Rassismus in Schwarz-Weiss

 

Wieviele Opern gibt es, die sich um so aktuelle Fragen drehen wie La Juive, trotz der doch sehr konkreten Ansiedlung der Handlung während des Konzils von Konstanz 1414? Olivier Py macht die Zeitlosigkeit des Stoffes augenfällig, indem er z.B. der antisemitisch aufgebrachten Volksmasse Schilder wie „La France aux français“ und „Mort aux étrangers“ in die Hände gibt und während einem der Jubelchöre eine Haussuchung und Bücherverbrennung stattfinden lässt – keine, auch nicht die grande Nation ist gefeit vor Rassismus. Auch ansonsten setzt er in einer durch feine Personenregie bestechenden Inszenierung die scharfen Akzente wohldosiert und dadurch umso einprägsamer. Die Bühne (Pierre-André Weitz) besteht im unteren Drittel aus einer breiten Treppe, darüber kommen mittels Drehbühne abwechselnd Wände, Bücherregale, Gerüste, abgestorbene Bäume oder einzelne Möbel ins Bild. Auch die Kostüme (ebenfalls Weitz) sind wie bei Py üblich fast ausnahmslos in Schwarz-Weiß-Grau gehalten (die Ausnahme sind Eudoxies rote Strümpfe) – den Kardinal in das dem Papst vorbehaltene reine Weiß zu kleiden ist allerdings auch in diesem Konzept für mein Empfinden eine wenig glückliche Wahl. Auch ließe sich diskutieren, ob ein Jude von Éléazars strenger Ausrichtung nicht zu allen Zeiten Vollbart getragen hätte. Aber vielleicht ist dies unorthodoxe Haartracht ja gewollt, denn Nikolai Schukoff gibt ihn nicht (wie der namensähnliche Kollege, der die Rolle lange Zeit gepachtet zu haben schien) als fundamentalistischen Egozentriker, sondern als klugen, selbstbewussten Mann, der auch über provokative (beim Arbeiten am Sonntag) und ironische Seiten verfügt (wenn er den Kardinal im Kerker auslacht). Léopold gegenüber braust er jäh auf, doch erst die Ungleichbehandlung vor „Gericht“ trifft seinen wunden Punkt und lässt ihn in Starrsinn und Rachedurst abgleiten. Schukoff phrasiert mit großer Eleganz und artikuliert selbst noch im Furioso des Akt-II-Finales glasklar. Es wäre am besuchten Abend (19.3. 2016) gewiss falsch gewesen zu sagen, die Extremhöhe fiele ihm ganz leicht, aber er meistert sie zweifellos. Sein baritonal fundierter Tenor strömt nicht nur in den expressiv gesungenen Gebeten des II. Aktes und natürlich der entrückt dargebotenen Arie im IV. frei, sondern auch in den bewegten Passagen. Auch ist er von den Nichtmuttersprachigen (denn die Walliserin Harnisch wollen wir wenigstens als bilingue gelten lassen) der einzige praktisch ohne Akzent.

Lyon: „La Juive“/Szene/ Foto copyright: Stofleth/ Opéra national de Lyon

Lyon: „La Juive“/Szene/ Foto copyright: Stofleth/ Opéra national de Lyon

Als seine Tochter Rachel begeistert rundum Rachel Harnisch. Die Partie und ihre schön gerundete, strahlkräftige Stimme, die sie in den lyrischen und den dramatischen Passagen gleich ebenmäßig führt und vielfältig schattiert, sind wie füreinander gemacht. Als Figur ist sie nicht Spielball der Männer, sondern völlig zu Recht die Titelheldin: eine selbstsichere junge Frau, auch das Diskutieren mit dem Vater gewohnt, mit der selben Natürlichkeit liebenswürdig und entschlossen – welche Ausstrahlung von Unbeugsamkeit im Finale des III. Aktes!

