Rauschhafte Musik auf karger Bühne

 

Natürlich, man muss nicht minutiös und nicht nur das und alles das, was in einem Libretto steht, inszenieren – schon gar nicht in einem Fall wie dem von Szymanowskis barock ausführlichen Bühnenanweisungen zu seinem Król Roger. Dass Johannes Leiacker der rauschhaften Musik eine nüchterne Bühne aus symmetrischen schwarzen und weißen Flächen entgegensetzt – warum nicht? Dass die Figuren darauf sich langsam, fast wie in Trance bewegen, könnte aus ähnlicher Kontrastwirkung heraus auch passen – Rogers Hof und Reich als erstarrte Gesellschaft (wohl unter den moralischen Diktaten der Kirche, deren Vertreter/-innen Erzbischof und Diakonisse zusammen mit dem Chor das musikalische Geschehen bis zum Auftritt des Hirten dominieren – vollmundig Alfred Reiter, neben dem Chor kaum hörbar Judita Nagyova). Der Hirte, der als spiritueller Unruhestifter durch diese Gesellschaft fährt, bewegt sich in der Frankfurter Inszenierung von Johannes Erath (gesehen am 29.6. 2019.) schneller und freier, der Unterschied hätte aber m. E. noch deutlicher sein können.

Szymanowskys Oper „Krol Roger“ an der Oper Frankfurt/ Szene/ Foto wie auch oben Monika Rittershaus

Während der ersten Minuten schaut das Publikum auf eine sogar noch vor dem Orchestergraben gespannte Leinwand. Chor und Erzbischof erklingen dazu über Lautsprecher. Zugegeben, ich bin da etwas eigen, Musik über Lautsprecher in der Oper ärgert mich, das kann ich auch zu Hause haben. Live hätte ich bitteschön gern den damit verbundenen Klang. Auch für fünf Minuten. Nachdem die Sichtblende sich gehoben hat, passieren knapp anderthalb pausenlose Stunden lang seltsame Dinge. Zu den im Libretto genannten Personen kommt ein meist anwesender kleiner Junge dazu. Eine Rückblende zu Roger als Kind, der von Erzbischof und Diakonisse „abgerichtet“ wird?  Nein, denn das Kind interagiert auch mit dem heutigen Roger und rennt zutraulich zum Hirten. Am Ende hält es die Hutschachtel, die zunächst Roxane ihrem Gatten Roger gegeben hat. Die Schachtel scheint enorm wichtig zu sein; geöffnet wird sie nicht. Was immer sie bedeuten mag, für mich blieb es in ihr verschlossen. Während des Bacchanal im 2. Akt finden (unter Beteiligung des Chors) Szenen von Gewalt und/oder Erotik statt, bleiben aber auch ohne klare Funktion. Oder sagen wir: Ich hab’s nicht verstanden. Bis zuletzt nicht. Die Inhaltsangabe im Programm lautet fürs Ende: „Roger bleibt innerlich verwandelt allein zurück.“ Das hab ich nicht gesehen. Dieser Roger leidet schon zu Beginn – der Zusammenbruch seiner Sicherheit und Identität wird nicht erst vom Hirten ausgelöst. Was Rogers Entwicklung massiv verringert. Und er ist am Ende nicht allein, alle anderen sind noch da. Dass sie dem Saal die Rücken zuwenden, macht sie so wenig abwesend, wie ein Kind, das sich die Augen zuhält, dadurch unsichtbar wird.

Szymanowskis und Iwaszkiewicz‘ Libretto ist komplex, verweigert ganz gezielt manche Antworten. Diese Verrätseltheit mit weiteren, eigenen Rätseln zu bebildern, scheint mir einfach kein ratsamer Weg. Immerhin ist der Hirte ja Dionysos, der in Rogers zivilisiertes, multikulturelles, avant la lettre aufgeklärtes Sizilien einbricht (eine Neufassung des Pentheusmythos) und den apollinischen Staat erschüttert. Zusammen mit Enescus Oedipe ist Król Roger die wichtigste Oper, die die Abkehr vom rational-klassizistischen Griechenlandbild zu Beginn des 20. Jhdts. aufgreift. Gewiss muss nicht genau dieser geistesgeschichtliche Aspekt zu sehen sein, auch nicht die hinter der dionysischen Befreiung lauernde Vision einer legitimierten Homosexualität, wie sie Szymanowski wohl ein Anliegen war – aber in irgendeiner Form sollten diese Dynamik und Konstellation der Figuren doch greifbar werden, meine ich.

Schade auch um die vorzügliche musikalische Umsetzung. Dass Łukasz Goliński den Titelhelden schon an verschiedenen Theater gesungen hat, erstaunt nicht – er beherrscht die Rolle in Stimme wie Figur souverän. Das Timbre besitzt eine gewisse Körnigkeit, aber er setzt es diszipliniert auf Linie und ohne Konditions- oder Höhenprobleme ein, mit differenzierter Dynamik und szenisch intensiv. Sydney Mancasola weiß, wie man Roxanes sinnliche Kantilenen zum Oszillieren bringt, und setzt sich mit ihrem schlanken Sopran gekonnt vom massiven Orchester ab. AJ Glueckert muss als morgenländischer Ratgeber Edrisi im Rollstuhl sitzen (warum?), aus dem er im Bacchanal vorübergehend aufsteht – warum auch immer, er spielt und singt das alles markant. Er trägt als einziger neben dem Hirten Weiß – etwa, weil sie beide aus dem Osten kommen? (Kostüme: Jorge Jara). Gerard Schneider verleiht dem Hirten trotz unklarer Funktion die unverzichtbare Faszination, erinnert mit dem weißblondierten Schopf und der Dauerfröhlichkeit manchmal an Tom Hulces „Amadeus“ – die durch weiße Kontaktlinsen verursachten Schlangenaugen weisen dann aber in eine andere Richtung. Vokal ist der Hirte/Dionysos schwer zu besetzen, die Stimme sollte schön, strahlend, jugendlich sein und doch reif genug, um gegen Szymanowskis Orchester zu bestehen – Schneider erfüllt davon beglückend viel. Der Chor samt Extrachor unter Tilman Michael packt seine dankbaren Aufgaben beim Schopf, erfreut nicht nur mit Klang, sondern auch mit Konsonanten und Vokalen. Sylvain Cambreling geht der Ruf eines eher analytischen, oft kühlen Stils voraus – wie immer dem sein mag, das Dirigat ist ein reines Vergnügen. Den schwärmerischen Tonfall evoziert er von allem Anfang an, und er vermag die ekstatische Spannung auch aufrechtzuerhalten, es erklingt kein Überwältigungsbrei, sondern eine gut strukturierte und dramaturgisch genau gearbeitete Interpretation. Samuel Zinsli