Potsdamer Musen

 

Die neue Intendantin der Musikfestspiele, Dorothee Oberlinger, betitelte ihre erste Festivalsaison Musen und dirigierte die Opernproduktion, Giovanni Battista Bononcinis Polifemo, auch selbst. Gerade hatte es bei den Salzburger Pfingstfestspielen Nicola Porporas Opera seria gleichen Titels von 1735 gegeben, daher ermöglichte die Aufführung von Bononcinis Pastorale am 20. 6. 2019 in der Orangerie einen interessanten Vergleich. Sie wurde 1702 im Lustschloss von Königin Sophie Charlotte in Lietzenburg uraufgeführt. Bononcini kam nach seinem Amt als Hofkomponist in Wien nach Berlin, wo er eine neue Wirkungsstätte fand. Der Librettist Attilio Ariosti verwendete für seinen Text Mythen der Verserzählung Ovids um den Schäfer Acis, den Zyklopen Polifemo, die Nymphen Galatea und Silla, den Fischer Glauco und die Zauberin Circe. Die Musik enthält zwanzig Nummern, fast alle in Da-capo-Manier komponiert und von sehr virtuosem Anspruch. Am Beginn steht eine Ouvertüre in französischem Stil, welche das von Dorothee Oberlinger gegründete Ensemble 1700 galant und effektvoll musizierte. Die Dirigentin war mit forschem, straffem Zugriff und einfühlsamer Begleitung der Solisten der Motor der Aufführung. Die Arien kamen Affekt betont und akzentuiert zu gebührender Wirkung, das Continuo mit Laute, Cembalo und Cello sicherte einigen von ihnen eine besonders aparte Stimmung.

Eine exquisite Besetzung garantierte ein hohes gesangliches Niveau, angeführt von Joao Fernandes als Titelheld mit resonantem, auftrumpfendem Bass. Der Sänger gab auch darstellerisch eine pralle Figur ab. Die Überraschung des Abends war der sensationelle Auftritt des jungen brasilianischen Sopranisten Bruno de Sá als Aci. Die klare Stimme mit einer enormen Reichweite bis in die Extremhöhe von angenehmem, nie grellem Ton übertraf im ersten Duett an Klangschönheit sogar die von Galatea. Seine Soli „Partir vorrei“  und „ Bella Dea“ (mit einer Atem beraubenden Kadenz) markierten die vokalen Glanzlichter der Aufführung. Als Galatea war die renommierte Barockspezialistin Roberta Invernizzi angetreten, die stilistisch zwar ihre reichen Erfahrungen einbringen konnte, doch mit zu reifem, ältlichem Ton der Figur die jugendliche Frische schuldig bleiben musste. In den eindringlichen Klagen der Partie (wie „Dove sei“) wirkte sie am stärksten. Auch Roberta Mameli ist eine anerkannte Größe in diesem Repertoire. Ihre Silla überzeugte gleichermaßen mit keckem Ausdruck und munteren Koloraturen wie betörenden, flehentlichen Klängen („Soccorrete“). Die Zauberin Circe hatte sie aus Eifersucht in ein Monster verwandelt. Liliya Gaysina sorgte mit furiosem Auftritt und der fulminant hingeschleuderten Arie „Pensiero di vendetta“ für einen dramatischen Kontrapunkt im lyrischen Gefüge der anderen Arien. Glücklicherweise vermag die Liebesgöttin Venere, Silla ihr früheres Aussehen zurück zu geben. Maria Ladurner thronte hoheitsvoll in einer Muschel im Hintergrund und becircte mit feinem Sopran. Bedingung für Sillas Rückverwandlung war, dass die Nymphe die Zuneigung des Fischers Glauco annehme. Als dieser war Helena Rasker ein weiterer Trumpf der Besetzung. Der klangvolle Alt verströmte sich leidenschaftlich in den Gesängen der Zuneigung für Silla, doch stand ihm gleichermaßen auch die ausgewogene, edle Kantilene zu Gebote. Alle Solisten vereinten sich am Ende zum warnenden Schlusschor. Denn: Er wird den Schmerz finden, weil er die Lust sucht. Das Sinnbild meint den Schmetterling, der sich der Flamme nähert.

Musikfestspiele Potsdam 2019 , Bononcinis  „Polifemo“ ,in der Orangerie Sanssouci , Foto wie auch oben Stefan Gloede

Erfreulich war, dass die musikalische Qualität nicht durch optische Experimente getrübt wurde. Im Gegenteil: Die österreichische Spezialistin für historische Aufführungspraxis Margit Legler hatte das Geschehen im  Stil des frühen 18. Jahrhunderts arrangiert und dabei bewusst die barocke Gestensprache eingesetzt. Sinnfällig unterstützt wurde sie von Ausstatter Johannes Ritter, der der Bühne mit einer felsigen Grotte, Soffitten und der historischen Wellenmaschine im Hintergrund einen ganz eigenen Zauber verliehen hatte. Auch die phantasievollen Kostüme im Stil der Zeit trugen zur stimmungsvollen Atmosphäre bei.

 

Der Pastorale hatte das Produktionsteam einen Prolog vorangestellt, bestehend aus Alessandro Scarlattis Serenata à 3 con stromenti Le Muse Urania e Clio lodano le bellezze di Filli von 1706, womit sich ein Bezug zum diesjährigen Thema des Festivals herstellte, sowie Georg Friedrich Händels Sonata à 5 voci B-Dur. Schon hier konnten Roberta Mameli als Sole, Roberta Invernizzi als Urania und Helena Rasker als Clio gefallen und sich am Ende der Serenata im wunderbaren Terzett „Dormi, o bella Filli“ klangvoll und harmonisch vereinen. Händel komponierte seine Sonata um 1707 und vermutlich für Arcangelo Corelli, der in ganz Europa auch für seine Virtuosität als Geiger bekannt war. In Potsdam brillierte nach dem einleitenden Andante und dem Adagio mit pochenden, fast schmerzhaften Akkorden der junge Russe Evgeny Sviridov im finalen Allegro. Bernd Hoppe