Opernhaftes Ballern

 

Nun ist sie endlich auf einer Bühne zu sehen, César Francks fast nur der Sage nach bekannte große Oper Hulda, genauer Légende scandinave, die nach dem Tod des Komponisten (1822-90) 1894 in Monte-Carlo uraufgeführt und bereits im folgenden Jahr von den Spielplänen verschwand: Im 20. Jahrhundert erinnerte sich immerhin die RAI des Werkes, wovon ein nur mit Liebe zu erduldender Mitschnitt unter Vittorio Gui Zeugnis ablegt. 125 Jahre nach der Uraufführung ist Hulda am Theater Freiburg angekommen, das die Ehre der deutschen Erstaufführung seinem das Vorhaben eifrig betreibenden GMD Fabrice Bollon verdankt. Aus den Konflikten marodierender norwegischer Stämme und Sippen im frühen Mittelalter gerät Hulda mitten in den afrikanischen Sumpf aus Ausbeutung, Unterdrückung, Versklavung und Vergewaltigung. Tilman Knabe richtet einen nachdrücklichen Appell an die Zuschauer, die Musik tritt dabei fast in den Hintergrund.

César Franck war kein Mann der Oper. Bekannt blieb der streng religiöse Organist, der auch für die französische Orchestermusik wieder Land gewann, vor allem seiner geistlichen Werke wegen sowie als Lehrer einer ganzen Generation französischer Komponisten wie D’Indy, Chausson und Duparc, für welche die Oper keine oder eine untergeordnete Bedeutung besaß. Im Kampf zwischen einer eigenen Musikschule unter starker Rückbesinnung auf die in der Schola cantorum gepredigte Psalmodie des Mittelalters einerseits und dem Wagnérisme andererseits, schlug Franck mit seiner einzigen Oper einen eigenen Weg ein – der Stradella des nicht mal Zwanzigjährigen, den seine Geburtsstadt Liège vor Jahren zur der Wiedereröffnung des sanierten Opernhauses hervorkramte, ist wie eine zweite Oper aus den jungen Jahren eine Nettigkeit, Ghiselle blieb unvollendet. Wie Lalo und Reyer griff Franck bei seiner späten großen Oper zu einer mythisch mittelalterlichen Begebenheit, zu einem Stück des späteren norwegischen Nobelpreisträgers Bjørnstjerne Bjørnson, der seine Stoffe alten Sagen entnahm, wie die von der lahmen Hulda (Halte-Hulda), die ihrer dämonischen Liebe sogar ihren Geliebten opfert, mit den sie den Feuertod erleidet. In der von Charles Grandmougin grobmaschig auf die Muster der Grand opéra zurechtgestutzten Oper wird Huldas Vater getötet, sie von der feindlichen Aslak-Sippe verschleppt und zur Ehe mit Gudleik, einem der fünf Aslak-Söhne, gezwungen. Hulda verliebt sich jedoch in den Ritter Eiolf, der während der Hochzeit ihren Gatten tötet, später aber zu seiner einstigen Geliebten Swanhilde zurückkehrt, worauf ihn Hulda von den Gudleik-Brüdern töten lässt und diese wiederum von Eiolfs Männern erschlagen werden. Hulda stürzt sich in die Fluten.

