Nur schöne Bilder

 

Mit Spannung war das Debüt des international renommierten Filmemachers Wim Wenders als Opernregisseur erwartet worden. Nach einem abgebrochenen ersten Versuch in diesem Metier in Bayreuth war es Daniel Barenboim gelungen, ihn zu einer Arbeit an der Berliner Staatsoper zu überreden. Wenders Stückwahl fiel auf Bizets in unseren Breiten nicht häufig anzutreffende Oper Les Pecheurs de perles, die auch für den Chefdirigenten der Berliner Staatskapelle eine Novität in seinem reichen Repertoire darstellte. Im Vorfeld der Premiere hatte sich der Regisseur sehr sympathisch über Bizets Oper und seine eigene Rolle geäußert, versprochen, ganz die Musik sprechen zu lassen und das Werk nicht zu entstellen, also auf Trenchcoats und Fluchtkoffer zu verzichten.

„Les Pêcheurs de perles“ an der Berliner Staatsoper/ Szene/ Foto Donata Wenders

Wenders inszeniert die Dreiecksgeschichte zwischen der Priesterin Leila und den beiden sie liebenden Freunden Nadir und Zurga als Kammerspiel mit dem glänzend singenden Staatsopernchor (Martin Wright) als Staffage. Selten hat man die einheitlich dunkel kostümierten Damen und Herren dieses Klangkörpers so statuarisch gesehen. Zumeist sitzen oder stehen sie als Gruppe im Hintergrund, sind kaum individuell geführt und wirken wie außen stehende Beobachter. Auch für die fast immer an der Rampe platzierten Protagonisten hat der Regisseur keinen individuellen Bewegungsstil gefunden, sie nutzen  standardisierte Operngesten. Vor allem Olga Peretyatko-Mariotti bietet außer empor gestreckten oder ausgebreiteten Armen kaum eine andere Gebärde an, sieht man von ein paar Tanzschritten vor ihrer Arie ab. Die Sopranistin singt die Partie solide und kultiviert, doch mit recht anonymem Timbre – der Stimme fehlen erotisches Flair und exotischer Reiz. Zudem stößt sie in den dramatischen Teilen der Partie (so im Duett mit Zurga) an ihre Grenzen. Montserrat Casanova hat sie in eine elegante Designerrobe mit langer Schleppe aus heller Seide gekleidet, in der sie auch Tosca, Adriana und jede andere Divenrolle hätte singen können. Nicht viel anders agiert Francesco Demuro als Nadir, der einen spröden, oft gequält klingenden Tenor mit enger Höhe hören und in seinem Gesang jedes französische Idiom vermissen lässt. In seiner berühmten Romanze zieht er sich mit dem Gebrauch der voix mixte und dem Einsatz duftig schwebender Kopftöne allerdings achtbar aus der Affäre. Mit Gyula Orendt als packendem Zurga steht eine pralle Figur auf der Szene. Sein kraftvoll strömender Bariton besitzt im forte und in der Attacke einen aufregend virilen Klang, verliert aber in der mezza voce an Qualität des Tones, wirkt dann belegt und kehlig. Wolfgang Schöne ergänzt die Besetzung mit reifer, anfangs schütterer Stimme als Oberpriester Nourabad in schlichter grauer Kutte.

Mit der Staatskapelle Berlin sorgt Barenboim für ein farbiges Klangbild mit duftigen Valeurs und flirrenden Stimmungen, aber auch dramatischen Akzenten. Er begleitet die Sänger einfühlsam und sieht sich am Ende der Premiere am 24. 6. 2017 gemeinsam mit dem gesamten Team enthusiastisch gefeiert. Dies war die letzte Premiere der Staatsoper im Schiller Theater.

Überraschend wurde Wenders’ Lesart vom Publikum gänzlich ohne Widerspruch angenommen. Es ist anerkennenswert, dass der Regisseur die Handlung erzählt, ohne sie zu denunzieren oder sie in einem kitschigen Bilderbogen auszubreiten. Die Optik (David Regehr/Bühne und Olaf Freese/Licht) ist elegant und atmosphärisch, verzichtet aber auf jedes Lokalkolorit, eliminiert das exotische Element, welches das Stück bestimmt. Bis in die Hinterbühne ist ein Sandstrand ausgebreitet, auf dem Freese raffinierte Lichtstimmungen zaubert, die auch tropische Hitze suggerieren. Nach der Pause ist der Raum mit dunklen Stoffbahnen eingefasst, welche im Moment von Zurgas rasender Eifersucht durch Windmaschinen zum Wallen gebracht werden. Als Einfall ebenso befremdlich wirkt im 3. Akt ein Vorhang im Hintergrund, der eine Theater-auf-dem-Theater-Atmosphäre evoziert und stilistisch ein Fremdkörper in dieser Ausstattung ist. Denn diese wird bestimmt von Video-Projektionen in Schwarz/Weiß auf einer vorderen Gaze-Wand, in denen sich der Filmregisseur zeigt. Immer wieder ist es das Meer in verschiedenen Stimmungen, auch Wolken, Vollmond und Palmen sind zu sehen. An die Stummfilmästhetik erinnern eingespielte Gesichter der handelnden Figuren, welche Momente der Handlung in der Vergangenheit illustrieren. Mehrfach werden diese filmischen Sequenzen mit dem tatsächlichen Geschehen auf der Szene überblendet, was einen verfremdenden Aspekt einbringt. Gezeigt wird Bizets Originalfassung von 1863, in der die Handlung nicht mit dem brutalen Meuchelmord der aufgebrachten Menge an Zurga endet, sondern mit der Vereinigung von Leila und Nadir als glücklichem Ausgang. Dafür findet das Team eine stimmungsvolle Entsprechung von poetischem Zauber mit einer goldenen Lichtbahn auf dem Boden, welche in das monochrome Grau der Szene einen überraschenden Farbtupfer einbringt, freilich an Erich Wonders Bayreuther Tristan-Bühne erinnert (Foto oben: „Les Pêcheurs de perles“ an der Berliner Staatsoper/ Szene/ Ausschnitt/ Foto Donata Wenders). Bernd Hoppe