Populäres rasant

 

Seit fast 30 Jahren bietet das Musikfest Bremen alljährlich im Spätsommer für drei Wochen vielfältige Konzertveranstaltungen auf exzeptionellem Niveau mit hochkarätigen internationalen Musikern und originellen Programmkonzeptionen. Viele der gastierenden Künstler haben zur Hansestadt eine enge Beziehung, kommen immer wieder hierher zurück, um im wunderbaren Konzertsaal Die Glocke aufzutreten. So Marc Minkowski, Träger des Musikfest-Preises Bremen von 2005, der am 4. 9. 2018 mit seinem Ensemble Les Musiciens du Louvre Offenbachs Opéra fantastique Les Contes d’Hoffmann zu einem aufregenden Musiktheaterabend gestaltete. Allein die verwendete Mischfassung aus Michael Kaye und Jean-Christophe Keck sorgte für überraschende Momente mit vielen weniger bekannten Musiknummern. Ein weitestgehend französisches Sängerensemble garantierte eine idiomatische Wiedergabe dieser konzertanten Aufführung, die durch das überaus lebendige Agieren der Akteure an der Rampe und ihren mehrfachen Kostümwechsel an theatralischer Wirksamkeit noch gewann, wozu auch das unterschiedlich illuminierte  Podium beitrug.

Das Problem der Besetzung war der italienisch-amerikanische Tenor Leonardo Capalbo als Titelheld (für den ursprünglich vorgesehenen Benjamin Bernheim), dessen aufgerauter, robuster Tenor vor allem den lyrischen Passagen nicht gerecht wurde und ganz allgemein für das französische Repertoire nicht geeignet scheint. Seinem Vortrag mangelte es an Eleganz, mehrfach gerieten emphatische Äußerungen zu forcierten Kraftakten. Immerhin hielt er die strapaziöse Partie bis zum Schluss souverän durch und absolvierte auch die letzte Strophe seines Chansons vom Klein-Zack mit unverminderter Kraft. Die für die vier Sopranpartien besetzte Aleksandra Kurzak wurde gleichfalls ersetzt – durch die international renommierte australische Sängerin Jessica Pratt. Sie hinterließ insgesamt unterschiedliche Eindrücke, denn bei Olympias Air „Les oiseaux dans la charmille“ wirkte mancher Aufstieg in die Höhe bemüht, manch exponierte Note grell. Besser kam sie mit Antonias wehmütiger Musik zurecht, der Sopran war hier melancholisch getönt, manch hoher Ton freilich auch herb, und die Todesszene mit ersterbenden Trillern verfehlte ihre Wirkung nicht. Wirklich überzeugend fand ich ihre Giulietta, deren Air „L`amour lui dit“ den leichten, lasziven Tonfall der Kurtisane hatte und dadurch das gebotene sinnliche Flair verströmte.

Musikfest Bremen 2018, Hoffmanns Erzählungen/Szene/Musikfest Bremen 2018/ Szene/ Foto Nikolai Wolff

Überragend die französische Mezzosopranistin Aude Extrémo in der Doppelrolle La Muse/Nicklausse. Mit dunkel getönter, leicht maskulin-herber Stimme von reizvoller Tiefe und forschem Zugriff auf ihre Soli ließ sie die beiden Figuren als pralle Rollenporträts erstehen. Bravourös ahmte sie Olympias staccati nach; mit schwelgerisch-betörendem Ton stattete sie die Romance des Nicklausse, „Vois sous l`archet frémissant“ aus; flirrend-erotische Nuancen fand sie im Zusammenklang mit Jessica Pratt für die Barcarolle. Und im Finale stimmte sie als La Muse die Apothéose „Des cendres de ton coeur“ an – ein zunächst nachdenklicher, delikater Abgesang, in den dann alle Sänger einfielen und ihn mächtig anschwellen ließen.

