Optische Scheußlichkeiten

 

Einen auffälligen Hang zu optischen Scheußlichkeiten bewiesen Michiel Dijkema (Regie und Bühne) sowie Jula Reindell (Kostüme) in ihrer Neuinszenierung von Dvoráks Rusalka an der Oper Leipzig. Mit der öden Mondlandschaft in bläulichem Nebel (Lichtdesign: Michael Fischer) ohne jedes grüne Blatt hätte man sich vielleicht noch anfreunden können, wenngleich kaum eine andere Oper so nach der Natur verlangt wie dieses Lyrische Märchen. Wenn aber aus kraterartigen Öffnungen die drei Waldelfen, die Rusalka doch ihre Schwestern nennt, als Abkömmlinge von Miss Piggy mit monströsen Hängebrüsten und überdimensionierten Hinterteilen auftauchen, wähnt man sich eher in einem spaßigen Comic denn in dieser berührenden Geschichte um die Sehnsucht einer Wassernixe nach menschlicher Liebe. Der gesamten Inszenierung fehlt es an Poesie, an Einfühlungsvermögen in das Schicksal von Rusalka und ihrem geliebten Prinzen. Sie selbst gleicht in ihrer Kostümierung mit spitzen Schuppen auf Kopf und Rücken eher einem Reptil und erstaunlicherweise gehört der Wassermann in seiner Erscheinung zur selben Spezies. Jezibaba dagegen reitet auf dem Dach ihres hölzernen Hexenhauses, das von zwei riesigen Hühnerbeinen getragen wird, in einem bunten Folklorekostüm mit Federkragen wie eine Eskimofrau herein. Mit einer Schlinge reißt sie Rusalka brutal den Fischschwanz ab, die danach mit blutigen Hautfetzen wie ein waidwundes Tier strauchelt und einen erbarmungswürdigen Anblick bietet.

Verstörend auch einige Episoden im 2. Akt – so zu Beginn mit dem Heger (Jonathan Michie mit markantem Bariton), der in einem Lieferwagen hereinfährt und das erlegte Reh an einer Leine aufhängt und danach in aller naturalistischen Deutlichkeit ausweidet. Peinlich plakativ gezeichnet ist die Fremde Fürstin als freizügig kostümierte Domina in schwarzen Stiefeln und laszivem rotem Fummel, die mit dem Prinzen an der Rampe kopuliert, ihn aber danach verflucht und sich in eine hexenhafte Vettel verwandelt. Zumindest in Teilen versöhnt der letzte Akt, wo in einer kurzen Natur-Vision des inzwischen wahnsinnig gewordenen Prinzen erstmals die Farbe Grün auftaucht. Danach evozieren magisch blaue Lichtstimmungen Caspar David Friedrichs Gemälde „Der Mönch und das Meer“ und im Hintergrund steigt der Mond als riesiger Ball aus tausend glitzernden Lämpchen empor.

Das Haus konnte mit einer respektablen Besetzung aufwarten, angeführt von Olena Tokar in der Titelrolle. Die ukrainische Sopranistin vermochte mit innigen, melancholischen Gesängen sehr anzurühren, mit ihren subtilen, wehmütigen  piani und zarten Tongespinsten eine poetische Figur erstehen zu lassen. Nur in jenen Momenten, wo Christoph Gedschold das  Gewandhausorchester zu übermäßigen forte-Attacken herausforderte, musste die Sängerin alle Reserven mobilisieren mit dem Ergebnis eines verhärteten Klanges in der Höhe. Aber der Dirigent zauberte auch wunderbar lyrische Episoden – bei Rusalkas sehnsuchtsvollem Mondlied-Thema, bei ihrem Wiederfinden mit dem Prinzen im 3. Akt und beim verklärten Schluss. Einen potenten Zwischenfachtenor ließ Peter Wedd als blond gelockter und gekrönter Prinz hören, dem man nur ein paar mehr duftige Valeurs gewünscht hätte. Mit emphatischen Aufschwüngen vermittelte er eindrücklich sein Todesverlangen am Ende, nur bei den exponierten Tönen war dem Sänger das Glück nicht immer hold. Kathrin Göring gab die Fremde Fürstin mit flammendem Mezzo und dramatisch auffahrender Gebärde; Susan Maclean zeichnete die Jezibaba als wunderliche Alte mit strengem, in der Höhe grellem Alt und lautmalerischem Gesang. Imposant der Wassermann von Vladimir Baykov mit kraftvollem, voluminösem Bassbariton, der auf Rusalkas Verlangen, menschliche Gestalt anzunehmen, mit grimmigem Zorn antwortet. Gesanglich homogen das Terzett der Waldelfen mit Magdalena Hinterdobler, Sandra Maxheimer und Sandra Fechner, die sich in ihrer absurden Kostümierung am Ende auch noch mit dem munteren Küchenjungen (Lenka Pavlovic) an der Rampe verlustieren müssen (14. 12. 2017/ Foto oben „Rusalka“ an der Oper Leipzig/ Szene/Foto Kirsten Nijhof). Bernd Hoppe