Politische Kopplung

 

Am Theater Heidelberg wurden zwei Einakter von Komponisten zu einem Abend zusammengefügt (Premiere am 28.5. 2017), die auf den ersten Blick nicht sonderlich viel gemeinsam haben. Erich Wolfgang Korngold und Mieczyslaw Weinberg mussten beide aufgrund ihrer jüdischen Herkunft ihre von Hitlerdeutschland annektierte Heimat verlassen, beide verdienten ihren Lebensunterhalt lange Zeit mit Filmmusik, beide wurden in den 90erjahren nicht zuletzt dank der jungen und neugierigen CD-Industrie als Komponisten „seriöser“ Musik wiederentdeckt. Der schwerkranke Weinberg konnte die Anfänge dieser Entwicklung gerade noch miterleben. Damit sind die großen Parallelen aber auch schon erschöpft. Stilistisch verbindet sie nichts. Den beiden Stücken gemeinsam (und das stellt Regisseurin Yona Kim klug heraus) ist der Blick auf eine Gesellschaft von Herrschaft und Dienerschaft. Letztere wird in Weinbergs Wir gratulieren! (russ. Pozdravljeam) schlecht behandelt und sehnt sich verzweifelt nach der Selbstbestimmtheit und dem „Glück“ der Herrschaft, in Korngolds Ring des Polykrates herrschen freundliche Verhältnisse, die Dienerschaft eifert der Herrschaft nach und erfährt am Ende sozialen Aufstieg. Die Bühne von Margrit Flagner zeigt bei Weinberg „zu ebener Erd“ eine Souterrain-Küche, bei Korngold einen hübschen Garten, im ersten Stock ein bürgerliches Speisezimmer resp. ein Musikzimmer und einen privaten Kinosaal. An verschiedenen Orten wird die Bühne mit Projektionen ergänzt, Chagall-Gemälden und Zeichnnungen zur Sowjetgeschichte einerseits, Hollywood-Filmplakaten andererseits.

 

Zunächst also Wir gratulieren! von 1983 mit einem russischen Libretto vom Komponisten nach Scholem Alejchems Komödie „Mazl tov“ von 1899 – ein eher handlungsarmes Konversationsstück, in dem eine Köchin, ein Dienstmädchen, ein Diener und ein fliegender Buchhändler sich über ihre bedrückenden Situationen austauschen, von „Madame“ beschimpfen lassen müssen und zuletzt trotz allem tapfer zu zwei frisch verlobten Paaren werden. Der Buchhändler, Reb Alter, macht die anderen zudem mit den Ideen des Sozialismus vertraut, und so steht einem zuversichtlichen, selbstbewussten Weg in die Zukunft nichts mehr im Weg. Oder doch? So einfach macht Weinberg es sich und uns nicht. Anders als Alejchem zur Entstehungszeit des Theaterstücks kannte er die Welt nach der sozialistischen Revolution. Wohl verdankte er, aus Polen geflohen, der Sowjetunion sein Leben. Aber er saß auch unter Stalin im Gefängnis, weil er Jude war – ein naives Augenzwinkern („Schaut mal, die ahnen schon, wie viel besser es ihnen im Kommunismus gehen wird!“), wie die Vertreter des Breschnev-Regimes bei der Uraufführung die Oper verstanden haben dürften, kann für den Komponisten getrost ausgeschlossen werden. Die Musik bietet trotz ausgiebiger Verwendung von jüdischen Intonationen kein sowjetisches „Anatevka“ (das ja ebenfalls auf Texten von Alejchem beruht), keine leichte Komödie mit düsteren Untertönen, im Gegenteil: Die Klagen der Vier werden ernstgenommen und in Weinbergs seriösestem Stil vertont. Zur Feier der Doppelverlobung schließlich singt das Quartett ausgelassen eine russische Fassung des jiddischen Liedes „Tsen brider senen mir gevejzen“ mit Weinbergs eigener Melodie – eine makabre Ballade nach dem selben Muster wie „Zehn kleine Negerlein“, schwerlich ein Ausdruck reiner Euphorie.

Mieczyslaw Weinbergs Oper „Wir gratulieren“ am Theater Heidelberg/ Szene/ Foto Annemone Taake

Ein vorzügliches Ensemble trägt das eindrückliche Stück, das für alle dankbare Soloszenen bereithält. Elisabeth Auerbach als Köchin Bejlja eröffnet den Abend mit tiefempfunder, schlicht gesungener Klage und lässt dabei einen hellen, runden und sicher geführten Mezzo hören. Winfrid Mikus porträtiert den Reb Alter mit kraftvollem Charaktertenor und wechselt fabelhaft zwischen den putzigen und den ernstzunehmenden Momenten der Figur. Gloria Rehm setzt als patente Fradl in Sopranhöhen Glanzlicher, und Ipca Ramanovic wird mit ebenfalls leuchtkräftigem (nur in der Höhe gelegentlich etwas angestrengt klingendem) Bass den unterschiedlichen Stimmungen des jungen, attraktiven Dieners Chaim bestens gerecht. Ein Kabinettstück seine Nacherzählung eines Romans, den sie alle kennen und mit dem sie sich alle aus ihrer eigenen Situation wegphantasieren. Einen brutalen Gegensatz baut Irina Simmes als herrische Madame auf, die sie mit den gebotenen stählernen Höhen zänkisch gestaltet, ohne keifend singen zu müssen. Hoch zu loben ist die allen gemeinsame gute Verständlichkeit.

