Offenbachiade

 

Im falschen Stück wähnt man sich bei Lydia Steiers Neuinszenierung von Berlioz’ Les Troyens an der Semperoper, wo das bunte Treiben der Menge im 1. Akt an jenes vor dem Café Momus in Puccinis La Bohème erinnert oder auch Offenbachs La vie parisienne zugeordnet werden könnte. Der Italiener Gianluca Falaschi entwarf bunte Kostüme im französischen Stil des ausgehenden 19. Jahrhunderts – die Damen mit Pelzen, Hüten, Stolen und Federschmuck, die Herren mit Zylinder und Gehrock, junge Burschen in Schiebermützen, Knaben in Matrosenanzügen. Bühnenbildner Stefan Heyne verortet das Geschehen dagegen konkret in Dresden – auf dem Theaterplatz vor dem Opernhaus mit einem Entwurf Gottfried Sempers für das Königliche Hofoperntheater als halbrunder Prospekt im Hintergrund. Auch das im Zentrum thronende Reiterstandbild mit dem sächsischen König Johann und gewaltigem Sarkophag wird man später sehen, wenn es als Trojanisches Pferd herein gezogen wird. Und selbst in Karthago, wo die Szene von einem hohen Turm dominiert wird, der an jenen von Babel erinnert, mit seinen gusseisernen Ornamenten aber auch die Bauten der Pariser Weltausstellung wachruft, ist das Dresdner Opernhaus präsent, wenn sich eine Stoffbahn mit dessen Ansicht herabrollt.

Die Regisseurin arbeitet häufig mit szenischen Anspielungen auf Vergangenheit und Gegenwart, seien es die auf Tribünen den Frieden mit blauen Fahnen feiernden Trojaner oder die unter dem Jauchzen der Menge angestochenen Bierfässer und üppig gefüllten Würstchenbehälter. Auch in Decken gehüllte Flüchtlinge, Trauernde mit Bildern von Toten und Grabkerzen oder Jubelnde mit roten Fahnen, Hammer und Sichel sind zu sehen.

„Les Troyens“ an der Dresdner Semperoper/ Szene/ Foto Monika Forster/ Semperoper

Der Beginn des 2. Aktes zeigt ein zerstörtes Interieur mit einem Krankenbett, wo Énée soeben ein erotisches Abenteuer erlebt hat und gleich darauf den personifizierten Schatten Hectors küsst, der ihn nach Italien weist, um dort ein neues  Reich zu gründen. Die Seherin Cassandre (Jennifer Holloway, kostümiert als Mimì, mit dunkel getöntem, flammendem Sopran), deren Warnungen und Visionen vom Untergang Trojas niemand Glauben schenkt, ruft, nachdem auch ihr Verlobter Chorèbe (Christoph Pohl mit virilem, prachtvoll strömendem Bariton) den Feinden zum Opfer gefallen ist, die Frauen zum kollektiven Selbstmord auf, um sich der Schändung durch die Eindringlinge zu entziehen. Steier zeigt das als blutiges Abschlachten mit aufgeschlitzten Leibern, spritzendem Blut und heraus quellendem Gedärm – eine Szene, deren Peinlichkeit im letzten Akt noch übertroffen wird, wenn auf dem Souffleurkasten eine schamlose Vergewaltigungsszene mit einer Bewohnerin Karthagos und einem trojanischen Soldaten gezeigt wird. Noch einmal gibt es ein Blutbad, wenn die numidischen Eindringlinge niedergemetzelt und deren Anführer von einem Erschießungskommando hingerichtet werden. Mit einem modernen XL-Gabelstapler transportiert man die Toten umständlich ab, denen Anna vorher noch den Schmuck abgenommen und ihnen die Goldzähne ausgebrochen hat. Dieser makabren, an KZ-Praktiken erinnernden Szene lässt die Regisseurin ein Freudenfest mit Gauklern, Artisten und Seifenblasen folgen. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass sie mit diesem Mammutwerk schlichtweg überfordert war. Dass sie aber auch darstellerische Entgleisungen nicht zu verhindern wusste, überrascht doch. Da agieren Énées Sohn Ascagne (Emily Dorn) und Didons Schwester Anna (Agnieszka Rehlis im Overall mit interessantem Alttimbre) überzogen und lächerlich wie in einem Laientheater. Da torkeln die betrunkenen Trojaner clownesk umher, versuchen die Frauen ein paar Can-Can-Schritte, wird der Chor in altmodischer Manier immer wieder an der Rampe postiert oder illustriert als tanzende, sich befummelnde Paare in slow motion zentrale Gesangsnummern, wie das Chanson des Hylas („Vallon sonore“) zu Beginn des 5. Aktes. Simeon Esper muss es wie eine Pop-Nummer ins Standmikrofon singen und dazu noch einen Betrunkenen mimen, kann mit seiner plärrenden Stimme auch akustisch nichts retten, weil seinem Vortrag jegliche Delikatesse fehlt. Besser ist es um den anderen lyrischen Tenor bestellt, denn Joel Prieto als Dichter Iopas, der im Ringelshirt auf dem Fahrrad hereinfährt und die Ankunft einer unbekannten Flotte vermeldet, verfügt für seinen Gesang „O blonde Cérès“, den er wie ein betretener Schuljunge absolvieren muss, über mehr Schmelz und Geschmeidigkeit.