César Francks „Hulda“ am Theater Freiburg/ Szene/ Foto Tanja Dorendorf

In Freiburg wird die fahnenschwingende Freiheitskämpferin („Der See leuchtet, Segel glitzern“) laut Inhaltsangabe im Programmheft „von der unaufhaltsam aufbrausenden Woge der Gewalt mitgerissen“. Huldas letzter Triumph: „Alle sind aus Liebe zu mir zu Grunde gegangen“. Eine Reise ins Herz der Finsternis unternimmt Tilman Knabe, der die norwegische Stammesfehde aus dem 11. Jahrhundert in einem Township im Kongo zwischen Söldnerhorden und Blauhelmsoldaten, Warlords und internationalen Medienbeobachtern beim Wirtschaftsgipfel als Fortsetzung der kurz nach Entstehung der Oper stattfindenden Kongogräuel und Verbrechen unter dem belgischen König abbildet. Zwischen Kaspar Zwimpfers wild zusammengepuzzelten Hütten und Buden, Bordell und Animierschuppen, der Villa und dem mit Stacheldraht eingezäunten Hotel – pikanterweise mit dem Namen „Leopold II.“ – wird gequält, gefoltert, vergewaltigt, werden die Leichen der Frauen aufgetürmt. Doch das ist nichts im Vergleich zu den in Dokumenten geschilderten Gräuel, die Knabe neben Texten u.a. von Sartre und über Imperialismus und Ausbeutung auf den Zwischenvorhang wirft. Die Salven der Maschinengewehre sind all gegenwärtig wie die Übergriffe auf die Frauen zwischen Saufgelage und mit Handys gefilmten Exzessen. Radikal und stark. Aber zum Teil eben auch opernhaftes Wüten und Gemache, vor allem in den Aufritten aus und durch den Zuschauerraum (Bewegungscoach: Peter Pruchniewitz). Von dem Werk wird das nicht getragen. Die grausame Metzelei ließe sich genauso auf die Götterdämmerung übertragen, deren szenische Muster – etwa im Brautzug, Huldas ständigen Racheschwüren, Ermordung des „Helden“ – in Hulda wiederkehren. Fabrice Bollon und das Philharmonische Orchester Freiburg sowie Chor und Extrachor haben Mühe (10. März 2019), sich gegen das Geballere und die Übermacht der Kriegsereignisse zu behaupten, ringen aber erfolgreich um diese Oper, die alle Qualitäten besitzt, die man aus den etwa zeitgleichen Le Roi d’Ys und Sigurd oder den späteren Ariane et Barbe-bleue, und Le roi Arthus kennt. Franck hat eine chromatisch reiche Musik von kraftvoll schwerer Lyrik, rauschhaften Orchesterpassagen und zarten, fast sensualistischen Farben komponiert. Nicht sehr dramatisch, die Figuren werden nicht vertieft, selbst Hulda wird in ihrer grenzlosen Rache nicht greifbar, sondern bleibt eine bloße gesangliche Herausforderung. Höhepunkte sind die Vorspiele zum zweiten und dritten Akt (Freiburg spielt die Oper in drei Akten mit Prolog und Epilog), die beiden Duette des kraftlosen Eiolf mit Hulda und dann mit Schwanhilde, wobei das mit der Ex sublimer ausfällt.

Der Tenor des Amerikaners Joshua Kohl klingt noch etwas unentschlossen. Packend ist im ersten Akt das Gottes-Gebet der Mutter, Anja Jung hat einen grandiosen Alt und singt mit leuchtend gesammeltem Ton und nobler Berücksichtigung von Francks Prosodie, während Hulda in ihrer Anrufung der Götter noch den alten Gottheiten anhängt. Interessant auch das Rache-Quartett, in dem Hulda die drei überlebenden Gudleik-Brüder (Roberto Gionfriddo als Erik, Junbum Lee als Eynar und Seonghwan Koo als Thrond) zum Mord am treulosen Eiolf überredet. Der vierte Gudleik Bruder, Arne (Yongsoo Yang), wurde bereits des Nachts versehentlich vom Vater getötet, weil er ihn für Hulda Liebhaber hielt.

Nicht hoch genug zu preisen ist Morenike Fadayomjs Hingabe an Hulda, ihr grenzenloser körperlicher Einsatz und die schauspielerische Intensität, mit der sie die vergewaltigte, Blut besudelte Frau spielt, die sich notdürftig mit Plastikfetzen bedeckt, im „Proud To Be Black“-Shirt Stärke zeigt und sich in farbprächtigen Gewändern und mit opulentem Kopfschmuck zur afrikanischen Göttin und zuletzt zur Freiheitskämpferin entwickelt (Kostüme: Eva Mareike Uhlig). Fadayomi setzt, mit eigentlich zu schmaler Stimme, exquisite vokale Höhepunkte, entfaltet verführerische Passagen, flüchtet sich manchmal in ein verlegen brummelndes Sprechen; gegen Ende der dreistündigen Aufführung lassen die Kraft und Eloquenz in der Mittellage nach, gerät der Ausdruck etwas allgemein. Aufgrund ihrer szenischen Präsenz hat Fadayomi kaum ein Gegenüber zu fürchten. Mächtig dreht die Aslak-Sippe mit Jin Seok Lee als Herrscher und Juan Orozco als Gudleik auf, Katerina Hebelková ist als Gudrun eine herrlich zickige Stammes-Mutter. So rasch wird sich kein Theater an die nächste Hulda wagen.  Rolf Fath