Offenbach-Hommage

 

Da ist so allerhand los im Königreich Krokodyne, wo es einen korrupten Polizeichef, einen königlichen Schwarzmagier sowie speichelleckende Minister gibt. Regent ist der vergnügungssüchtige, laufend Schulden anhäufende Prinz Fridolin XXIV., der vom guten, zauberkräftigen Geist Robin zum Wohle des Landes mittels einer Reise in fantastische Welten auf den Pfad der Tugend gebracht werden soll. Robins Gegenspielerin ist die Hexe Kalebasse, die die den Prinzen liebende Grafentochter Rosée-du-Soir gefangen hält, die erst einmal befreit wird und – zunächst als Mann verkleidet – mit dem Prinzen auf Reisen geht. Kalebasse verhext derweil die Mitglieder des königlichen Gemüsebeets, die als König Karotte und Gefolge aus Radieschen, Porree und Roten Beten die Macht übernehmen. Fridolins Reise geht zum Zauberer Quiribibi, der ihn auf die Suche nach dem magischen Ring des Salomon ins antike Pompeji kurz vorm Vesuv-Ausbruch und in den Arbeiterstaat der Ameisen schickt. Schließlich kommt es auch mit Hilfe Fridolins und seiner Getreuen zum Aufstand gegen den welkenden Karottenkönig, also zu einer richtigen Revolution. Nach allen Turbulenzen beschließt das turbulente Spiel um die Macht in Krokodyne natürlich ein Happyend.

Mit König Karotte schufen Jacques Offenbach und der Librettist Victorien Sardou eine gelungene Verbindung von märchenhaftem Zaubertheater – als opéra-féerie seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert bis weit in die französische Romantik sehr beliebt – und komödiantischer opéra bouffe, in der es wie immer in Offenbachs Operetten zahlreiche literarische und politische Anspielungen gibt, die heute kaum noch verständlich sind, aber doch teilweise erstaunliche Aktualität aufweisen. Die Uraufführung 1872 am Pariser Théâtre de la Gaîté wurde zu einem von Offenbachs größten Erfolgen. Nach 193 Vorstellungen in sechs Monaten und Folge-Produktionen in London und Wien verschwand das muntere Werk jedoch fast 150 Jahre in der Versenkung. Nach der erfolgreichen Wiederentdeckung 2015/16 in Lyon gibt es nun zum Offenbach-Jahr 2019 (200. Geburtstag) in Hannover die deutsche Erstaufführung der neuen Edition der Musik mit der Neuübersetzung von Jean Abel.

Das Inszenierungsteam des Regisseurs Matthias Davids erlag nicht der Versuchung, das märchenhafte Geschehen gewaltsam zu aktualisieren – die Parallelen zu den Diktaturen dieser Welt oder dem unberechenbaren Präsidenten einer Weltmacht sind da deutlich genug. Zu den hierzulande bekannten Problemen blieb es bei Andeutungen, die zu Lacherfolgen führten: So war eine der ersten Amtshandlungen von König Karotte das Zeigen der Merkel-Raute, oder es gab eine spitze Bemerkung zum Zustand der aktuellen Regierung. Im Übrigen machten die mit verblüffend einfachen Mitteln bewirkten, überaus raschen Wechsel der Szenen staunen (Bühne: staunen (Bühne: Mathias Fischer-Dieskau – Licht: Sascha Zauner), in denen geradezu eine Kostümorgie ablief. Susanne Hubrich hatte den Fundus gründlich geplündert, um die vielen Choristen und Statisten immer wieder unterschiedlich einzukleiden, was bis zu dem tollen Auftritt von acht Statisten in vollständiger Ritterrüstung führte. Damit sind wir bei dem Agieren auf der Bühne: Wie es dem Regisseur und der Choreographin Kati Farkas gelungen ist, das Ensemble und den Chor zu den flotten Tanz-Bewegungen bei Can-Can, Walzer und anderem zu animieren, das machte richtig Spaß anzusehen, zumal alle mit unbändiger Spielfreude bei der Sache waren. Sicher, manche der zum Verstehen des Inhalts wohl erforderlichen Sprechtexte zogen sich ein bisschen hin, aber insgesamt war es ein rundum gelungener Musiktheater-Spaß.

Wesentliches Element des großen Premierenerfolgs war natürlich die mitreißende Musik Jacques Offenbachs, die bei Valtteri Rauhalammi am Pult des Niedersächsischen Staatsorchesters in guten Händen war. Er sorgte in den vielen großen Szenen für den nötigen Zusammenhalt, kostete aber auch die etwas ruhigeren Abschnitte gut aus, wie z. B. das schöne Quintett bei der Ankunft in Pompeji oder das Liebesduett Rosée/Fridolin zu Beginn des 4. Akts.

