Prachtvoll poppig

 

 

Einmal im Leben sollte man das Paradebeispiel von Opéra comique, der wohl bedeutendste Erfolg von Adolphe Adam, gesehen und gehört haben.  Die lau­nige Musikkomödie  des Postillon de Lonjumeau 1836 an der Pariser Opéra-Comique uraufgeführt, wo nun das Werk jetzt neu herauskam (anschließend geht die Produktion nach Rouen). Das Stück war auch in Deutschland bis in die 50er Jahre ein Hit im Repertoire. Heute muss man nach Paris reisen, um es zu erleben. Aber die Reise lohnt sich, denn der komödienerprobte Regisseur Michel Fau (der auch die Partie der Rose en travestie (lachmuskelerschütternd) spielte, hat mit der prachtvoll poppigen, blumig-bunten Barocktheaterausstattung von Emanuel Charles und den quasi historischen, augenzwinkernd ironisierten Kostümen von Christian Lacroix ein vergnügliches  Theaterfest angerichtet.

Nicht dass die Handlung besonders aufregend ist, aber das Libretto von Adolphe de Leuven und Léon-Lévy-Brunswick ist  originell und gut konstruiert:  In Lonjumeau feiert man die Hochzeit des Postillons Chapelou mit der Wirtin Madelaine. Als der durchreisende Marquis de Corcy, Intendant der königlichen Oper,  die schöne Stimme des Postillons hört, fordert er ihn auf, postwendend mit ihm nach Paris zu kommen, um ihn als Sänger ausbilden zu lassen. Der abenteuerlustige Chapelou (dem ohnehin eine glänzende Zukunft in der Metropole prophezeit wurde) nimmt das Angebot an und verlässt das Dorf  noch am selben Abend, ohne sich von seiner  Frau zu verabschieden. Zehn Jahre später ist Chapelou  unter dem Namen Saint-Phar ein gefeierter Tenor und Liebhaber vornehmer Damen. Sein jüngster Schwarm ist Madame de Latour, die ihn lebhaft an Madelaine  erinnert. Kein Wunder, denn es ist Madelaine, die (entsprechend einer Prophezeiung) inzwischen eine reiche Erbschaft gemacht hat  und unter neuem Namen ein Landhaus bei Fontainebleau bewohnt. Sie liebt ihren Mann noch immer, ist aber entschlossen, ihm für seine Treulosigkeit eine Lektion zu erteilen. Das gelingt ihr, indem sie Saint-Phar  zu einer von ihm nicht gewollten Ehe mit ihr überlistet. Als der eifersüchtige Marquis de Corcy die Verhaftung des Sängers wegen Bigamie veranlasst, spitzt sich die Situation dramatisch zu. Jetzt erst enthüllt  Madame de Latour ihre wahre Identität und verzeiht ihrem reuigen Mann, der schon die Todesstrafe vor Augen hatte. Doch zweimal dieselbe Frau zu heiraten,  verstößt gegen kein Gesetz. Die Moral von der Geschichte: Fürs Theater hat der Postillon seine Geliebte verlassen, nun verlässt er das Theater für die Geliebte.

Adams Musikkomödie „Le Postillon de Lonjumeau“ an der Pariser Opéra-Comique/ Szene/ Foto wie auch oben Stefan Brion

Das kurzweilige Stück gibt Anlass zu effektvoller Musik und allerhand exqui­siten Ensembles und Arien. Im Mittelpunkt die Romanze des Chapelou, ein Par­a­destück aller virtuosen Tenöre, die Peitschen knallend ihre Spitzentöne zur Schau stellen können. Man denke nur an Joseph Schmidt, Nicolai Gedda oder Henry Legay. Dieses Postillonlied mit allerhand hohen Cs und einem hohen D wird im Finale in geschickter Variation wiederholt und schon in der Ouvertüre angedeutet, es ist das Scharnier der ganzen Oper. Michael Spyres singt es höhensicher und souverän mit gut sitzendem, kernigem Tenor. Florie Valiquette dagegen singt die Madelaine mit hübschem, aber doch piepsigem, etwas dürftigem Sopran. Franck Leguérinel als Marquis de Corcy überzeugt hingegen ebenso wie der Rest des Ensembles.

Sébastian Rouland am Pult des Orchestre del´Opéra de Rouen Normandie (es handelt sich um eine Koproduktion) dirigiert mit zwar etwas gebremstem Temperament, aber feiner und ausgewogener Balance. Der Chor accentus singt ohne Fehl und Tadel. Eine durchaus beglückende Aufführung (Opéra-Comique, Premiere 30. März 2019). Dieter David Scholz