Packend

 

Elizabeth I. und Mary Stuart. Zwei Königinnen, zwei Bühnenheldinnen (die ihr Zusammentreffen Schiller verdanken, in der Realität hat es nie stattgefunden), zwei monstres sacrés. Für die man sich zwei ebenbürtige Sängerinnen und Darstellerinnen wünscht. Um es kurz zu machen: Dieser Wunsch geht in der neuen Zürcher Maria Stuarda in Erfüllung; noch dazu singen und agieren beide mit einer Intensität und Ausdruckskraft, dass man auf der Stuhlkante sitzt und immer wieder den Atem anhält wie bei einem packenden Historienfilm. Von Beginn an, wo sie einander mit weitem Abstand lauernd umkreisen, wird eine Konfrontation zweier Frauen unter höchster Anspannung aufgebaut.

„Maria Stuarda“ am Opernhaus Zürich/ Szene/ Foto wie auch oben Monika Rittershaus

Diana Damrau, man mag es kaum glauben, debütiert am Premierenabend (8.4.2018) als Maria Stuarda. Kein passives Opferlamm, sondern eine entschlossene Frau, die der Kniefall vor Elisabetta (fatale) Überwindung kostet. Auch die schmelzreich gestalteten lyrischen Passagen vermitteln starke Emotionen; die Caballette bestechen mit jäher, präziser Attacke. Verzweiflung und Wut nehmen die Form langer Fermaten und Schlusstöne an, bedürfen keiner sprechgesanglichen Mittel. Für den Detailreichtum der Gestaltung erwähnen wir die Beschimpfung Elisabettas als „figlia impura di Bolena“, überraschend beinahe tonlos gezischt, darauf angelegt, dass die Beleidigte es „aus Versehen“ gerade noch verstehen kann. Ihr gewaltiges zweites „Basta“ an die Adresse Cecils geht durch Mark und Bein, ohne schrill oder ungenau zu sein, und auch die wie gewohnt sauberen Koloraturen sind Ausdruck emotionaler Ausnahmezustände.

Wie gesagt, in all diesen Qualitäten ist ihr Serena Farnocchia  als Kontrahentin Elisabetta ebenbürtig. Wir lernen sie von Beginn an als furchteinflößende Persönlichkeit kennen, ihre weichere Seite zeigt sie erst im zweiten Akt: eindrücklich ihre Szene mit den Gewissensbissen – oder doch nur der Angst vor der öffentlichen Meinung, wenn sie Maria hinrichten lässt? Die Stimme besitzt Schmelz und Rundung wie jene der Damrau, angemessen zur Figur noch etwas Schärfe im Timbre. Ich hatte Serena Farnocchia bisher in liebenswürdigen, lyrischeren Partien (Desdemona, Boccanegra-Amelia) schon sehr geschätzt und stellte nun entzückt fest, dass ihr bösartige Rollen genauso liegen und sie auch tolle Koloraturen singt.

Pavol Breslik als der von beiden geliebte Leicester hat das Format, zwischen ihnen nicht blass zu bleiben. Von der angesagten Indisposition war vielleicht in den ersten paar Tönen ein kleiner Kratzer zu hören, von dann an sang er einen Leicester, wie man ihn sich nur wünschen kann: kein heldischer Kraftakt, sondern strahlende Emotion, geschmeidig und intensiv, stilistisch tadellos. Mit seiner impulsiven und sensiblen Darstellung vermochte er auch seiner Figur Schattierungen und psychologisches Profil zu verleihen. Andrzej Filonczyk, letztes Jahr noch im Opernstudio und jetzt schon international unterwegs, kehrte für einen von Rache besessenen Lord Cecil nach Zürich zurück, eine extreme Anlage des Charakters, die in die Karikatur hätte kippen können – aber nicht, wenn man sie so konsequent ausspielt. Seinen dunklen Bariton führte er angemessen dräuend. Nicolas Testé war mit etwas knarzigem Bass der warmherzige Talbot, in dem sich sehr schön Ruhepol und Sorge um Maria verband. Hamida Kristoffersen brachte als treue Anna Kennedy eine dritte, dunklere Sopranfarbe ein und erfreute mit ihren wenigen Gesangseinsätzen ebenso wie als Charakter.

„Maria Stuarda“ am Opernhaus Zürich/ Szene/ Foto wie auch oben Monika Rittershaus

Die Inszenierung von David Alden kommt mit einem einzigen Raum mit links gerundeter Rückwand aus, der fallweise mit Sitzgelegenheiten, einem kopfüber durch ein Loch in der Decke hängenden Skelett und anderen passenden Utensilien bestückt wird; das Bühnenbild stammt ebenso wie die schönen und den Personen kräftige Farben zuordnenden, an der Zeit der Handlung orientierten Kostüme von Gideon Davey. Die Bühne erlaubt nahtlose Übergängen und auch synchrone Anwesenheiten, die die fatale Verstrickung der Personen noch intensivieren. Eine stringente und ausgefeilte Personenregie (auch beim Chor) garantiert Drama und, wie gesagt, vielschichtige Charaktere. Einziger kleiner Vorbehalt (aber das ist dann wirklich nicht das Problem des Regisseurs): Kann eine so löblichst auf die Sänger/-innen abgestützte Produktion mit anderer Besetzung annähernd gleich stark in der Wirkung wiederaufgenommen werden?

Auch Enrique Mazzola, der Chor (von Ernst Raffelsberger einstudiert) und die Philharmonia Zürich verstehen Belcanto nicht als n u r schöne Musik, sondern verbinden Brio und liebevolles Ausmusizieren mit klugem dramaturgischem Aufbau und einer vom ersten Takt an fiebernden Verve, die auch in den getragenen Passagen im Hintergrund spürbar bleibt.

Wie schön, ein Opernhaus zu verlassen und ausnahmslos nur Gutes und Begeistertes sagen zu können! Samuel Zinsli