Zentrale Tenorpartie dieser Grand opéra ist freilich der kriegerische Held Énée, der das Pferd der Griechen in die Stadt bringen lässt und damit deren Untergang heraufbeschwört. Der Amerikaner Bryan Register, der für den leider erkrankten Eric Cutler diese fordernde Aufgabe übernommen hatte, kommt in seiner Uniform mit goldenen Epauletten wie der eitle Tambourmajor aus dem Wozzeck daher. Gesanglich überzeugt er in einigen lyrischen Passagen, besitzt aber wenig Farben in der baritonalen Mittellage und klingt in der hohen Tessitura gequält. In der großen Liebesszene mit Didon, „Nuit d’ivresse“, für die wieder das armselige Krankenbett mit Nachttischlampe bemüht wird, hat er seine besten Momente, auch die schmerzliche Lyrik im ersten Teil des Solos im letzten Akt („Ah! quand viendra l’instant“) gelingt ihm, nicht aber dessen exponierter Schluss, wo die Stimme eine deutliche Überforderung offenbart.

„Les Troyens“ an der Dresdner Semperoper/ Szene/ Foto Monika Forster/ Semperoper

Die karthagische Königin wird zuerst als Architektin mit Bauplänen auf einem Holzgerüst eingeführt. Man feiert das Richtfest des Turmes mit Breakdance und Gopak; machtvoll und rote Fähnchen schwenkend singt die Menge in russisch anmutenden Volkstrachten. Didons Minister Narbal meldet den Angriff der Numider, was Evan Hughes mit markantem Bassbariton zu einem imposanten  Auftritt nutzt. Christa Mayer fehlen für die mythische Figur der Königin Charisma und Majestät; auch in der letzten existentiellen Szene, wenn Énée sie verlässt, um nach Italien zu ziehen, gleicht sie eher einer schimpfenden Hausfrau. Ihr dramatischer, streng vibrierender Mezzo klingt in der oberen Lage aufgerissen und grell, nur in ihrem Abschiedsmonolog („Ah! Ah! Je vais mourir“) vor dem Selbstmord auf dem Sarkophag weiß sie mit tragischem Duktus zu ergreifen. Danach folgt der von Hass erfüllte Gesang der Karthager an der Rampe, den die Regisseurin szenisch nicht zu kommentieren vermag.

Der Sächsische Staatsopernchor Dresden, der Sinfoniechor Dresden, der Extrachor und der Kinderchor des Hauses (Einstudierung: Jörn Hinnerk Andresen) setzen nicht nur in diesem verstörenden Finale die vokalen Glanzlichter des Abends. Auch die Sächsische Staatskapelle Dresden unter John Fiore entschädigt mit ihrem glanzvollen Spiel für die Defizite auf der Bühne. Da hört man schwelgerischen Rausch, pompöse Märsche, impressionistischen Klangzauber und gewaltig gesteigerte Tableaus. Das Premierenpublikum am 3. Oktober 2017 feierte Orchester, Chor und Sänger, während das Regie-Team deutliche Missfallensäußerungen hinnehmen musste (Foto oben: „Les Troyens“ an der Dresdner Semperoper/ Szene/ Foto Monika Forster/ Semperoper). Bernd Hoppe