Offenbachs „König Karotte“ an der Staatsoper Hannover/ Szenen/ Foto wie auch oben  Jörg Landsberg

Das hannoversche Ensemble bewies mit durchweg guten Leistungen hohe Qualität; die vielen Wechsel von den gesprochenen Texten zu den Musiknummern – nicht gerade eine Lieblingsbeschäftigung von Opernsängern – gelangen ausgezeichnet. In der Titelrolle stellte Sung-Keun Park, seit vielen Jahren im ernsten, lyrischen Tenorfach zu Hause, seine stimmliche Vielseitigkeit unter Beweis, indem er die hohe Tessitura der Partie blendend beherrschte und dazu einen urkomischen König Karotte gab. Prinz Fridolin war mit großer Beweglichkeit in Körper und Stimme Eric Laporte, der seinen ausgeglichenen, tragfähigen Tenor wirkungsvoll einzusetzen wusste. Einmal mehr überzeugte als Robin Mareike Morr mit lebhaftem Spiel und klugem Einsatz ihres charaktervollen Mezzosoprans.

Als zunächst unglückliche, später treue Begleiterin des Prinzen mit dem schönen Namen Rosée-du-Soir trat Athanasia Zöhrer auf, die einen in allen Lagen abgerundeten, intonationsreinen Sopran hören ließ. Eine total flippige Prinzessin Kunigunde gab Stella Motina mit heller, zu ihrer Gestaltung passender manchmal fast schriller Stimme. Der Hexe Kalebasse und dem Zauberer Quiribibi gab der Schauspieler Daniel Drewes jeweils herrlich albernes Profil. Mit ausgesprochen flexibler Führung seines charakteristischen Basses und witziger Darstellung war Frank Schneiders der Polizeichef Pipertrunck, der im Laufe des Stücks mehrmals die Seiten wechselte, ein wahrer Wendehals. Zum Gefolge des Prinzen und zwischenzeitlich zu König Karotte gehörten in aberwitzigen Kostümierungen der Schwarzmagier Truck (Byung Kweon Jun), Baron Koffre (Uwe Gottswinter), der eher als Piraten-Kapitän ausgestattete Marschall Trac (Pawel Brozek) und  Finanzminister Graf Schopp (Daniel Eggert). In mehreren kleineren Rollen machte
Carmen Fuggiss gute Figur; zahlreiche tüchtige Chorsolisten ergänzten. Schließlich gefiel in besonderem Maße der wieder klangprächtige Chor (Lorenzo Da Rio).

Das rundum begeisterte Premierenpublikum im nahezu ausverkauften Haus bedankte sich bei allen Beteiligten mit starkem, lang anhaltendem und mit Bravo-Rufen gemischtem Beifall für den höchst unterhaltsamen Abend. Gerhard Eckels

 

Und Dieter-David Scholz, renommierter Musikkritiker und Offenbach-Spezialist sah das so:  Vom Publiku frenetisch gefeierte Dt. EA der Opéra bouffe-féerie  König Karotte  von Jacques Offenbach in der Staatsoper Hannover. Fast 150 Jahre nach der Uraufführung  kam am 4.11. 2018 Abend Jacques Offen­bachs große Polit-Satire „Le Roi Carotte“  an der Staatsoper Hannover zur deutschen Erstaufführung in ihrer originalen vieraktigen Fassung, die seit 2015 existiert. Das Werk erlebte bei der Uraufführung 1872 in Paris einen Sensationserfolg mit fast 200 Vorstellung en suite in nicht einmal einem Jahr und feierte anschließend Triumphe in Wien, London und New York. Nach dem sensatio­nellen Erfolg der Wiederentdeckung des Werkes 2015/16 in Lyon (zuvor gab es lediglich einige unvollständige, willkürlich bearbeitete Fassungen des Stücks zu sehen) läutet nun die Staatsoper Hannover mit „König Karotte“ , ins Deutsche übersetzt von Jean Abel das Offen­bach-Jahr 2019 in Deutschland ein. Die kopro­duzierende Wiener Volksoper übernimmt in der Spielzeit 2018/19.