Der kanadische Bassbariton Robert Gleadow machte die vier Bösewichter-Rollen vor allem durch seine enorme szenische Präsenz, seine mimische Beredsamkeit und die körperliche Agilität zu Glanzlichtern. Die streng vibrierende, stark aufgeraute Stimme mag nicht jedermanns Geschmack sein, auch wirkte sie als Miracle in der Kondition gefährdet, aber die dämonisch-gefährliche Aura und der geradezu brutale vokale Aplomb waren von ungeheuer  suggestivem Effekt. Als Dapertutto hatte sich die Stimme dann spürbar erholt, wirkte wieder stabil und im Chanson „Tourne, tourne, miroir“ hinreißend süffisant im Ausdruck. Auch der französische Tenor Mathias Vidal in den diversen Diener-Rollen ließ durch sein lebendiges Spiel eine Bühnenaufführung nicht vermissen.  Vor allem aus dem Couplet des Frantz „Jour et nuit“ im Antonia-Akt macht er mit seiner skurrilen szenischen Präsenz und dem lautmalerischen Gesang ein Kabinettstück. Geradewegs aus Offenbachs Epoche schien der französische Charaktertenor Christophe Mortagne ausgeborgt, der als Spalanzani und Nathanaël mit wunderlicher Erscheinung und zerzauster Frisur allein optisch für Aufsehen sorgte und seinen Partien auch gesanglich prägnante Kontur verlieh. Jean-Vincent Blot gefiel als Crespel und Luther mit voluminösem, resonantem Bass; und auch Thomas Dollé als Schlémil und Hermann ließ eine Stimme von schöner Substanz hören.

Der Philharmonia Chor Wien (Walter Zeh) sang prononciert und hatte keine Mühe, den oft rasanten Tempi des Dirigenten zu folgen. Gelegentlich wirkte die Dynamik der Stimmproduktion überzogen, aber das ist eher Minkowski anzulasten, dessen Leitung zwar von enormer Energie, hoch gepeitschtem Drive und straffen Zeitmaßen geprägt war, mitunter aber doch in die Nähe von knalligen Exzessen geriet. Da waren die zauberisch flirrenden Klänge im Umfeld der Barcarolle umso willkommener und kostbarer.

 

Musikfest Bremen, „Il Barbiere di Siviglia“, Bremer Glocke/ Szene/Musikfest Bremen 2018/ Foto Nikolai Wolff

Auch der französische Dirigent Jérémie Rhorer ist Träger des Bremer Musikfest-Preises, der ihm  im vorigen Jahr verliehen wurde. Mit seinem  2005 gegründeten Ensemble Le Cercle de l’Harmonie, das wie die Musiciens du Louvre auf historischen Instrumenten musiziert, kam er nach szenischen Aufführungen im Pariser Théatre des Champs-Elysées in die Bremer Glocke, um am 4. 9. 2018 Rossinis Il Barbiere di Siviglia zu sprühender Lebendigkeit zu verhelfen – eine schöne Initiative im Gedenkjahr zum 150. Todestag des Komponisten. Gerade vor vier Wochen hatte es beim Rossini Opera Festival in Pesaro eine Neuproduktion des populären Melodramma buffo gegeben, was aufschlussreiche Vergleiche ermöglichte. Und Bremen schnitt in manchen Fällen sogar besser ab als das renommierte Festival in der Geburtsstadt des Schwans von Pesaro.

Das betraf ganz besonders die Interpretin der Rosina, die russische Mezzosopranistin Anna Goryachova, eine Schülerin von Renata Scotto. Die fruchtige, dunkle Stimme von überwältigendem Volumen, satter Tiefe, sinnlichem Flair und einem klanglichen Geheimnis formte die Koloraturgirlanden in „Una voce“ flink und ließ es auch in der  Gesangsstunde im 2. Akt nicht an Virtuosität fehlen. Mit dem Figaro von Guillaume Andrieux lieferte sie sich ein Feuerwerk an Bravour in beider Duett „Dunque io son“. Der junge französische Bariton bot in der Titelrolle eine Leistung auf solidem Niveau, wenn es der Stimme auch ein wenig an Individualität und Persönlichkeit fehlen mag. Davon besaß der ungarische Bassbariton Peter Kálmán an Übermaß – sein Bartolo von praller Kontur und derbem, markigem Gesang war ein Ereignis. Köstlich sein Dialog mit Basilio, als der bereits der vom Hoffmann bekannte Robert Gleadow mit prägnantem Vortrag wiederum vor allem in der Ausstrahlung imponierte. Genüsslich spielte er bei der „Calunnia“ mit den Tönen und ließ die Kanonenschläge von bedrohlicher Wirkung donnern.

