Reise-Prinz

 

Es ist viel los im Staate Dänemark. Hamlet, der Prinz im Zwiespalt, beschäftigt die Gemüter nach wie vor. In Bregenz wurde letzten Sommer Faccios erstaunlicher Amleto aus dem Dornröschenschlaf geweckt, das Theater St. Gallen setzt einen Saisonschwerpunkt mit verschiedenen Hamlet-Produktionen (zuletzt am 8.2. eine überaus gelungene Collage aus Schostakowitschs Bühnen- und Filmmusiken opp. 32 & 116 zu Hamlet mit Ausschnitte aus Heiner Müllers Hamletmaschine), und in Lausanne gab es den doch etwas häufiger aufgeführten Hamlet von Ambroise Thomas zu sehen und zu hören.

Zu sehen gab es wie schon 2011 an der Opéra National du rhin und letzten Herbst in Marseille eine Inszenierung von Vincent Boussard, die (mit der bedauerlichen Ausnahme des hier gespielten Happyends statt der Londoner Version) praktisch unverändert (so schien es wenigstens mir) aus einigen einprägsamen Bildern – dem Geist etwa, der rechwinklig die Wand herunter geschritten kommt, und Ophelias Sterbeszene in der Badewanne – und ansonsten eher dünner Personenregie besteht. Es wird viel in großer Pose gestanden, meist auch bei Zwiegesprächen das Publikum statt das Gegenüber angesprochen. Vielleicht hängt es auch mit Unterschieden in den klassischen Schauspieltraditionen im frankophonen und im deutschsprachigen Raum zusammen. Immerhin hindert es die Sängerinnen und Sänger nicht daran, auf ihren Positionen immer wieder intensiven Ausdruck zu entwickeln, und zumindest die große Auseinandersetzung zwischen Hamlet und Gertrude und abermals Ophelias Sterbeszene lassen die sonstige Statik weit hinter sich. Die Bühne von Vincent Lemaire zeigt einen Teil eines hohen Palastraumes mit in Plastikfolie eingepackten Wänden, was die ohnehin nicht riesige Bühne unnötig verkleinert; erst für den Friedhof verschwinden die Wände, und die ganze Tiefe kann genutzt werden. Katia Duflot gönnt den Personen elegante und treffende Kostüme.

Reichlich ungeschickt, dem Sänger gegenüber unfair ist hingegen, dass für einen minimalen Umbau Hamlet die erste Strophe seines effektvollen Trinklieds vor einem Zwischenvorhang in der staubtrockenen Akustik der Vorderbühne singen muss. Régis Mengus begeistert trotzdem (wie in der ganzen Partie) mit souveräner Technik, persönlich gefärbtem, klangschönem Timbre und federnder Interpretation. Die Herkunft dieser Stimme aus dem lyrischen Fach ist vorteilhaft noch zu hören; das wunderbar gestützte „Être ou pas être“ oder das letzte „adieu“ an die Mutter kann er weit zurücknehmen, ohne an Farbe oder akustischer Präsenz zu verlieren, mit seiner sorgfältigen Phrasierung wird er der musikalischen Linie wie dem Text gerecht. Sein Hamlet ist nicht eigentlich ein Zerrissener, Wahnsinn dringt erst in Momenten der Raserei durch. Dafür strahlt er etwas Düsteres, Bedrohliches aus, wohinter man eine Entschlossenheit und strategischen Weitblick erahnt – das funktioniert auch sehr gut. Die Regie lässt ihn gern mit offenem Hemd agieren, und man versteht leicht, warum.

„Hamlet“ in Lausanne/ Szene/ Photo: Marc Vanappelghem

Lisette Oropesa ist eine sichtlich von den Ereignissen gelähmte Ophélie, wodurch die Passivität der Figur kein bisschen langweilig wirkt (auch dank der beredten Mimik), und gestaltet mit ihrem hellen Sopran eindringlich – auch die Wahnsinnsarie ist in erster Linie Musik und dramatische Situation, nicht vokale Zirkusnummer (obgleich sie alle erforderliche Virtuosität aufbringt, damit man mich recht versteht).

Stella Grigorian macht aus Gertrude die dritte Hauptperson des Stücks – diese Königin ist im Unterschied zum restlichen Hof nicht fähig, ihre Emotionen lang zu verstecken, und die Zerrissenheit zwischen Sohn und neuem Gatten spielt die Sängerin in allen Details spannend aus. Mit unerschrockener Verve und imposantem Volumen wirft sie sich mit samtenem Mezzo in die Partie, aber auch stets schön auf Linie und mit klarer Diktion.

Ihrem Gatten Claudius wurde skandalöserweise das Gebet gestrichen – streicht man in Faust Valentins oder in Tannhäuser Wolframs Arien?! An den vokalen Mitteln von Philippe Rouillons magistralem kernig-sonorem Bassbariton kann’s gewiss nicht gelegen haben, der als arrogant-autoritärer, beinahe unerschütterlicher Missetäter ebenfalls treffend besetzt war. Benjamin Bernheim kehrte nun als idealer Laërte an eine der frühesten Stationen seiner Karriere zurück (2008 habe ich ihn hier zum ersten Mal, als Gastone in Traviata, gehört) und verband jugendliches Temperament mit reifem Wissen um Diktion, Phrasierung und Vokalfarben. Einzelne exponierte Töne mag er etwas gar dramatisch angesprungen haben, aber das kann gut der Premièrensituation (4.2. 2017) geschuldet gewesen sein. Ausgezeichnet auch die Besetzung der kleineren Partien: die derbkomischen und stimmgewaltigen Totengräber von Alexandre Diakoff und Nicolas Wildi (die auch als Horatio resp. Marcellus erfreuten), der angemessen pompöse Polonius von Marcin Habela und der auch ohne elektronische Verstärkung im Finale imposante Bass von Daniel Golossov als Geist von Hamlets Vater. Stilsicher auch der von Jacques Blanc bestens vorbereitete Chor sowie das Orchestre de Chambre de Lausanne unter Fabien Gabel, unter dessen Händen das Stück ungemein differenziert erklang. Wollte man auf ganz hohem Niveau kritisieren, ließe sich anmerken, dass es gelegentlich etwas am großen vorausweisenden Bogen fehlte, was zusammen mit der Inszenierung zu gelegentlichen Spannungseinbußen führte. Alles in allem aber gewiss ein Abend, der dem Stück gerecht wurde (Foto oben: „Hamlet“ in Lausanne/ Szene/ Photo: Marc Vanappelghem). Samuel Zinsli