Opéra bouffe-féerie nennt Jacques Offenbach seinen „Roi Carotte“, der in Hannover (etwas gekürzt) in deutscher Übersetzung von Jean Abel als „König Karotte“  auf die Bühne kommt.  Mit ihrer Opéra-bouffe-féerie schufen Offenbach und sein kongenialer Librettist Victorien Sardou (der auch für Puccinis „Tosca“ das Libretto schrieb), ein neues Genre. Es fusionierte den Prunk der französischen Zauber­oper mit dem scharfen Witz der Offenbachiade zu einem hinrei­ßenden Lehrstück über Macht, Korruption und Liebe. Frank Harders vom Verlag Boosey & Hawkes, der 2015 die erste komplette originale Fassung des Stücks herstellte, erinnert daran, dass das Stück aus jener Zeit nach dem Deutsch-Fanzösischen Krieg 1870/71 stammt, in der Offenbach …

„ … am Théâtre de la Gâité gearbeitet hat, in der er seine eigenen Offenbach­ia­den zu Opéras féeries umgearbeitet hat, große Ausstattungsschlachten, organisiert hat mit hunderten von Kostümen. Es war ja immerhin totales Theater vor der Erfindung von Film und Fernsehen. Und ein großes Spektakel, was ein spektakelsüchtiges Publikum befriedigt hat.“

Dass dieses Meisterwerk so einen epochalen Erfolg hatte, liegt natürlich auch an der Handlung: Es spielt im fiktiven Königreich Krokodyne, in dem es Hexen und Zauberer gibt, einen königlichen Schwarzma­gier und einem korrupten Polizeichef. Prinz Fridolin ist der Regent des Landes : durch und durch verwöhnt, vergnügungssüchtig und verschwenderisch. Der gute Geist Robin hat sich in den Kopf gesetzt, Fridolin zum Wohle seines Landes auf den Pfad der Tugend zu bringen. Unverhofft bekommt er Hilfe von der Hexe Kalebasse, die den Prinzen stürzen will. Mitglieder des königlichen Gemüsebeets übernehmen die Macht: König Karotte und sein Gefolge aus Radieschen, Rübchen und Roten Beten. Eine Zeit der Prüfungen und Erfah­rungen soll Fridolin Maß und Demut lehren, um ihn zu einem guten, aufgeklärten Herrscher zu formen. Fridolin reist durch fantastische Welten: Zum Zauberer Quiribibi, der ihn auf die Suche nach dem magischen Ring des Salomon schickt. In einen sozialistisch anmutenden Arbeiterstaat der Ameisen und zur Frühlingsfeier der Insekten (dieses aufwendige Bild wurde in Hannover gestrichen), ins antike Pompeji (samt Vulkanausbruch) und zurück. Die Eisen­bahn macht´s möglich (mal abgesehen von allerlei Zauberei). Eine augenzwinkernde Reve­renz an die technischen Innovationen jener Zeit, die Offenbach mit einem Eisenbahnrondo gewitzt musikalisch in Szene setzt.

Am Ende des vieraktigen Stücks steht eine Revolution. Das Volk erhebt sich, treibt die Gemüse-Geister wieder unter die Erde und setzt den weiser gewordenen Fridolin wieder in seine alten Rechte ein. Ein sensationell politisches Stück. Mit ihm hat Offenbach – es entstand 1869 – dem Zweiten Kaiserreich einen gnadenlosen Spiegel vorgehalten, es ist ein Schlüsselstück über Pariser Verhältnisse. Das Diplomaten-Couplet des dritten Aktes lässt keinen Zweifel. „König Karotte“ ist nicht nur eines der gewagtesten, es ist auch eines der aufwendigsten und facettenreichsten Werke Offenbachs. Frank Harders ist angesichts dieser Deutschen Erstaufführung nur beizupflichten: „Im Zusammenhang mit dem 200. Geburtstag im nächsten Jahr wird man sich vielleicht die Mühe geben, den Beitrag Offenbachs zum Musiktheater des 19. Jahrhunderts neu zu überdenken.“

Tatsächlich hat kein anderes Werk Offenbachs seine Feinde und Freunde zu so hitzigen Kon­tro­versen  animiert. 1870 sollte Premiere sein. Aber Revolution und Königssturz fanden nicht auf der Bühne, sondern in der Wirklichkeit des Deutsch Französischen Krieges statt. Als « Le Roi carotte » nach dem Krieg auf die Bühne kam, war es nichts weniger als ein Stück mit un­mittelbarer politischer Vergangenheit und Zukunfts­spekulationen. Witzig, bissig und bri­sant wirkt der von Jean Abel ins Deutsche übersetzte Text Sardous auch heute noch, gesättigt mit literarischen und politischen Anspielungen, die beinahe gegenwärtig erscheinen.