Yona Kim inszeniert die beiden Stücke so gegensätzlich, wie sie musikalisch sind – sie belässt „Wir gratulieren!“ auch szenisch seine Gedankenschwere; was zu Beginn stellenweise etwas schwerfällig inszeniert wirken mag, entpuppt sich mehr und mehr als konsequente, immer dichter werdende Regie. Zum seltsam knappen, seltsam nicht wirklich in Dur ausbrechenden Schlussjubel kommen Madames Kinder mit Pappköpfen von Stalin und Hitler die Treppe herunter – sinnfällig zeigt dies die Herrenschicht der nächsten Epoche, nach der ersehnten sozialen Umwälzung.

 

Für den Ring des Polykrates hat sich das Kalkweiß der Bühne in ein elegantes Weiß des unmittelbaren Nachkriegshollywood verwandelt. Wilhelm Arndt, der Hausherr, ist offenbar erfolgreicher Filmkomponist, seine Gattin Schauspielerin (Irina Simmes ist witzig als „Laura Simmes“ in Filmplakate wie z.B. zu „Caesar und Cleopatra“ als weiblicher Star hineinretuschiert). Das erfordert ein wenig chronologische Jonglage: Heinrich Teweles‘ zugrunde liegende Komödie stammt von 1888 (so auch die Sprache), Schillers titelgebende Ballade von 1797, Haydn († 1805) und Stamitz († 1801) sind laut Libretto noch am Leben – die erste Oper des 17jährigen Korngold entstand 1914 und kommt ohne neoklassizistische Anteile aus.

Erich Korngolds Oper „Der Ring des Polykrates“ am Theater Heidelberg/ Foto Annemone Taake

Der erfolgreiche und glücklich verheiratete Komponist Wilhelm wird von seinem vom Pech verfolgten Jugendfreund Peter Vogel anhand der Schillerballade vor zu großem Glück gewarnt und dazu gebracht, einen ersten Streit mit seiner Frau anzuzetteln, um dem Neid der Götter zu entgehen. Nach anfänglichem „Misserfolg“ hängt der Haussegen wirklich schief (auch beim die Herrschaft nachahmenden Pärchen Lieschen und Florian, Dienstmädchen und Notenkopist); als die Machenschaften des neidischen Peter allen klar werden, wird den Göttern schließlich die Freundschaft mit ihm geopfert. Kim inszeniert hier kongenial zur spritzig-eleganten Musik. Irina Simmes darf nun ebenso höhensicher schwärmerisch-seidige Klänge in opulenter Linie singen und hat in ihrem natürlichen, façettenreichen Spiel in Alexander Geller einen ebenbürtigen Gatten, der wie einst Cary Grant Eleganz und gelegentliche Ungeschicklichkeit vergnüglich verbindet und seinen Tenor mit Schmelz und Strahl wie eine geschmeidige Klinge führt. Fast wären die Übertitel unnötig, wenn nicht die üppige Orchestrierung gelegentlich die Stimmen überfluten würde. Namwon Huh als drolliger, dem Vorbild Wilhelm nacheifernder Florian (was auch die sehr typgerechten Kostüme von ebenfalls Margrit Flagner spiegeln) besitzt gleichfalls hohe Verständlichkeit und Linie, steht dem Maestro nur (noch) in der Farbigkeit der Höhen nach. Gloria Rehm als Lieschen bestätigt den guten Eindruck aus dem ersten Stück nun auch in einer eindeutig witzigen Rolle. Ipca Ramanovic gibt mit auf Deutsch noch einen Tick freier klingendem Bass den wenig geliebten Gast Peter – als einarmigen Kriegsveteranen. Hier setzt die Regisseurin an, um die beiden Stücke und die beiden Komponistenbiographien zu verschränken. An vier Stellen sind in den Verlauf der funkelnden komischen Oper Kadenzausschnitte aus Korngolds Klavierkonzert für die linke Hand eingelegt, das er für den kriegsversehrten einarmigen Pianisten Wittgenstein schrieb. Während dieser von Stanislav Novitsky gespielten Einlagen erinnern die Personen sich an weniger glückliche Zeiten, vielleicht an Flucht und Verfolgung, und es treten Bejlja und Alter mit Sack und Pack sowie der „unbekannte Geiger“ aus dem ersten Stück auf die Bühne. Auch Peters Kriegsversehrtenstatus gibt dem Schluss des Werks eine Prise Bitterkeit dazu, die ihm gut ansteht.

Dies Einschübe sind für die Verklammerung zweifellos nötig, denn das Werk des 17jährigen reflektiert noch keine persönliche Verfolgungsgeschichte. Doch Kim schafft es, dass diese zusätzliche Ebene weder spielverderberisch noch gewaltsam wirkt.

Gewiss, es hätte ein Werk von Korngold gegeben, das seine persönliche und die Weltgeschichte von 1914 bis in die Nachkriegszeit reflektiert (und zudem noch wie das Klavierkonzert in Fis steht), seine Symphonie von 1952 – doch die hätte sich wohl weniger klanglich abgesetzt als das Soloklavier.

Olivier Pols und das Philharmonische Orchester Heidelberg sind in den beiden unterschiedlichen musikalischen Welten gleichermaßen stilistisch zu Hause; bei Weinberg können viele Orchestermitglieder solistisch glänzen, bei Korngold imponiert der üppige, durchaus wienerische Klang nebst Witz und Präzision. Ich kann nur danken für Bekanntschaft mit zwei lohnenswerten Raritäten, die sehr unterschiedlich bleiben – doch dass die Produktion immer wieder zum Mitdenken über Unterschiede und Gemeinsamkeiten anregt, macht den Abend nur noch interessanter (Foto oben: Mieczyslaw Weinbergs Oper „Wir gratulieren“ am Theater Heidelberg/ Szene/ Foto Annemone Taake). Samuel Zinsli