Das männermordende Weib

 

Ist es  Zufall, dass  Turandot nach dem Tod der Sklavin Liù endet? Der Tod hatte Puccini die Feder aus der Hand genommen. Der Komponist hatte sich mit dem letzten Akt seiner letzten Oper schwer getan. Fünfmal ließ er das Libretto zum dritten Akt verändern. Er wollte das Werk mit einem Happyend beschließen, mit einer Szene „in der die Liebe explo­diert“, wie in der Korrespondenz mit seinem Librettisten nachzulesen ist, was aber nur schwer verständlich, um nicht zu sagen unwahrscheinlich ist. Der Dirigent Arturo Toscanini hatte im Oktober 1924 einen von Puccini improvisierten Schluss am Klavier gehört und schlug nach dem Tode des Komponisten Franco Alfano als Vollender der Partitur vor. Alfano, seinerseits ein erfolgreicher und geachteter Opern­kom­ponist, schrieb die Musik zu dem ausstehenden Happyend auf der Grundlage der vor­handenen Skizzen im Sinne Puccinis. Doch bei der Uraufführung an der Mailänder Scala am 25. April 1926 verzichtete Toscanini mit gutem Grund auf dieses Finale und legte den Taktstock nach dem Tod der Liù nieder mit den Worten „Hier endet das Werk des Meisters“.

Viele haben sich in der Folge schwer getan mit dem Schluss der Oper, mit der Musik wie mit dem Szenario. Einige Alternativen von Alfano-Kürzung bis Neukomposition durch Luciano Berio wurden ausprobiert.  Jede Neuinszenierung des Fragments steht vor der Frage: Wie halt ich´s mit dem Schluss der Oper? Über zwei Akte hindurch breitet Puccini das gewalttätige Herrschaftssystem der  männer­mordenden, eisumgürteten Prinzessin Turandot vor dem Zuschauer aus. Am Ende  dann sollen  Menschlichkeit und Liebe siegen? Regielich ist das kaum glaubhaft zu realisieren.

„Turandot“ am Teatro Regio di Torino/ Szene/ Foto Ramella & Giannese

Stefano Poda lässt im Teatro Regio von Turin (am 16. Januar 2018) das Stück denn auch mit dem Tod Liùs enden, was um so folgerichtiger ist, als seine Inszenierung weniger eine gefühlige altchinesische Austattungsoper als ein zeit-und ortsloses, grausames Ritual des Kampfes zwischen Tod und Leben, Mann und Frau darstellt. Ein Traumspiel, das Poda in weißem, abstraktem Raum aus Papierwänden entfaltet. Körperskulpturen, phantastische Kostüme, Lichtzauber und und virtuose Chorführung machen den Abend zu einem mitreißenden theatralischen Spektakel von großer  Sinnlichkeit wie gleichzeitiger Strenge zwischen Rausch und Askese. Die Aufführung ist so unrealistisch wie schon Puccinis Komödienvorlage von Gozzi. Ein Ballett enthüllter Menschen spiegelt den atavistischen Kampf der Gegensätze überzeugend im Körperlichen, ohne aufgesetzt zu wirken. Alles gehört zusammen.

Da das Multitalent Stefano Poda für Regie, Bühnenbild, Choreographie und Licht verantwortlich zeichnet, darf man von einer stimmigen theatralischen Performance sprechen, die die Worte eines der Minister ernst nimmt und zum Mittelpunkt der  Konzeption macht: „Turandot existiert nicht“. Poda demonstriert: Turandot ist nichts als eine negative Männerphantasie. Die uralte Angst des Mannes vor dem männerverschlingenden, männermordenden Weib kommt in dieser Inszenierung zu ihrem Recht. Turandot ist das Weib an sich, Archetyp zwischen Eros und Thanatos. Sie geht als individuelle Persönlichkeit unter im Geschlechtsrollen-Kollektiv und unterscheidet sich szenisch nicht von den Choristinnen, jedes Weib ist eine Turandot, Turandot ist wie alle Frauen sind. Alle tragen die gleichen wallenden weißen Kostüme und Perücken. Nur Calaf und sein Vater tragen Schwarz. Im dritten Akt dreht sich die Farbsymbolik um, die mit subtilem ästhetischem Feingefühl eingesetzt wird, begleitet von vielen mythologischen und literarischen Anspielungen. Unterstrichen wird diese als Gesamtkunstwerk überwältigende Produktion jenseits von intellektuell überfrachtetem deutschem Regietheater wie „altbackenem“ Operntheater vom nicht minder unkonventionellen, beeindruckenden Dirigat Gianandrea Nosedas, der das Werk so modern, so wenig verzuckert, so verstörend schroff dirigiert, wie man es nur selten erlebt hat. Seine stark Bläser- und perkussionsbetonte Lesart  macht die Zwiespältigkeit, Brüchigkeit, ja Widersprüchlichkeit dieser Weltabschiedsmusik Puccinis hörbar,  ohne jene Momente unwiderstehlicher  Gefühlsmusik zu verweigern. Chapeau! Das Orchester des Teatro Regie spielt technisch tadellos und klingt phantastisch. Dem brillanten Chor des Hauses gebührt besonderes Lob.

Aber auch die Besetzung  lässt sich hören. Die  Sopranistin Rebeka Lokar singt eine beißende  Turandot, die über die geforderten Trompetentöne der Partie  verfügt.  Durchschlagend  in Höhe wie in Attacke der Tonbildung, weniger in belcantischer Kantabilität  ist auch der  Calaf von Jorge de Leon. Erika Grimaldi singt eine anrührende, bezaubernde Liù.  Über eindrucksvolle Gesangskultur und schöne Stimme verfügt  auch In-Sung Im als Timur. Mit Spiel und Stimme überzeugen Marco Filippo Romano als Ping,  Luca Casalin als Pang und  Mikeldi Atxalandabaso als Pong.

Stürmischer Beifall des mindestens zur Hälfte erstaunlich jungen Publikums im großen Teatro Regio bescherten der Produktion einen glänzenden Erfolg. Wann endlich entdecken deutsche Intendanten das Operngenie Stefano Poda, der abseits des heute üblichen, austauschbaren

Regisseurstheatertrashs traditionelle Opernkulinariker mit neugierigen Jungen zu versöhnen und zu begeistern weiß? Wann endlich entdecken (abgesehen von Erfurt und Wuppertal) deutsche Intendanten das Operngenie Stefano Poda, der abseits des heute üblichen, austauschbaren Regisseurstheaterstrashs traditionelle Opernkulinariker mit neugierigen Jungen zu versöhnen und zu begeistern weiss?Diese Turandot in Turin ist eine Reise Wert (Foto oben: „Turandot“ am Teatro Regio di Torino/ Szene/ Foto Ramella & Giannese). Dieter David Scholz