Alle Minister, alle Figuren sind irgendwelche Kommentare zu Personen, die es damals gab. Und das fällt im Grunde alles weg. Ich muss ja immer denken, der Zuschauer hat sich gar nicht mit Offenbach beschäftigt, das heißt, ich muss die Essenz rausholen, so dass man Offenbach nicht verrät mit seiner politischen Satire, aber trotzdem den Schritt ins Heute schaffen kann.“  Regisseur Matthias Davids schafft es ohne Aktualisierung, die nahe läge:

„ Ich hab´s nicht gemacht, weil die Politik sich an Aktualität immer wieder selbst überholt. Wenn ich, ich sag jetzt Mal ein nahe liegendes Beispiel, Trump  als Karotte verstehen würde, wäre das langweilig, denn Trump kann man nicht toppen auf der Bühne, weil er sich selber jeden Tag toppt. Das Stück ist ja doch allgemeingültig. Man kann einfach sagen, die Leute, die Macht wollen, bekommen sie und werden ihre Macht auch missbrauchen.  Und immer wenn man denkt, der neue Machthaber macht es besser, wird es im Zweifelsfall schlimmer werden.

Matthias Davids setzt in seiner die phantastische Handlung  in flottem Tempo virtuos  und szenisch einfallsreich erzählenden Inszenierung auf Comedy-, Revue- und Slapstick-Anspie­lungen.  Es entsteht eine Parabel voller Scherz, Satire, Ironie und tieferer Bedeutung. Dass er allerdings Karotte am Ende entkommen lässt, bleibt fragwürdig!  Mathias Fischer-Dieskau hat ihm dazu eine verwandlungsfähige Bühne gebaut, auf der sich simple, aber spektakuläre Bühnen- und Requisiteneffekte zaubern lassen. Man befindet sich im Theater auf dem Theater, Wolkenprojektionen, heranfahrende Schlosskulissen, das antike Pompei entsteht aus Ruinen,  Gartengemüse wird lebendig. Susanne Hubrich hat ein wahres Füllhorn an kostüm­licher Phantasie ausgeschüttet, von der Antike bis zur Offenbach­zeit. Der  Chor und  der Bewegungs­chor der Staats­oper Hannover tanzen dank der Choreografin Kati Farkas bewundernswert. Eine außergewöhnliche Leistung angesichts der rhythmisch abwechslungsreichen, ständig die Richtung wechselnden Musik Offenbachs. Wahrlich keine leichte Aufgabe, sie zu animieren. Beim neuen ersten Kapellmeister des Hauses, dem Finnen Valterri Rauhalammi ist sie jedoch in besten Händen.

Es gibt große Dialoge, was an Operette erinnert, aber es gibt auch zwei lange, opernhafte Finali von musikalischem Gewicht! Dieses Werk setzt sich aus Elementen ganz unterschiedlicher  Gattungen zusammen. Große Theatermusik!“.

Mit Verve, Esprit, Tempo und Temperament brennt Valterri Rauhalammi ein  musikalisches Feuerwerk ab, das auch dank des alles in allem hervorragenden, riesigen Sängeraufgebots (herausragend Eric Laporte-Fridolin, Mareike Morr-Robin, Athanasia Zöhrer – Rosé-Du-Soir, Stella Motina-Prinzessin Kunigunde, Sung-Keun Park-König KarotteKalebasse/Quiribiri-Daniel Drewes en travestie) das Premieren­publikum (das jede Musiknnummer heftig beklatschte) am Ende der Vorstellung zu wahren Begeisterungsstürmen hingerissen hat. Ein großer Abend für die Staatsoper Hannover, ein großer Abend für Jacques Offenbach. Dieter-David Scholz

  1. Matthias Käther

    Sehr schön, aber Sardou schrieb doch nicht das Libretto zu Tosca, Kollege Scholz! Der Text ist von Illica/Giocosa nach dem Schauspiel „La Tosca“ von Sardou.
    In gewisser Weise beruhigend – das zeigt, dass wir „Experten“ alle unsere schwachen Momente haben, und es tröstet mich über ähnliche Schnitzer in meinen Texten hinweg 🙂
    Ich finde es erwähnenswert, dass Sardou hier wiederum für Offenbach E.T.A. Hoffmanns „Königsbraut“ bearbeitet hat – Hoffmanns Erzählungen ist also durchaus nicht die erste Auseinandersetzung Offenbachs mit dem Dichter. Ich freue mich sehr, dass das Werk endlich in Deutschland gespielt wird.

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