As Conte Almaviva bot Michele Angelini einen handfesten Tenor mit metallischer Höhe, der dem tenore di grazia-Fach bereits entwachsen scheint. Stilistisch befremdlich die Neigung, seine Nummern mit effektvollen Spitzentönen zu beenden, was eher zu Donizettis und Verdis Cabaletten passen würde. Sein draufgängerischer Gesang war dann in der Szene als verkleideter Soldat wirklich am Platze, und auch der auftrumpfende Beginn der letzten Arie, „Cessa di più resistere“, imponierte. Und in deren lyrischem Mittelteil, „È tu, infelice vittima“, fand er auch zu jenem schwärmerischem Ausdruck, den man vorher mehrfach vermisst hatte. Und nichts ist einzuwenden gegen seine vokale Agilität und Virtuosität, wovon der Schlussteil seiner letzten Arie, „Ah, il più lieto“, profitierte. Julie Pasturaud lieh der Berta ihren hellen Mezzo, so dass sich der gebotene Kontrast zu Rossinas dunkler Stimme herstellte, und durfte auch ihre sorbetto-Arie singen – pointiert und resolut, nur am Ende etwas in  Bedrängnis geratend.

Jérémie Rhorer ließ schon die Musik der Sinfonia funkeln und sprühen, die fortissimo-Schläge donnern, wie man es selbst in Pesaro nicht gehört hat. Hinreißend die accelerando-Steigerung im 1. Finale, Atem beraubend das Tempo in den Ensembles des 2. Aktes. In der Temporale vernahm man entfesselte Naturgewalten und bedauerte beim federnden Finaletto II, dass dieses exquisite musikalische Vergnügen schon zu Ende war.

 

Bei einem Festakt am 2. 9. 2018 im ehrwürdigen historischen  Rathaus wurde der diesjährige Musikfest-Preis an den Dirigenten Jules Buckley und das Metropole Orkest verliehen. Der Intendant des Musikfestes, Prof. Thomas Albert, würdigte in seiner Ansprache das 1945 gegründete Orchester als einen Klangkörper von ganz eigenem Profil und weit gespanntem  Repertoire von der Klassik über Jazz und Pop bis zur Welt- und Filmmusik. Seit 2013 steht Jules Buckley dem Metropole Orkest als Chefdirigent vor und hat sich darüber hinaus als Komponist und Arrangeur einen Namen gemacht.

Gemeinsam mit dem Deutschlandfunk Köln verleiht das Musikfest alljährlich auch den Förderpreis Artist in Residence an junge Künstler, die mit ihren Auftritten bereits Akzente im internationalen Musikleben gesetzt haben. In diesem Jahr empfing der 1995 in der Schweiz geborene Bariton Äneas Humm diese Auszeichnung. Nach Studienjahren an der Hochschule für Künste Bremen vervollkommnet er seit einem Jahr an der New Yorker Juilliard School seine Fähigkeiten. Die Stimme besitzt ein männlich-körniges Timbre, dramatisches Potential und auch lyrische Finessen. Seine Vielseitigkeit unterstrich er, einfühlsam begleitet von Judit Polgar am Flügel, mit dem Vortrag von Grieg- und Ullmann-Liedern sowie einer Arie des Zoroastro aus Händels Orlando. Mit flüssigen Koloraturläufen, autoritärem Ausdruck und heroischen Aplomb bewies er damit auch seine Eignung für das barocke Repertoire. Einzig das hohe forte bedarf in der dynamischen Ausrichtung noch einer zügelnden Formung, aber das mag auch an dem kleinen Saal gelegen haben. Der weiteren Entwicklung des Sängers sieht man mit gespannter Erwartung entgegen.

Im nächsten Jahr feiert das Musikfest Bremen sein 30. Jubiläum und schon jetzt freut man sich auf vielfältige Konzertabende mit Vertrautem und Unbekannten. Denn für Überraschungen ist das Musikfest Bremen immer gut. Bernd Hoppe