedrohter Tod durch den Bösewicht Moncénigo der Auslöser für die Handlung ist. Stamboglis hat viel in Frankreich und viel Französisches gesungen und machte einen erstklassigen Bass-Job. Bemerkenswert war Eric Huchet mit markantem Tenor in der Partie des erwähnten Fieslings Moincénigo, dessen Erpressung das junge Liebespaar Catarina und Gérard trennt und sie auf den Thron von Zypern bringt, wo König Lusignano unwissentlich dem Konkurrenten erst das Leben rettet und ihm anschließend – von Moncinégo vergiftet – Thron, Frau und Kind übergibt. Was für ein Finale. Mit allem Drum-und-Dran.

Wie in Monte-Carlo als französischer Wolfram beeindruckte als großherziger König der Bariton Étienne Dupuis mit schön geführter Stimme, mit zum Teil wirklich balsamischen Noten und markantem Timbre – eine Besetzung de luxe. Und sie? La reine même? Ganz wunderbar! Véronique Gens, die Hausprimadonna des Palazetto auf so vielen Aufnahmen und ganz neu mit einem bemerkenswertem Album französischer Arien der Romantik bei Alpha war in Bestform. Die Stimme weit und im Timbre dunkel, falcon-gleich und absolut ideal für diese Partie der Catarina Cornaro, der sie Drama, Zärtlichkeit und Fraulichkeit verlieh, die Tiefen durchaus auch mal brustig und die Höhen sicher und leuchtend. Zudem ist ihre Deklamation viel prägnanter geworden. Artavazd Sargsyan und Tomislav Lavoie ergänzten angenehm in den kleinen Partien. Es war wirklich ein Erlebnis, eine fast ausschließlich französische Besetzung zu erleben, der Frau Gens die Krone aufsetzte. Vraiment une reine.

Am Pult des schlagkräftigen flämischen Radio-Chores und des Orchestre de chambre de Paris stand Hervé  Niquet, der launige Zwischenbemerkungen verteilte, Ortsführungen machte und den eingesprungenen Tenor ehrte. Er zeigte eine straffe Hand, trieb die Tempi und das Volumen voran, hatte Zeit für die emotionalen Momente, aber eben auch den Drive für das Drama – eine mehr als gelungene musikalische Ergänzung zu den hervorragenden Sängern. Das Herz des Melomanen schien fast zu bersten vor Glück! Und die für den Oktober 2017 vorgesehene CD bei den Ediciones Singulares wird Cyrill Dubois (der zweite und ebenfalls erkrankte Gérard)  in der Tenorpartie  re-installieren. Aber sein „Ersatz“ Sébastien Droy soll nicht vergessen werden. Danke! Stefan Lauter