Der dritte Hauptakteur im Netz der grauenhaften Geschichte ist Roberto Scandiuzzi als Kardinal Brogni, mit jedem Zoll gewissenhafter Kirchenfürst von monumentaler Präsenz – und gleichzeitig erzählen Kleinigkeiten in Mimik und Haltung alles über die Qualen des Mannes, der zu mehr Toleranz und Kompromissen bereit wäre als die andern, der aber gegen Amt und Aufgaben letztlich auch machtlos ist. Einer der stärksten Momente ist es, wenn er im Kerker im Gespräch mit Éléazar die Kardinalsrobe abstreift und darunter wie sein Antipode in weißem Hemd, schwarzer Hose und Weste dasteht – der Unterschied besteht nur noch darin, dass seine Kappe weiß, Éléazars Kippah schwarz ist. Mit riesigem Volumen steigt er in die tiefsten Regionen; die exponierten Höhen können dafür etwas steif und intonationsgefährdet werden. Den leichten italienischen Akzent sieht man einem italienischen Kardinal gerne nach. Denn was ist das für ein prachtvoller, stets tiefempfundener Gesang, vom väterlichen Rat bis zum donnernden (aber absolut kontrollierten) Anathema!

 

Lyon: „La Juive“/Szene/ Foto copyright: Stofleth/ Opéra national de Lyon

Lyon: „La Juive“/Szene/ Foto copyright: Stofleth/ Opéra national de Lyon

Enea Scala singt so frisch und feurig, wie er als Liebhaber agiert, und mit stupenden Höhen, auch wenn die Stimme gelegentlich etwas eng und unter Druck klingt. Man nimmt ihm den Charme, die Gewissensbisse und letztlich die Charakterschwäche (so liegt er z.B. zu Eudoxies Arie neben ihr im Bett, hat also offenbar das Wiedersehen mit ihr durchaus „gefeiert“), die Léopold in den letzten beiden Akten zunehmend aus der Handlung verschwinden lässt, gleichermaßen ab. Sabina Puértolas besitzt diese gewisse Schärfe in der Stimme, die bei spanischen Sopranen häufig ist und manchmal in ein sehr schnelles Vibrato kippt. Ihre virtuos gesungene Auftrittsarie krönt sie mit einer sau-frech attackierten, aber geglückten Kadenz; ihr körperbetontes Vamp-Spiel im III. Akt wird mit der Zeit etwas nervig; zum Glück findet sie in den traurigen Passagen der späteren Akte noch zu anderen Darstellungsnuancen, die zum schön getroffenen melancholischen Ton passen.

Vincent Le Texier ergänzt fabelhaft als grober Volksverhetzer Ruggiero mit in der Höhe wackligem, darunter immer noch imposantem Bariton. Charles Rice lässt als Albert aufhorchen, kompetent in ihren Kurzauftritten Paul-Henry Vila (Crieur), Brian Bruce (Officier), Alain Sobieski (Bourreau) und Dominique Beneforti und Charles Saillofest (zwei Männer aus dem Volke), würdige Aushängeschilder des von Philip White exzellent vorbereiteten Chors.

Das Orchester unter Daniele Rustioni klingt nach Belieben luftigleicht oder zupackend, und wenn in den 3,5 Stunden noch Längen drin sein sollten, liegt es sicher nicht an den weiten Spannungsbögen des Dirigenten, der auch die Finali sorgfältig steigernd aufbaut und einen ergreifend verhaltenen Trauermarsch gestaltet.

Wenn noch in den Applaus nach Éléazars Arie hinein zusammengebundene Schuhe vom Schnürboden auf die Treppe donnern, verschlägt es dem Saal den Atem und erinnert noch einmal daran, dass auf der Opernbühne auch für uns alle lebenswichtige Fragen verhandelt werden können (Foto oben: Lyon: „La Juive“/Szene/ Foto copyright: Stofleth/ Opéra national de Lyon). Samuel Zinsli